Eine automobile Legende
Der Morgan stirbt nie

Blech trifft auf Holz: Der Morgan baut auf Traditionen. Und das nahezu seit 80 Jahren. Bild: Morgan

Ein Automodell, das seit 80 Jahren praktisch unverändert gebaut wird - gibt es das wirklich? Ja. Und es kommt natürlich aus England. Woher auch sonst?

Man schreibt das Jahr 1936. In der Pickersleigh Road in Malvern Link in der Grafschaft Worcestershire erweitert Harry Frederick Stanley Morgan das Modellprogramm seiner Fahrzeugproduktion. Zu seinen seit 1909 gebauten Dreirädern mit Zweizylindermotoren kommt ein echtes Automobil mit vier Rädern und vier Zylindern, der Morgan 4-4.

HFS, wie seine Freunde den Morgan-Patron nennen, lässt einen leiterförmigen Stahlrahmen zusammenschweißen, ein paar Kutschenbauer setzen darauf einen hölzernen Aufbau aus gut abgelagertem und verleimtem Eschenholz. Für die schnittige Blechkarosserie des Zweisitzers dengeln Karosseriehandwerker mit vielen Hammerschlägen elegant geschwungene Kotflügel, dazu eine längs geteilte Motorhaube und ein schlichtes Heck.

Unter der Haube werkelt ein 1122-ccm-Vierzylinder von Coventry Climax, dessen damals respektable 34 PS den 703 Kilogramm leichten Zweisitzer auf knapp 100 km/h treiben. Der handliche Roadster für zügige Fortbewegung im Alltag und gerne auch etwas Clubsport am Wochenende erfreut sich vom Start an einer guten Nachfrage. Zumal HFS Morgan zwei Jahre später den Coventry-Climax-Motor durch ein von der Automarke Standard zugeliefertes 1,3-Liter-Triebwerk mit 39 PS ersetzt.

Der Zweite Weltkrieg erzwingt einen Produktionsstopp. In Malvern Link entstehen nun Teile für das Jagdflugzeug Spitfire, ehe es 1946 mit dem Morgan 4-4 (fortan und bis heute unter der neuen Bezeichnung 4/4) weitergeht. 1959 entsteht daraus der Plus 4 mit 2,1 Liter-Standard-Vanguard-Triebwerk - ursprünglich in einem Ferguson-Traktor verwendet - und 68 PS, der stolze 135 km/h schafft. Für ein Jahrzehnt baut Morgan nach der Fusion von Standard mit Triumph die Motoren der Modelle TR2, TR3 und TR4 ein. Aber bereits 1955 kommt die Marke Ford als Motorenlieferant parallel ins Spiel, Von einem kurzen Intermezzo mit einem Fiat-Triebwerk 1981 abgesehen - die Kundschaft mochte in diesem urbritischen Automobil keinen italienischen Motor akzeptieren - ist seither Ford der Exklusiv-Lieferant für den Antrieb des 4/4. Dass das Holz für den Karosserie-Aufbau nicht mehr aus dem britischen Sherwood-Forest stammt, sondern aus Belgien geliefert wird, ist für Morgan offensichtlich bis heute genug der Globalisierung.

Heute treibt den mittlerweile 880 Kilogramm schweren 4/4 ein 1,6-Litermotor mit 112 PS an. Unter der langen Haube des Plus 4 arbeitet ein 145 PS starkes Zweilitertriebwerk. Ein Morgan 4/4 kostet heute 51 000 Euro, und das Sondermodell "80th Anniversary" kommt auf 58 800 Euro. Stoßstangen kosten immer noch Aufpreis (1.500 Euro), dagegen sind in Deutschland Türgriffe mittlerweile im Preis enthalten.

Die Basis-Ausstattung ist immer noch spartanisch, dafür haben sich die Lieferfristen gebessert. Drei bis vier Monate sind zu kalkulieren, während es früher bis zu zwei Jahre waren. Der Grund: Man hatte sich bis in die 80er Jahre hinein hartnäckig auf maximal 99 Mitarbeiter fixiert, weil ab 100 die Einstellung eines Gewerkschaftsfunktionärs vorgeschrieben gewesen wäre. Heute arbeiten an der Pickersleigh Road immerhin 160 gut ausgelastete Handwerker, der Sprung über den eigenen Schatten hat sich somit gelohnt.
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