23.11.2007 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Bernhard Setzwein zur Uraufführung seines Stückes "3165 - Monolog eines Henkers" in Weiden ... Ein tiefgreifendes psychologisches Kammerspiel

von Angela BuchfelderProfil

Waldmünchen/Weiden. Das neue Theaterstück des mehrfach ausgezeichneten Oberpfälzer Autors Bernhard Setzwein "3165 - Monolog eines Henkers" über den letzten bayerischen Scharfrichter Johann Reichhart (1893 bis 1972) erlebt am 7. Dezember (20 Uhr) in der Regionalbibliothek Weiden seine Welturaufführung.

Die Auftragsarbeit der Stadtbühne Vohenstrauß soll das diesjährige 25-jährige Jubiläum der von der Stadtbühne veranstalteten Burgfestspiele Leuchtenberg krönen. Karten für die Aufführungen am 8., 14., 15., 27., 28. und 29. Dezember (Beginn jeweils 20 Uhr) gibt es unter Telefon 0961/ 3903015. Die KUlturredaktion sprach mit Bernhard Setzwein.

Die Guillotine ist schon 1:1 nachgebaut und wartet auf ihren baldigen Einsatz bei dem makaberen Stück. Wie kam der Kontakt zu Matthias Winter, dem Intendanten zur Stadtbühne Vohenstrauß, zustande?

Setzwein: Letzten Endes haben wir, Matthias Winter und ich, uns da beim Neuen Tag und insbesondere bei Kulturredakteur Stefan Voit zu bedanken. Er hat uns zueinander gebracht. Und das Schöne war: Da war sofort ein Gleichklang der Vorstellungen da. Es hat uns beiden zum Beispiel ungemein gut getan, unser Herumspinntisieren am Stoff - wie bringt man das Leben des letzten bayerischen Scharfrichters auf die Bühne - bei ausgedehnten Waldspaziergängen auszubreiten.
Ich glaube, wir sind beide keine Bürotypen und für das gängige Geschäftsleben völlig unbrauchbar. Wir machen das anders. Mir jedenfalls hat das sehr gefallen, dass man mit dem Matthias alles so genannte Vertragliche auf die gute, alte bairische Art und Weise erledigen kann: mit einem Handschlag nämlich. Und der gilt dann auch! Infiziert vom Bazillus dieses ungeheuren Stoffes waren wir sowieso.

Sie recherchierten selbst noch in der Reichart-Biografie von Johann Dachs und in Archiven das Leben des Vollstreckers - wie lange arbeiteten Sie an dem Stück?

Setzwein: Vor allem habe ich mit Johann Dachs persönlich gesprochen. Er hat mir sehr lebendig von seinen zwei Begegnungen mit Johann Reichhart erzählt. Plötzlich meldeten sich auch noch andere Zeitzeugen. Ich habe mit einer Gastwirtin gesprochen, bei der Reichhart des Öfteren eingekehrt ist. Sie hat erzählt, dass jedes Mal die Gespräche in der Gaststube schlagartig verstummten, sobald der Henker im Türstock stand. Wenn man dieses Stoffsammeln mit einbezieht, das tagelange Darübernachdenken inklusive der nächtlichen Albträume, die ich tatsächlich hatte, dann habe ich mich ungefähr ein halbes Jahr damit beschäftigt. Das reine Schreiben ging schnell. Was hat Sie an dem Stoff gereizt? Die Person des Henkers selbst, oder auch die Persönlichkeiten einiger von ihm Hingerichteter, wie die Geschwister Scholl oder der Wendersreuther Mörder Felix Schieder?

Setzwein: Ich bleibe in meinem Stück ganz bei der Perspektive des Scharfrichters. Natürlich wären die Lebensgeschichten der Delinquenten auch ein Riesenstoff, aber erstens gibt es da schon etliches. Zum anderen hat mich auch die Frage beschäftigt, die übrigens jeder Befürworter der Todesstrafe beantworten müsste: Wer soll's machen? Und was macht dieses Amt aus dem Menschen, der es ausfüllen muss? Und: Welche Doppelmoral und Scheinheiligkeit offenbart eine Gesellschaft, die sich eines Henkers bedient, um ihre Todesurteile ausführen zu lassen, und die diesen Henker gleichzeitig wie einen Aussätzigen behandelt? Das sind so die Fragen dieses Stückes, unter anderem.

