Unterwegs auf dem höchsten Berg des Iran
Schwefeldämpfe und Atemnot

Unterhalb des 5671 Meter hohen Damavand-Gipfels treten Schwefel-Dämpfe aus. Im Inneren des Vulkans brodelt es nämlich noch immer.
 
Im Nichts steht auf 3050 Metern Höhe die Moschee Gusfandsara. Von hier scheint der Gipfel des Damavand schon zum Greifen nahe.

Etliche Gipfel sind über 4000 Meter hoch. Aber mit 5671 Metern überragt der Damavand im Elburs-Gebirge alle anderen. Dort, zwischen dem Kaspischen Meer und der Hauptstadt Teheran, tummeln sich in den Sommermonaten viele Bergwanderer und Bergsteiger. Vorwiegend Iraner. Europäer sind die Ausnahme - noch.

Eshan will hinauf. Ganz nach oben, bis auf den Gipfel. Als es noch dunkel ist, kriecht er aus seinem Zelt, trinkt Tee, isst etwas Fladenbrot, schiebt sich eine 1,5-Liter-Mineralwasserflasche in die Tasche. Marschiert los. Ohne Handschuhe. Ohne Mütze. Ohne richtige Kleidung für diese Höhe. Mit jedem Meter nimmt die Kälte zu. Nach fünf Stunden Qual sitzt Eshan auf einem Stein. Ohne Gefühl in den Händen. Mit starken Kopfschmerzen. Höhenkrank. Tränen kullern über die Wangen des 33-Jährigen. "Heute ist der Todestag meiner Mutter", sagt er, zeigt ein Bild von ihr auf dem Handy. "Für sie wollte ich hinauf." Aber für Eshan geht es nicht weiter.


40 Viertausender

Für viele Iraner ist die Besteigung des Damavand etwas Besonderes. Der Vulkan liegt nur 80 Kilometer nordöstlich von Teheran und ist mit 5671 Metern - alternativ ist auch von 5604 und 5610 Metern zu lesen - einer der höchsten freistehenden Berge der Welt. Noch sind die Europäer unter den Bergsteigern in der Unterzahl. Denn der Iran ist kein klassisches Urlaubsziel. Aber seit dem Rücktritt von Präsident Mahmud Ahmadinedschad im Sommer 2013 steigt die Zahl der Besucher. Sie wollen nicht nur kulturelle Schätze wie Persepolis und Isfahan besuchen, sondern auch in die Berge. Iran durchziehen riesige Gebirgsketten mit über 40 Viertausendern, einigen Gletschern und dem Vulkan Damavand. Ausgangsort für die Besteigung ist die Kleinstadt Polur, etwa zwei Stunden Busfahrt von Teheran entfernt.

Zum ersten Mal sehen wir hier den Damavand in seinem gesamten Ausmaß. Die Rucksäcke sind schnell im Nissan Patrol von Mohammed verstaut. 40 Fahrer pendeln in den Sommermonaten - Mohammed hat die Lizenz-Nummer 37 - zwischen dem Tal und dem ersten Lager auf 3050 Metern Höhe. Die Dreiviertelstunde in dem Auto ist für den Architektur-Studenten eine gute Gelegenheit, sein Englisch auszupacken. "700 000 Kilometer hat mein Patrol bis jetzt runter", sagt er, streicht zärtlich über das Lenkrad. "Das Auto ist wie ein Sohn für mich." In Schrittgeschwindigkeit schaukelt der Geländewagen Kehre um Kehre nach oben.


Mitten im Nichts

Das Ende der Annehmlichkeiten heißt Gusfandsara. Eine Moschee mit goldenen Kuppeln steht mitten im Nichts. Akbar kassiert hier ab. 50 Dollar für die Damavand-Besteigung. 15 Dollar für den Transport eines Rucksacks - wenn gewünscht - mit dem Muli. 20 000 Rial (knapp 50 Cent) für eine Flasche Mineralwasser. Ab hier geht es nur zu Fuß weiter. Gut 1200 Höhenmeter, zum Lager 2. Seit 2012 bietet dort die neu errichtete Bargah-Sevon-Hütte auf 4200 Metern Höhe Unterschlupf. Eng ist es im Inneren. Es riecht nach Schweiß, nach Essen. Auf dem terrassenförmigen Gelände unterhalb der Hütte stehen bunte Zelte: Die deutlich bessere Alternative zu den Mehrbettzimmern. Noch während des Zeltaufbaus laden uns die iranischen Nachbarn zu Tee, Keksen und einem Schnellkurs in Persisch ein. "Willkommen in unserem Land", ein Satz, den wir immer wieder hören.

Iranerinnen sind nur sehr wenige hier oben zu sehen, manche aber ohne Kopftuch. Was in der Stadt unvorstellbar wäre, wird am Berg etwas lockerer gesehen. Die Männer sind sofort beim Thema Fußball, bei "Jogi Low, Mario Gotze, Bastian Sweinsteiger". "Wie sehen die Deutschen uns Iraner? Wie spricht man bei euch zu Hause über uns?" Fragen, die brennend interessieren. Am nächsten Morgen führt eine Eingehtour - ausgiebig hatten wir uns vorher in der Alam-Kuh-Region (bis 4850 Meter) akklimatisiert - hinauf auf 5100 Meter zu einem Wasserfall. "Der ist immer gefroren", sagt uns ein Mann aus Teheran. Er steigt seit 27 Jahren regelmäßig den Damavand hinauf, an diesem Tag zum 35. Mal.

Wir sind einige Stunden später dran. Aufstehen um 4 Uhr. Abmarsch um 4.40 Uhr. Die Temperaturen sind in der sternenklaren Nacht kräftig gesunken. Es ist Vollmond, die Stirnlampe fast arbeitslos. Langsam geht es hinein in den Tag. Als die Sonne aufgeht, schlurfen wir durch die karge Mondlandschaft. Aus dem Boden steigen Schwefeldämpfe auf. Im Inneren des Vulkans brodelt es nämlich noch immer. Die Erde drumherum ist gelb. Das Atmen fällt immer schwerer. Nach sechs Stunden stehen wir auf dem Dach Persiens. Auf einem völlig unspektakulären Gipfel, aber mit einem faszinierenden Ausblick. Fotos werden gemacht. Es geht zurück. Bald treffen wir auf Eshan, dem nur noch 300 Höhenmeter gefehlt hätten. Wir nehmen ihn mit zurück zum Lager. "Ich wäre so gerne oben gewesen", sagt er. "Aber meine Mama wird das verstehen."
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