Briefwechsel zwischen Handke und Unseld
Um Starautor bemüht

37 Jahre haben sich der Dichter Peter Handke (links) und sein Verleger Siegfried Unseld Briefe geschrieben. Die Korrespondenz erschien jetzt unter dem Titel "Der Briefwechsel". Bild: dpa
700 Seiten Korrespondenz zwischen einem Schriftsteller und einem Verleger - das klingt nach Studienstoff für Germanisten. Nicht jedoch, wenn die Briefeschreiber Peter Handke und Siegfried Unseld heißen. Ihre nahezu 600 Briefe erzählen die Geschichte eines Abhängigkeitsverhältnisses.

Da ist zum einen der Dichter, ein großer Stilist deutscher Sprache, aber auch ein gefürchteter Publikumsbeschimpfer, radikal in seinen Urteilen über andere und dabei selbst hochgradig empfindsam. Und da ist der Verleger, der Patriarch der deutschen Nachkriegsliteratur. Ein Charismatiker mit großen Händen und präsidialer Nase. Diese beiden also schreiben sich, 37 Jahre lang.

Anfangs, 1965, ist Unseld noch der Umworbene. Der erst 22 Jahre alte Handke hat dem Suhrkamp-Verlag sein Erstlingswerk "Die Hornissen" zugesandt und erhält die Antwort, die sein Leben verändern wird: "Sehr geehrter Herr Handke, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen." Schon damals formuliert Unseld wie für die Nachwelt.
Handkes Erwiderung fällt gleichermaßen feierlich aus: "Sehr geehrter Herr Doktor, Ihre Nachricht hat mich über die Maßen gefreut." Doch keine drei Monate später erkundigt sich der Nachwuchs-Autor schon reichlich forsch, wo denn nun bitteschön das Honorar bleibe. "Ich brauche Ihnen keine Genrebilder von meiner Lage zu geben." Komisch wird es, wenn sich Handke im nächsten Brief an Unselds Sekretärin wendet, weil diese für den nach Diktat verreisten Verlagschef unterzeichnet hatte.

Inhaltlich geht es meist um prosaische Dinge wie Auflagen, Honorare, Ladenpreis und Buchumschlag. Das Interessante steht zwischen den Zeilen: Da verändert sich der Ton. Handke ist zum Hauptprovokateur der Literaturszene aufgestiegen; nun ist er es, der umworben sein will. Autorenpflege nennt man das - und damit kennt Unseld sich aus. Mit Uwe Johnson soll er nächtelang getrunken haben, um ihn aus seiner Schreibblockade zu befreien (auch von diesem Verhältnis zeugen 770 Briefe). Handke wird vom ihm jahrzehntelang in Watte gepackt.

Unseld hat seinen Handke bis zum letzten Atemzug gepflegt. Schon schwerkrank, nahm er ihn 2002 noch gegen eine Schmähung in Schutz. Umgekehrt würdigte Handke immerhin in einem Fernsehfilm, dass Unseld in den 90er Jahren seine höchst umstrittenen Jugoslawien-Bücher veröffentlicht hatte.

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Peter Handke: "Der Briefwechsel", 799 Seiten, 39,95 Euro, Suhrkamp-Verlag.
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