17.11.2017 - 16:48 Uhr
Deutschland & Welt

Nach dem Brand am Vietnamesen-Markt in Cheb Alptraum am Asia Dragon Bazar

Das Flammeninferno steckt allen noch in den Knochen. Irena Tranová, Besitzerin des Restaurace Irena am Svatý Křížž, ist traumatisiert: "Wir bekommen das kaum aus unseren Köpfen", sagt sie über die Brandnacht vergangene Woche. In ihrem Lokal barsten Fenster und Türen, zusammen mit ihrem Bruder versuchte sie, die hölzerne Terrasse mit einem Wasserschlauch zu kühlen.

Ein Mitarbeiter der Abbruchfirma entsorgt die Überreste des Brandes am Cheber Vietnamesen-Markt. Bilder: Herda (2)
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Cheb/Eger. Das Feuer am "Asia Dragon Bazar" war am Montagabend vergangener Woche ausgebrochen - bis in die Nachtstunden kämpfte die Feuerwehr, darunter auch die FFW Waldsassen, gegen die Flammen an. Die mittlere Reihe der Verkaufsstände, in der das Feuer ausgebrochen sein muss, war nicht mehr zu retten. Rund ein Viertel der Buden samt Ware wurde vernichtet.

Der giftige Geruch nach verbranntem Plastik hängt noch immer in der Luft - hinter dem rot-weißen-Absperrband der Polizei tragen verrußte, zum Teil verbogene Eisenstangen Reste des Daches. Am Boden die traurigen Reste der Händler: verschmorte Kleiderständer, verkohlte Schaufensterpuppen, Unmengen zerfetzter Kartons.

Die Brandursache ist noch nicht endgültig geklärt: "Wir prüfen das Problem genau", teilt Kateřina Böhmová, Leiterin der Presseabteilung bei der Karlsbader Polizeidirektion auf Anfrage unserer Zeitung mit. "Wir warten auf die Ergebnisse und Einschätzungen der Experten." Es lägen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. Die Untersuchung am Brandort ist jedenfalls abgeschlossen. "Seit heute ist das Gelände freigegeben", sagt am Donnerstag Andrej Lukáč.

Beim Brand alles verloren

Der Bruder der Restaurant-Besitzerin managt die Aufräumarbeiten. "Wir helfen hier alle zusammen", sagt der zupackende Mittvierziger aus Cheb, "wir sind eine große Familie." Ein vietnamesisches Pärchen kommt auf den Gastronomen zu, er umarmt die beiden herzlich. "Es gibt Leute, die haben alles verloren", sagt Tranová kopfschüttelnd, "eine Katastrophe." Die Versicherung zahle zwar die Schäden an den Gebäuden, nicht aber für die verlorene Ware.

"Wir haben alle zusammengelegt", erklärt Lukáč, "es hätte ja uns allen passieren können." 200.000 Kronen (7800 Euro) seien so bisher zusammengekommen. Das soll den Geschädigten den Neustart erleichtern. Auch die Restaurantbesitzer mussten rund 300.000 Kronen (gut 11.000 Euro) für neue Fenster und Türen aufbringen: "Wir haben Glück, bei uns zahlt die Versicherung." Seit 20 Jahren betreiben die Geschwister das Lokal: "Das läuft super", freut sich Lukáč, "80 Prozent unserer Gäste sind Deutsche, der Rest Tschechen."

Zwischen den Ständen stehen verloren Grüppchen von Vietnamesen, als wüssten sie nicht, wohin. Spricht man sie an, lächeln sie freundlich, verstehen aber weder Tschechisch, noch Deutsch oder Englisch - oder wollen es nicht verstehen. Viele der ehemaligen Leiharbeiter haben das Land nach 1989 verlassen müssen, einige konnten sich eine Existenz als Kleinhändler aufbauen. Ha Ngoc Quyen hält an einem Stand gegenüber der abgebrannten Reihe ein Baby im Arm: "War nicht da", sagt sie auf die Frage nach der Brandnacht. Sie helfe heute nur einer Freundin, passe auf das Kind auf. Vielleicht wüssten die Nachbarn mehr. Aber auch sie winken ab.

"Wir haben alle die Nase voll von den ständigen Gerüchten über Drogen und gefälschte Waren", hat Gastronom Lukáč Verständnis für das Misstrauen der Leute, für die der Brand existenzbedrohend ist. Er deutet auf die nahe gelegene Polizei-Station: "Wenn es so schlimm wäre, hätten die wohl längst eingegriffen." Lukác blickt lieber in die Zukunft: "Bis nächste Woche soll das hier alles entsorgt werden", deutet er auf die Buden-Skelette. Zusammen hat man ein Entsorgungsunternehmen beauftragt. "Bis im Dezember soll hier alles neu gemacht werden mit festen Mauern - eine Art Einkaufszentrum."

Das Entsorgungsunternehmen kommt noch nicht so richtig in die Gänge. Zwei Männer schleppen einzelne Trümmer zu einem Abschleppwagen. "Ich bin heute hier zum ersten Mal eingeteilt", sagt der Ältere der beiden. Wie lange der Abtransport dauert? Er zuckt die Schultern. Auch der jüngere Mann ist nicht sehr gesprächig: "Nejsem tady šéf, jsem robotník - ich bin hier nicht der Chef, sondern ein Arbeiter".

Tankstelle in Gefahr

Einige hundert Meter vom Brandort entfernt ist die Tego-Tankstelle von Tomáš Kněžický. Der bärtige Geschäftsführer hat in der Brandnacht das gefährliche Spektakel gefilmt. "Eine Riesenaufregung", erzählt er. Eine Hitze von rund 900 Grad habe das Feuer entwickelt, man musste ständig fürchten, dass Gasflaschen und Pyrotechnik in die Luft fliegt - und vor allem galt es, die Tankstelle zu sichern. "Es war ein Alptraum", erinnert sich die Angestellte, die an diesem Abend Dienst hatte. Für sie steht die Brandursache jetzt schon fest: "Die Leute wärmen sich immer an solchen kleinen Öfen, da hatte bestimmt einer einen Defekt."

Video: Tomáš Kněžický

Vietnamesen in Tschechien

Die nach Schätzungen bis zu 200 000 Südostasiaten leben weitgehend isoliert im Land, pflegen mehr Kontakte zu Landsleuten in Deutschland als zur einheimischen Bevölkerung. Seit den 1950er Jahren hatte die damalige Tschechoslowakei junge Männer aus dem Kriegsgebiet als Arbeiter angeworben - Vietnam beglich Schulden mit menschlicher Arbeitskraft. Nach 1989 wurden viele Vietnamesen ausgewiesen Eine Integration der nach Ukrainern und Slowaken drittgrößten nationalen Minderheit war nie vorgesehen. (jrh)

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