12.03.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Chicago gilt als Hauptstadt moderner Architektur Im absoluten Höhenrausch

Am Anfang war das Feuer. Selten hat eine Stadt eine Katastrophe so schnell als Chance begriffen wie Chicago. 1871 brannte das aufstrebende Handelszentrum komplett nieder. Wären nicht 300 Menschen dabei umgekommen und noch viel mehr dadurch verarmt, könnte man von einem Glücksfall für die Geschichte der menschlichen Baukunst sprechen.

Die neueste Errungenschaft der Stadtplaner ist der erst im Juni eröffnete Millennium-Park. Er ist Spielwiese, Konzertsaal und Pichnick-Treff an der Magnificent Mile, der Prachtstraße des Zentrums.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Denn der Großbrand machte Chicago zur Geburtsstätte der Wolkenkratzer und zur Welthauptstadt der modernen Architektur. Die Dynamik, sich neu zu erfinden, ist in der drittgrößten Stadt der Vereinigten Staaten noch heute zu spüren. Wie Ausrufezeichen für die zupackende Art ihrer 2,9 Millionen Einwohner wirken die Hochhäuser am Ufer des Michigan-Sees. Das brachte Chicago bald den Beinamen "Stadt der breiten Schultern" ein. Und Mark Twain schrieb 1883: "Chicago ist eine Stadt, in der sie ständig an der Flasche reiben und den Geist herausrufen, von dem sie immer neue Unmöglichkeiten verlangen und auch bekommen."

Einer der beim Reiben ein besonders gutes Händchen hatte, ist William Le Baron Jenney, der 1885 die Stahlskelettbauweise für Hochhäuser erfand. Nach dieser Methode entstand der erste Wolkenkratzer der Welt, das neunstöckige Home Insurance Building. Bis 1996 beherbergte die Stadt nicht nur den ersten, sondern auch den höchsten Wolkenkratzer der Erde. Der 443 Meter hohe Sears Tower aus dem Jahr 1974 überragt die Skyline Chicagos.

Zwischen diesen beiden Architektur-Superlativen ist in etwas über hundert Jahren die am dichtesten bebaute Innenstadt Amerikas gewachsen. Nicht nur mit Vorteilen. Auto-Stellplätze sind extrem knapp. 15 Dollar pro Stunde sind in einem Parkhaus downtown keine Seltenheit. In den steilen Straßenschluchten hat das Sonnenlicht nur wenige Stunden am Tag ein Chance. Die dadurch entstehenden scharfen Hell-Dunkel-Kontraste sind indes höchst reizvoll für Besucher, die sich im Großstadtdschungel auf Skyscraper-Safari machen. Das höchste Risiko dabei ist die Genickstarre.

Die gewaltigen Büro-Türme des Zentrums zwingen unweigerlich dazu, den Kopf in den Nacken zu legen und nach oben zu schauen. Etwa auf das John-Hancock-Center. Mit 343 Metern ist es zwar nur das zweithöchste Gebäude der Stadt, dafür aber jenes, das den besten Blick über das Häusermeer bietet. Beim Blick aus dem obersten Stockwerk Richtung Westen wird auch klar, was bei aller Bauwut verhindert hat, dass Chicago eine Betonwüste wird. Das im Stadtgebiet 47 Kilometer lange Seeufer des Lake Michigan, dessen Fläche so groß ist wie die von Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt zusammen, bleibt unverbaut. Durchgesetzt hat diese in jeder Hinsicht weitsichtige Entscheidung Anfang des 20. Jahrhunderts Daniel Burnham, einer der Säulenheiligen der Chicagoer Architektur.

So können sich die Bürger im Sommer an 32 Badestränden und auf 29 Kilometer Radwegen am Seeufer vergnügen. Dass der fünftgrößte Süßwassersee der Welt auch an den Gestaden eines Ballungsraums mit fast neun Millionen Menschen erstaunlich sauber anschwappt, ist ebenfalls ein einfallsreiches Beispiel für Stadtplanung. Dank eins ausgeklügelten Systems von Kanälen und Schleusen wurde der Chicago-River, der bis dato samt aller Abfälle aus den Haushalten in den See mündete, im Jahr 1900 einfach umgeleitet. Der Fluss änderte seine Fließrichtung vollständig und leitet das Abwasser seitdem in den Mississippi.

