16.03.2017 - 16:17 Uhr
Deutschland & Welt

Das Grenzlandmuseum Eichsfeld erzählt Geschichte und Geschichten vom Eisernen Vorhang in Deutschland Ein halbes Dorf flieht in den Westen

Das kleine Böseckendorf hatte das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu liegen: im 500-Meter-Schutzstreifen der Grenze zwischen Thüringen und Niedersachsen und damit im Sperrgebiet der DDR. Als diese 1961 ihr Bollwerk gegen den Westen ausbaute, war eine Zwangsevakuierung des Dorfes absehbar. 53 Einwohner kamen der Umsiedlung zuvor – durch die Massenflucht von Böseckendorf.

von Thomas Schaller Kontakt Profil

Duderstadt/Teistungen. Das Grenzlandmuseum Eichsfeld erzählt seit 1995 diese Geschichte und noch viele weitere, teilweise mit Exponaten, die dem Besucher nahegehen. Im Fall Böseckendorf sind es hauptsächlich Fotos und Zeitungsausschnitte. Wie das Deutsch-Deutsche Museum im einstmals geteilten Dorf Mödlareuth an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen steht auch die Eichsfelder Mahn- und Erinnerungsstätte an einem historischen Ort, nämlich an der ehemaligen Grenzübergangsstelle (GÜSt) zwischen Gerblingerode im Westen und Teistungen im Osten. Der Grundlagenvertrag der beiden deutschen Staaten war die Basis für den sogenannten „Kleinen Grenzverkehr“, der 1973 hier und an anderen Stellen der knapp 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze eingerichtet wurde.

Nicht nur eine Erleichterung

Nahe der Grenze wohnende Westbürger konnten nun Tagesausflüge in die grenznahen Gebiete im Osten unternehmen. Am Übergang Duderstadt–Worbis nutzten dies bis 1989 fast sechs Millionen Menschen. Dass diese „Reiseerleichterung“ für den Einzelnen die Reise nicht immer nur erleichterte, wird jedem klar, der die Geräte sieht, mit denen die DDR-Beamten Autos und Personen durchsuchten. Beklemmend lesen sich auch die originalen Strafverfügungen gegen Reisende, die – im Bürokratenjargon der DDR – „vorsätzlich die Ihnen obliegenden Rechtspflichten bei der Einfuhr von Gegenständen oder Druckerzeugnissen verletzt“ hatten.

Per Video kommen Zeitzeugen zu Wort. Das Museum beleuchtet das Leben an und mit der Grenze, ebenso die Rolle des Staatssicherheitsdienstes in der Sicherung des "Schutzwalles gegen den Westen", der sich jedoch eher gegen die eigenen Menschen richtete. Es gibt Einblick in die Personenkontrollschleuse, den Nachrichtenraum und die Waffenkammer. Es führt vor Augen, mit welchem technischen Aufwand die DDR ein möglichst unüberwindliches Hindernis aus Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen unterhielt. Anhand von Fotos, Dokumenten und authentischen Teilen der früheren Sicherungsanlagen erfährt der Besucher auf bedrückende Weise, welche Dramen sich an der deutsch-deutschen Grenze abgespielt haben müssen. Auch im Eichsfeld starben Menschen bei Fluchtversuchen oder wurden verletzt.

Leben in der Freiheit

Die Böseckendorfer aber haben Glück: Am Abend des 2. Oktober 1961 fliehen 16 Familien mit 53 Menschen, darunter 21 Kinder, also das halbe Dorf, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in den Westen. Das Pferdefuhrwerk, auf dem die Kinder, