23.03.2018 - 13:38 Uhr
Deutschland & Welt

Köln bietet als erste deutsche Stadt virtuelle Rundfahrten Mit der Tram in die Kaiserzeit

Die Letzten werden die Ersten sein. Wo könnte dieses Sprichwort aus dem Neuen Testament besser passen als im katholischen Köln? Die Straßenbahn rund um den Dom war die Letzte Deutschlands, die auf elektrischen Betrieb umgestellt wurde. Nun ist Köln die erste Stadt mit einer "digitalen Tram".

An der Rhein-Promenade entlang mit der ersten elektrischen Kölner Tram: In der Kaiserzeit bestimmten Fußgänger und Fuhrwerke das Bild. Diesen Eindruck bekommen die Besucher in Köln bei einer virtuellen Stadtrundfahrt. Grafik: TimeRide
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Fernseh-Bastler Jean Pütz, Moderatorin Hella von Sinnen, der Komiker Tom Gerhard und der Heute-Show-Außenreporter Lutz van der Horst waren schon da. Sie fuhren 15 Minuten lang mit der Tram durch Köln - nicht in der Gegenwart, sondern in der Kaiserzeit. Wie das geht? Mit Virtueller Realität (Virtual Reality/VR).

Computer erzeugen in Echtzeit eine digital erschaffene, interaktive, dreidimensionale Wirklichkeit. Ist kompliziert, aber leicht zu erleben. In Köln setzten sich Pütz, von Sinnen, Gerhard und Co. dazu einfach eine VR-Brille auf und sich selbst in den Nachbau einer original Kölner Tram. In einen Nachbau der ersten elektrischen Straßenbahn der Stadt wohlgemerkt.

Zeitvergleich

"TimeRide VR" hat in Köln am Platz "Alter Markt", mitten im historischen Zentrum, einen Laden in eine Straßenbahn-Haltestelle umgebaut. Stilecht, versteht sich. Ein Billett-Häuschen, darin Verkäufer mit Schirmmütze, rechts, neben der Bahnsteig-Sperre der Wagen mit dem Schriftzug "Bahnen der Stadt Cöln".

Die Zeitreise beginnt jedoch schon vor dem Einstieg in die Straßenbahn. Sie ist die dritte Station. Erster Halt ist am Kaiserpanorama: Stereoskopische 3-D-Aufnahmen ermöglichen den Vergleich bekannter Kölner Sehenswürdigkeiten zwischen damals und heute. Zur Sammlung gehört zum Beispiel der bekannte Blick vom Deutzer Rheinufer in Höhe der Deutzer Brücke auf den Dom. Zweite Station: Kinema. Im Kinosaal lassen die Macher von TimeRide die Geschichte Kölns seit der Römer-Zeit Revue passieren. Danach heißt es: Einsteigen, bitte! Die Fahrt in die Kaiserzeit beginnt.

Vom Platz "Alter Markt", dort wo sich auch TimeRide befindet, geht die Fahrt mit der Linie 14 zum Rhein. Von dem Punkt, an dem heute das Schokoladenmuseum steht, rumpelt die Tram auf der Promenade entlang. Rumpeln ist übrigens wörtlich zu verstehen. Tatsächlich vibriert es während der Fahrt in dem Wagen, obwohl sich der ja eigentlich nur virtuell bewegt. Und während der virtuelle "Zugführer" vorne die Bahn langsam in Bewegung setzt, macht sich leichter Fahrtwind im Gesicht bemerkbar.

Kein Wunder, das muss auch sein. Denn obwohl die Fahrgäste alle im Fahrgastraum Platz nehmen, sitzen sie in der virtuellen Welt grundsätzlich in der ersten Reihe, auf dem Perron des Fahrers. Der murrt darüber zwar, nimmt seinen Mitfahrer aber dennoch mit. Schließlich haben die Fahrgäste ja ihr Ticket bezahlt.

Rundumblick

Ganze Straßenzüge wurden am Computer anhand von alten Fotos digital nachgebaut, weit mehr als 600 Häuser. Rund 3000 animierte Personen laufen in der Stadt herum. All das reproduzieren 27-Gaming-Computer auf jeweils eine VR-Brille. Diese ermöglichen einen 360-Grad-Rundum-Blick - und zwar in alle Richtungen: Oben, unten, vorne, hinten, rechts, links. Wer sich nach hinten umdreht, kann in den Fahrgastraum der Straßenbahn sehen. Nach oben fällt der Blick auf den Dom. Links fährt ein Feuerwehrauto vorbei. Und rechts dreht sich ein Arbeiter samt Holzbalken auf der Schulter so um, dass er mit seinem Balken einen Kollegen geradewegs ins kalte Rheinwasser schubst.

All das sorgt für Aufsehen in der Branche, weiß Standortmanager Matthias Flierl. Der gebürtige Oberpfälzer begleitet TimeRide von Anfang an. "Wir wollen Menschen in andere Epochen bringen", sagt er. Die Zeitreise von TimeRide nutzt moderne Computer-Technik, um Jung und Alt für Geschichte zu begeistern. Eine Rechnung, die aufzugehen scheint. Seit der Eröffnung im Herbst 2017 hätten bereits 30 000 Menschen eine virtuelle Zeitreise unternommen, Touristen wie Kölner gleichermaßen.

Vor allem bei der Altersgruppe der über 40-Jährigen steige das Interesse rapide. Aber auch viele Schulklassen fahren Straßenbahn. Virtuelle Stadtrundfahrten sind Neuland. Hierzulande gebe es noch nichts Vergleichbares, weiß Flierl. Dementsprechend werden Besucher ausführlich in die Technik eingewiesen. Viele kommen zum ersten Mal mit virtueller Realität in Berührung. Doch mögliche Berührungsängste sind schnell verschwunden. Jupp Schmitz (56) aus Köln-Ehrenfeld jedenfalls ist begeistert. "Hat mir jot jefallen. Herrlisch!"

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