Von Fluss und See aus bieten sich eindrucksvolle Panoramen mit den Glas-und-Stahl-Riesen der Innenstadt, die hier Loop, "Schleife" heißt. Benannt ist sie nach der Streckenführung der Hochbahn, die auf mächtigen Schienenstelzen silberglänzend um die Hochhauskulisse rattert und in keinem Film mit Schauplatz Chicago fehlen darf. Wie ein Geschenkband wickeln sich die Züge um die Juwelen der Architektur. "Mache niemals kleine Pläne" lautete Burnhams Credo. Diese Philosophie lockte Visionäre wie Ludwig Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Cesar Pelli oder den gebürtigen Mittelfranken Helmut Jahn in die Stadt.

Vielleicht verkörpert Jahn wie kein anderer die Chicagoer Schule, sich beim Bauen kompromisslos an der Zukunft zu orientieren und nach vorne zu blicken. Dieser Geist ermöglichte schon Ende des 19. Jahrhunderts Meisterleistungen, die unübertroffen sind. Das nur 16 Stockwerke hohe Monadnock-Building ist bis heute mit das höchste Gebäude der Welt, das sein Eigengewicht ohne Stahlrahmen trägt. Am Boden sind die Mauern fast zwei Meter dick. Viele Bauten aus der damaligen Zeit hatten schon eine Glasfassade.

Nie zuvor hatten so dünne Stahlträger so viele Stockwerke ausgehalten. Noch dazu in einer Stadt, die den Beinamen "windy city" trägt. Die eiskalten Böen vom Michigansee stellen im Winter nicht nur Spaziergänger auf eine harte Probe, sondern auch die Statik der Häuser. Und nicht zuletzt war der Hancock-Tower 1969 der erste am Computer entworfene Wolkenkratzer. Und heute? Chicago hat es nicht mehr nötig, nach neuen Superlativen zu hecheln. Sollen doch die schwindelerregendsten Wolkenkratzer in Taipeh, Kuala Lumpur oder Schanghai entstehen. Chicago macht mit eher unerwarteten Bauten Furore. Dazu gehört der erst im Juli 2004 eröffnete Millennium Park, direkt an der Prachtstraße Michigan Avenue.

Ein Meisterwerk des amerikanischen Architekten Frank Gehry mit einem verschnörkelten Musikpavillon, dessen ausgezeichnete Akustik im Sommer die Bürger in Scharen zu Gratiskonzerten lockt. Die Anlage beherbergt auch eine spektakuläre Skulptur des Inders Anish Kapoor. Sie gleicht in der Form einer Bohne aus blitzblank poliertem Stahl, ist 22 Meter lang, 14 Meter breit, elf Meter hoch und wiegt 110 Tonnen. Auf der Oberfläche spiegeln sich die schönsten Fassaden des Loop. Bei aller futuristischen Experimentierfreude ist Chicago keine Festung von Technokraten. Den Rhythmus der Stadt gibt der Blues vor. Die Musikclubs im Schatten der Wolkenkratzer verschließen sich architekturgeschichtlichen Begriffen wie Moderne und Postmoderne.

Hier regiert das Erbe von Howlin' Wolf und John Lee Hooker. Jeden Abend ist es proppenvoll im "Blue Chicago", "Kingston Mines" oder der "Checkerboard Lounge", wenn lokalen Bands die Bühne gehört. Der Sound lockt Einheimische und Touristen gleichermaßen an. An den Tischen heißt es zusammenrücken, bis nur noch eine schmale Gasse für die Bedienung bleibt. Die Enge schafft eine vertraute Atmosphäre, die in einer Zoiglstube nicht unkomplizierter sein kann. Beim ersten Whisky stellt sich heraus, dass der Nebenmann ein Banker aus Mexiko-City ist, der ganz ohne Ironie an Chicago das Ruhige und Beschauliche liebt.

Gegenüber sitzt die Hausfrau aus Michigan, die mit Freundinnen die Gelegenheit nutzt, mal ein Wochenende in der "big city" einen draufzumachen. Und irgendwo an einem Nachbartisch oder auf der Tanzfläche ist garantiert ein Architekt dabei.

Interessante Links

Adressen deutscher Fremdenverkehrsbüros: www.chicago-illinois.de www.wiechmann.de

Über aktuelle Veranstaltungen in der Stadt informiert www.gochicago.com

Blues-Clubs: www.kingstonmines.com www.rosaslounge.com www.bluechicago.com

Architektur: www.architecture.org www.wrightplus.org www.millenniumpark.org

Medien: www.chicagotribune.com www.suntimes.com

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