11.05.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Dolce Vita Vor 60 Jahren kam der Fiat 500 über die Alpen

Für die Italiener war er so wichtig wie für uns Deutsche der Käfer. Denn erst der Fiat 500 hat die Tifosi so richtig mobil gemacht. Doch diesseits der Alpen stand er schon beim Debüt 1957 für einen Hauch von Dolce Vita - und das ist 60 Jahre später nicht anders.

Manuelle "Klimaanlage": Das Faltdach gibt per Handgriff den Weg zum Himmel frei.
von Agentur DPAProfil

Wo er auftaucht, schaut man in lachende Gesichter - egal, in welchem Alter die Passanten sind. Denn kleine Kinder sehen im winzigen Fiat 500 ein groß geratenes Spielzeugauto, bei dem sie im Gegensatz zu den allgegenwärtigen Geländewagen keine Angst haben müssen. In Müttern erwacht der Beschützerinstinkt. Frauen finden ihn zum Knutschen. Rentner erinnern sich verschmitzt an ihre Jugend. Und bei allen erwacht die Sehnsucht nach dem Süden. Denn kein anderes Auto ist so sehr mit Italien und dem Traum vom Dolce Vita verbunden wie der Kleinwagen aus Turin, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag feiert.

Der Cinquecento hat tatsächlich etwas italienisches Flair über die Alpen gebracht. Und zwar in einer Zeit, in der es noch nicht an jeder Ecke eine Pizzeria gab, sondern eine Eisdiele noch etwas Besonderes war, man noch Lambrusco aus Korbflaschen trank und niemand Cappuccino schreiben, geschweige denn fehlerfrei bestellen konnte.

Käfer vom Apennin

Männer wie Christian Besser wollen den Kleinwagen aber nicht auf die Rolle als Lifestyle-Auto reduziert wissen. Der Fiat-Fan aus Mülheim an der Ruhr vom deutschen Fiat-500-Forum gesteht dem Kleinwagen vor allem eine große technische und historische Bedeutung zu. Denn als italienische Antwort auf den VW Käfer aus Deutschland, die Ente aus Frankreich oder den Mini aus England steht er für die preiswerte Massenmobilisierung im Stiefelstaat und für die radikale Vereinfachung eines Fahrzeugkonzeptes, rühmen die Fiat-Archive.

Obwohl der 500 mit seinen 2,97 Metern nur 30 Zentimeter länger als ein Smart ist und trotzdem vier Plätze bietet, muss sich der Fahrer kaum zusammenfalten. Die dünnen Stühlchen kann man soweit nach hinten schieben, dass selbst der üppige Genuss von Pizza und Pasta einem die Fahrfreude nicht verderben. Bei einem Radstand von 1,84 Metern reicht es hinten zumindest noch für die Bambini, und was vorn unter die Haube an Gepäck passt, ist genug für einen Adria-Urlaub.

Bis Schuhgröße 39

Hat man sich erst tief nach unten in die Polstersesselchen plumpsen lassen, fallen die Hände wie von selbst auf ein spindeldürres Lenkrad, das groß und weiß im Raum steht. Die Füße suchen ihren Platz auf den winzigen Pedalen, die schon mit Schuhgröße 39 kaum mehr einzeln zu treten sind. Der Blick schweift über ein feuerrot lackiertes Armaturenblech, an dem sich die Ergonomen heute mal ein Beispiel nehmen könnten: Das Bediensystem ist so aufgeräumt, wie nur eben möglich: Drei Schalter, drei Kontrollleuchten, zwei Hebel neben dem Lenkrad, ein Tacho, eine kleine Handpumpe für die Scheibenwaschanlage und sonst lackiertes Blech.

Mit einem kleinen Hebel neben der Handbremse erweckt man den luftgekühlten Zweizylinder im Heck zum Leben. Es rattert, kreischt und knirscht ein paar Sekunden, dann tuckert der Motor wie am ersten Tag. Zwar ist der Wendekreis winzig klein, doch mangels Servolenkung muss man schon kräftig kurbeln, bis die winzigen Rädchen den richtigen Kurs einschlagen. Und als spritzig darf man den rüstigen Rentner kaum bezeichnen.

Aus einem Hubraum von 0,5 Litern schöpft der Zweizylinder halsbrecherische 18 PS, die selbst bei einem für aktuelle Fahrzeuge undenkbaren Idealgewicht von 520 Kilogramm stark gefordert wirken. Trotzdem ist und bleibt er ein munterer Geselle, dessen Tachonadel sich nahe an die 100er Marke zittert. Dann genießt man auch die serienmäßige Klimaanlage des kleinen Charmeurs. Klimaanlage? Na ja, beinahe. Denn ein großes Faltdach lässt sich mit einem Griff nach hinten werfen und gibt den Blick zum Himmel frei. Spätestens jetzt hat man die Sonne nicht nur auf dem Haupt, sondern auch im Herzen.

Bei den Deutschen stand der Fiat 500 schon immer hoch im Kurs: Schließlich fuhren ein Gutteil knapp vier Millionen bis 1977 gebauten Cinquecento diesseits der Alpen - und zwar nicht nur im Dienst der Gastarbeiter und Pizzabäcker. Nicht umsonst haben die Italiener den Wagen sogar bei der NSU AG in Heilbronn montieren lassen.

Günstig zu haben

"Ja, auch bei diesem Auto sind die Preise in den letzten Jahren ein wenig gestiegen", sagt Besser und erzählt von besonders raren Exemplaren, die schon mal 20 000 oder 25 000 Euro kosten. Echte Abarth- oder "Sport"- Varianten liegen sogar auch mal bei 50 000 Euro. Aber für Spekulanten und Sammler ist der 500er nichts. "Das war immer ein Auto für die einfachen Leute. Damals, als ein Neuwagen 2990 Mark kostete, und heute, wo man für ihn für Preise bekommt, die Mercedes-Fans für manchen alten Kotflügel zahlen." Es gäbe deshalb bis heute noch durchaus restaurierungswürdige Relikte für unter 1000 Euro. "Und für 5000 Euro bekommt man ein Auto, das es ohne große Reparaturen noch zwei, drei Mal über den TÜV schafft."

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