08.10.2017 - 09:02 Uhr
Deutschland & Welt

Cool, lässig und traditionell Fahrbericht Mercedes E 300 Limousine

"Entdecke den Spießer in dir", dachten wir, und nahmen den Schlüssel für den Testwagen mit dem Kennzeichen S-EK 3657 entgegen. Eine E-Klasse als Limousine: Taxi, Rentner- und Vertreterauto. Von wegen. Nach Ablauf der zweiwöchigen Testzeit und rund 2000 gefahrenen Kilometern streuen wir Asche auf unser Haupt, und zwar gleich eimerweise. Dieser Wagen ist mit das Beste, was wir je bewegt haben. Warum? Lesen Sie selbst.

von Michael Ascherl Kontakt Profil

Daimler gelingt seit einiger Zeit ein verblüffender Spagat. Sie bauen Autos, die weder die Bestandskunden vergraulen noch auf Jüngere wirken als seien sie von gestern. Freilich ist die Karosserieform der klassischen Limousine so angesagt wie Schlaghosen auf dem Laufsteg - und deshalb beinahe schon wieder cool. Petrolheads wissen es: Die Urväter heißen Strich-Acht und W 123 und sind heute mit das Lässigste, womit man vor dem Szenecafé auftauchen kann. Oder als Bergdoktor beim Patienten.

Außen also die klassische Form, durchaus aber frisch gemacht mit mächtigem Grill und flotten Linien. Innen dann dieser keineswegs albern wirkende Mix aus Tradition und Moderne. Im Testwagen heißt das: "designo"-Ausstattung mit speziellen Lacken (am Testwagen Selenitgrau), vielfältigen Zierelementen, exklusiven Polsterungen und edlen Extras .



Ein E 300 mit vier Zylindern und weniger als zwei Litern Hubraum - auch daran muss man sich erst gewöhnen. Im täglichen Fahrbetrieb aber überzeugt das Kraftpaket unter der Haube ohne Stern (der prangt im Kühlergrill) mit spontanem Ansprechen, Säuselklang und nahezu unglaublichen Verbrauchswerten. Wir erzielten bei unserer Reise an den Gardasee inklusive Stau und auch mal flotter Fahrt einen Durchschnittswert von 7,2 Litern Super. Perfekt zum Aggregat passt die Neungang-Automatik, die wir im Verdacht haben, dass sie mitdenkt und schon vor dem Fahrer weiß, welche Fahrstufe einzulegen wäre.


Apropos Stau. Der wird im Daimler zur Wonne. Der Wagen nimmt auf Wunsch bis etwa 50 Sachen dem Piloten jedwede Aktivität ab. Er lenkt, bremst, beschleunigt, stoppt den Motor und lässt ihn weder an. Das funktioniert perfekt, wie wir über mehrere Stunden auszuprobieren gezwungen waren. Aber auch, wenn's wieder rollt, liest die Business-Limousine alle Verkehrszeichen, erkennt zuverlässig Tempolimits und passt die Geschwindigkeit selbstständig an. Allerdings sollte man manuell immer ein paar Sachen zugeben, sonst überholen einen Lkws. Reihenweise.

Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Das Multibeam-LED-Licht, das glöckerlhell hinausflutet in die Nacht, stets voll aufgeblendet, ohne aber Gegenverkehr oder andere Verkehrsteilnehmer zu irritieren; die werden schlichtweg abgeschattet. Auch das läuft tadellos. Der komplett mit digitalen und deshalb individuell konfigurierbaren Instrumenten bestückte Doppelbildschirm (zwei Mal 32,5 Zentimeter), der schärfer wirkt als jeder HD-Fernseher und sauber in Leder und Luxus verpackt vor deinem Kopf thront. Dennoch schaust du kaum drauf, denn da gibt es ja noch das Head-up-Display mit allen wichtigen Informationen.

Luftfederung mit verschiedenen Fahrmodi? Vorhanden. Birdview, 360-Grad-Kamera und Einparkautomatik? Drin. Sprachsteuerung? Sowieso. DAB-Radio und Apple-Carplay? Check. Schlüsselloser Zugang? Ei freilich. Mehr noch: Per App lässt sich der Daimler von außen in Parkbuchten steuern. Braucht keiner? Dann viel Spaß in der Tiefgarage des Hotels Pace in Torri del Benaco, wenn sie dir eine Box zuweisen, die für Cinquecentos gebaut wurde.

Und dann noch diese Musikanlage. Der Flow, der dich umfängt, wenn du alleine durch die Nacht fährst, "Sultans of Swing" aus den Boxen in einer Qualität, die dich dahinschmelzen lässt. Unbezahlbar. Und jetzt kommt der Haken. Der Wagen, den wir hier beschreiben und zeigen, kostet 85 644,30 Euro. Wer jetzt in Mark umrechnet, ist tatsächlich ein Spießer. 52 895,50 Euro ruft Daimler für den durchaus üppig bestückten E 300 ohne Zusatzausstattung auf. Wer wissen möchte, auf welches der Extras er verzichten kann, darf uns nicht fragen. So weit reicht die Vorstellungskraft nun auch wieder nicht.

 

 

 
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