Warum wählten Sie die Form des Theaterstücks - und nicht etwa die des Romans? Setzwein: Nun, ganz simpel gesprochen: weil ich von der Stadtbühne den Auftrag zu einem Theaterstück erhielt. Aber abgesehen davon entfaltet dieser Stoff, wie wir alle finden, die daran arbeiten, Autor, Regisseur, Schauspieler, Musiker, eine ungeheure theatralische Intensität. Und das obwohl es wenig Handlung gibt. Aber es gibt ganz starke Bilder: allein schon das Bild dieser schrecklichen Maschine, die völlig zentral und allein in der Arena dieses Blutgerichts stehen wird.

Übrigens, um nervlich schwache Gemüter zu beruhigen: Es fließt kein Blut. Das ist kein Splatterstück, nicht im Geringsten. Eher ein psychologisches Kammerspiel. Die Bilder haben einen anderen Schrecken, einen viel leiseren allerdings, wie ich denke, auch tiefer gehenden.

Spürt man in Ihrem Stück eventuell auch Sympathie für den Henker als Menschen? Reichart war Vollstrecker von 3165 Todesurteilen, den Großteil davon unter den Nazis, dann wurde er nach Kriegsende von den Amis verhaftet und sollte die Nazi-Hauptkriegsverbrecher hinrichten. Wie beleuchten Sie dieses Schicksal? Setzwein: In Form eines Lebensrückblickes, um nicht zu sagen einer Lebensbeichte. Es gab irrwitzige Wendungen in diesem Leben, Dinge, die man sich nicht ausdenken kann. Es war ein menschliches und tragisches Leben, wenn Sie das mit Sympathie meinen. Aber es bleibt natürlich diese Ungeheuerlichkeit: 3165 Menschen vom Leben zum Tod befördert zu haben. Und das kann man nur, wenn man sich die bei vielen Handlangern von Diktaturen vorzufindende Haltung zulegt: Ich mach doch nur meinen Job. Darum geht es in dem Stück auch, und das ist wohl eine ganz aktuelle Frage.

Warum haben Sie diesem im Untertitel "Monolog" genannten Stück eine zweite Rolle hinzugefügt, die einer Lebensgefährtin?

Setzwein: Diese Lebensgefährtin gab es wirklich. Sie hat den Henker, nachdem ihm im Entnazifizierungsverfahren alles Vermögen und Rentenansprüche genommen worden waren, mehr oder minder durchgefüttert. Ich spürte ab irgendeinem Punkt, dieser Endlosmonolog des Henkers braucht einen Widerpart.
Der Wahnsinn dieses Mannes, der von 3165 Schatten verfolgt wurde, braucht die "vernünftige" Gegenstimme einer größtenteils praktisch veranlagten Frau. Nebenbei gesagt: Es gibt aus dieser Konstellation heraus auch Momente der Komik. Oder sagen wir besser: Momente des schwarzen Humors.

Werden Sie bei der Uraufführung anwesend sein?

Setzwein: Ja, aber selbstverständlich! Ich fiebere diesem Tag seit Monaten entgegen. Es gibt nichts Aufregenderes im Leben eines Autors, als wenn seine Papiergedanken zum Leben erwachen.

Außer Text soll es auch Videoeinspielungen und ein Sound-Design geben. Stammen diese Zutaten auch von Ihnen, oder von den Theaterleuten?

Setzwein: Das sind alles Ideen von Regisseur Matthias Winter - und er hat großartige Ideen. Dort, wo ich vielleicht noch einen Tick zu realistisch gedacht habe, auch bei den Regieanweisungen, hat er sich die genau richtigen Freiheiten genommen, das Ganze zu überhöhen, zu stilisieren und auch zu verfremden.

Gibt es schon Interesse von Verlagen oder Bühnen das Stück zu drucken oder zu übernehmen?

Setzwein: Es sind Gastspiele an anderen Orten in Bayern geplant. Und vor wenigen Tagen hat es ein sehr konkretes Gespräch mit einem Hörbuchverlag in Regensburg gegeben, der aller Voraussicht nach eine Hörspielfassung machen wird. Das scheint mir auch das einzig richtige und angemessene. Die Sache muss man hören, sehr authentisch oberpfälzisch dargestellt durch die beiden Schauspieler, Christian Hofmann und Waltraud Janner-Stahl. Die machen das sehr gut. Beim Lesen einer Buchfassung käme das überhaupt nicht so rüber.

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