19.11.2017 - 19:00 Uhr
Deutschland & Welt

Das Bäderdreieck kämpft gegen die Kur-Krise Marienbad will weg vom Stock

Das nostalgische Marienbad sucht nach Wegen aus der Krise. Junge Manager, wie Simon Gregorn vom Kurhotel Falkensteiner, wollen das verstaubte Image aufpolieren. Zu sehr geht der Kurbetrieb noch am Stock.

Blick aus den Marienbader Kolonnaden auf die prächtigen Kurhäuser. Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Marienbad/Mariánské Lázne. "Man versucht euch zu einem gesunden Menschen zu machen, indem man euch die angenehmen Dinge wegnimmt", macht sich Mark Twain bei seinem Aufenthalt 1891 über die Kurgäste lustig. Marienbad (heute rund 13 000 Einwohner) beschreibt der große amerikanische Humorist als die "modernste Stadt auf dem Kontinent, so schön, wie man es sich nur wünschen kann".

Der nostalgische Charme, dem in Alain Resnais Film "Letztes Jahr in Marienbad" ein Denkmal gesetzt wurde, entfaltet sich vor allem auf der Hlavní třída, der Hauptstraße, mit ihren prächtigen Jugendstil-Hotels und Villen, die sich auf beiden Seiten an die Hügel schmiegen. 40 Heilquellen entspringen in der Stadt selbst, 100 weitere in der Umgebung, und auch wer den Schwefelgeruch scheut, hat Freude an der Promenade durch die gusseiserne Kurkolonnade (1888-89) mit Kassettendecke und Neo-Art-Deco-Gemälden von Jan Vyletal, vorbei an der Singenden Fontäne, die nachts schön beleuchtet zu klassischen Klängen sprudelt.

Wenn Simon Gregorn, Marketingchef des Falkensteiner Grand Spa, Teil einer österreichischen Hotelgruppe mit rund 1600 Mitarbeitern in 33 Häusern in Österreich, Italien, der Slowakischen Republik, Serbien, Kroatien und eben Tschechien, cool im Ledersessel der Hotel-Bibliothek lümmelt, dann sieht er ihn vor sich, den neuen Typus des Kurgastes von morgen: aktiv, anspruchsvoll, erlebnishungrig. Der Slowene, dem die Oma Deutsch beibrachte, und der mal Sportreporter werden wollte, ist nicht gerade Romantiker. Dennoch, die große Marienbader Tradition lässt auch ihn nicht kalt - er will sie nur in die Gegenwart übersetzen.

King Edward VII. begeistert

Die glorreiche Vergangenheit steht am Parkrand: König Edward VII. und Kaiser Franz Josef I. aus Bronze. Am 16. August 1904 trafen sie sich hier, um den Geburtstag des Kaisers zu feiern. "Der englische König war damals der mächtigste Mann der Welt", erklärt Gregorn, "der kommt nicht an einen x-beliebigen Ort." Der Herrscher übers Britische Empire logierte in der Villa Luginsland, die als betagte "Lil" auf ihre Sanierung wartet. "Ich habe ganz Indien, Ceylon, alle Bäderstädte in Europa bereist, aber nirgends hat mich die Poesie der wunderschönen Natur so wie hier in Marienbad am Herzen berührt."

Gregorn möchte dieses Bekenntnis ins Moderne übersetzen. Immerhin, Lebemann Edward hatte nicht nur mehr Glück beim Techtelmechtel mit Hutmacherin Mimi als der greise Goethe mit der jungen Ulrike von Levetzow - er hinterließ auch einen Golfplatz, auf dem die Touristiker aufbauen können. Ein Image aber könne ein Hotel allein nicht ändern. "Das ist eine Frage des Destinationsmanagements", beschreibt der Ökonom städtische Aktivitäten, die nach seinem Geschmack Fahrt aufnehmen dürften. "Es gibt Arbeitsgruppen, man hat an das Filmfestival aus den 50er Jahren angeknüpft, um Karlsbad etwas entgegenzuhalten."

Aber die Gäste wollen beschäftigt sein: "Leute, die sich vor zehn Jahren noch als Senioren gefühlt hätten und zu unserer Zielgruppe gehören", sagt der Ex-TUI-Manager, "fliegen heute lieber nach Thailand zum Wellness." Der Kurmarkt ist rückläufig, auch in Bayern. Horst Seehofers Reformen als Bundesgesundheitsminister in den 1990er Jahren stürzten die Kurorte in eine tiefe Krise. Die tschechischen Bäder fühlten sich noch vor ein paar Jahren gar in ihrer Existenz bedroht. Dagmar Žitníková, Vorsitzende des Gesundheitsverbands, warnte die damalige Regierung vor dem Kollaps der traditionsreichen Bäder, nachdem der Sparkurs des zurückgetretenen Gesundheitsministers Leoš Heger (TOP 09) zum drastischen Rückgang der Patientenzahlen führte.

UNESCO-Welterbe 2019?

Gregorn denkt, dass das Bäderdreieck mit Karlsbad, Marienbad und Franzensbad die Signale verstanden hat: "Wir bewerben uns zusammen in einer Initiative der Kurorte Europas als UNESCO-Welterbe - wenn das 2019 klappen würde, wäre viel erreicht." Die Zeit bis dahin müsse Marienbad nutzen, um seinen Unterhaltungswert zu steigern: "Das Chopin-Festival und die Kureröffnung sind schon die Highlights - und außer den Restaurants im Cristal Palace oder der Gourmet Villa Patriot haben wir auch gastronomisch zu wenig zu bieten."

Immerhin hat der umtriebige Hotelier eine neue Zielgruppe erschlossen: "Die Russen sind zurück", freut er sich über die Erholung des Rubels und widerspricht gängigen Vorurteilen: "Das sind nicht nur Milliardäre oder Säufer, bei so einer großen Nation sind auch vier Prozent Mittelstand schon ein großes Potenzial." Professoren, Ärzte, ein paar Industrielle seien unter seinen Gästen. "Die sind viel zurückhaltender als mancher Golf-Gast aus dem Westen", lobt er sie und freut sich über neue deutsch-russische Freundschaften: "Viele unserer bayerischen Gäste haben hier Kontakte mit Russen geknüpft und Adressen ausgetauscht."

Wellness-KulTour ins Bäderdreieck

Der Kulturverein Bohème lädt von Dienstag, 5. Dezember, bis Donnerstag, 7. Dezember, zur Wellness-KulTour ins Bäderdreieck:

  • Zwei Übernachtungen (Vollpension) im Grandhotel Falkensteiner mit Sauna, Schwimmbad und Wellness-Paket
  • Insider-Stadtführung (auf Wunsch auch auf Englisch)
  • Ausflug nach Franzensbad
  • Fakultativ: Konzert des Symphonischen Orchesters Marienbad mit Werken von Mozart und Beethoven und Gespräch mit dem musikalischen Leiter Milan Muzikář
  • Stadtführung und Besuch des Weihnachtsmarktes in Cheb/Eger.
Anmeldung und Details unter Tel. 0176/91 14 51 81.
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