08.12.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Achim Reichel im Interveiw Suche nach Neuland

Am Anfang war die "Akai X330D"-Bandmaschine, die Achim Reichel 1970 frisch erstanden hatte. Der "Hamburger Jung", der im Jahrzehnt zuvor mit seinen Bands Rattles oder Wonderland eher herkömmliche Beat- und Rock-Klänge fabriziert hatte, orientiert an den Idolen Little Richard oder Beatles, wollte auf zu neuen Ufern.

von Autor MFGProfil

Die "Akai" half ihm dabei, denn mit ihr konnte der Gitarrist seinem Instrument ganz neue Klänge entlocken. So entstanden zwischen 1970 - 1974 fünf - nicht nur für die damalige Zeit - hoch-experimentelle Klangcollagen-Alben ("Die grüne Reise", "Echo", "A.R. 3", "A.R. 4" und "Autovision"), die jetzt in digital neugestalteter Version samt etlicher Bonus-Tracks plus einer 96-seitigen Autobiografie "Achim Reichel - Die A.R. & Machines-Story" in einer opulenten 10-CD-Box Einzug gehalten haben.

Damit nicht genug: A.R. & Machines gaben am 15. September ein ausverkauftes Konzert in der Hamburger "Elbhilharmonie". Die Reaktionen darauf waren derart euphorisch, dass Achim Reichel jetzt darüber nachdenkt, mit diesem kuriosen Projekt weiterzumachen, wie er im Interview verrät. Ach ja: Nach der "grünen Reise" wandte sich Reichel übrigens wieder konventionellen (Rock-)Klängen zu, die ihn zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Interpreten avancieren ließen.

Wann war klar, dass die "Machines" nochmals angeschmissen werden?

Achim Reichel: Eigentlich hatte ich diese Ära meines Schaffens längst abgehakt gehabt. Sie zählt ja nicht zu meinen kommerziell erfolgreichsten. (lacht) Doch weltweit häuften sich Anfragen, ob es mir nicht möglich sei, die fünf Alben jener Phase, möglichst mit Bonustracks jener Zeit, in remasterter Version rauszubringen. Es waren viele junge Leute darunter, für die der Machines-Sound offensichtlich interessant war. Dadurch kam ich ins Grübeln, mir hat das auch geschmeichelt, gebe ich offen zu.

Zudem werde ich im Januar 74. In so einem Alter räumt man gerne mal mit der Vergangenheit auf. Ich dachte, dieses Projekt würde sich einfach gestalten - die Songs der fünf Alben, die zwischen 1970 und 1974 entstanden sind, behutsam überarbeiten. Danach raus damit. Doch eines Tages fand ich Material in meinem Archiv, das dort über vier Dekaden geschlummert hatte. Ich hörte mir Zeug an, das ich längst vergessen hatte. Und ich dachte: "Wow, das ist aber echt origineller, interessanter Stoff!" In meiner Erinnerung war es Kram. Aber im Nachhinein stelle ich fest, dass dieser Kram wirklich spannend klingt. So kam es zur 10-CD-Box. Ich habe mich bei der Arbeit daran mit meiner "Machines"-Vergangenheit komplett ausgesöhnt.

Als Sie am 15. September in der sagenumwobenen Hamburger "Elbphilharmonie" vor ausverkauftem Haus Lieder aus jener Phase Ihres Schaffens live in bestechender Akustik zum Besten gaben - welche Emotionen haben Sie, im Nachhinein?

Das war ein unvergesslicher Abend! Mit diesem Konzert ist eine enorme Last von mir abgefallen. Es ist sensationell, dass psychedelische Hippie-Musik in einem so elitären Rahmen zelebriert werden darf, vor mehr als 2000 zahlenden Besuchern. Und wie mir mitgeteilt wurde, ist kein Gast verschwunden. Alle blieben bis zum bitteren Ende. (lacht) Darauf bin ich wirklich stolz!

Erinnern Sie sich noch daran, wie es überhaupt zu den "Machines-Klängen" kam?

Zu Beginn der 1970er wollte ich nicht mehr die herkömmliche Rock-Gitarre spielen, wie ich es zuvor getan hatte. Dieses ewige Gejaule, mein Gott! Stattdessen machte ich mir einen großen Kopf, wie ich etwas Neues auf der Klampfe hinbekommen konnte. Ich schob sämtliche der früheren Vorbilder beiseite, wollte stattdessen etwas kreieren, das ich als "Überwindung von Zeit und Raum" definieren würde.

Was hat es mit Ihrer beinahe mystischen Beziehung zu der "AKAI X330D"-Bandmaschine auf sich, der Machines-Initialzündung?

Ich hatte auf diesem Gerät einen falschen Knopf gedrückt - und plötzlich hörte ich all diese durchgeknallten Echos in meinem Kopfhörer. Die haben mich zunächst irritiert. Im nächsten Moment aber völlig fasziniert. Ich war ein Mann von Mitte 20, seit einer kleinen Ewigkeit in der Musikbranche - und reichlich angeödet von herkömmlicher Beat- und Rock-Musik, selbst von den Stücken meiner Bands Rattles und Wonderland. Ich war auf der Suche. Auf der Suche nach Neuland. Das Neuland war Echo-Sound.

Der Rhythmus spielt eine entscheidende Rolle bei dem Gesamtkonzept...

Und wie! Wobei das für die beteiligten Schlagzeuger Herausfordernde war, dass plötzlich nicht mehr sie oder Bass für den Bumms verantwortlich waren. Sondern eben meine Gitarre. Und natürlich die Maschine. Eine wahre Revolution!

Wie geht es jetzt weiter mit diesem ungewöhnlichen Projekt?

Eigentlich war die Sache nach der Fertigstellung der Box für mich abgeschlossen. Doch nach den berauschenden Reaktionen auf das Konzert in der "Elbphilharmonie" habe ich Blut geleckt. Irgendwie wird es weitergehen mit den "Machines": Weitere Konzerte, eventuell ein neues Album. Ich fühle mich gerade wie in einem Jungbrunnen.

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Weitere Informationen:

www.achimreichel.de

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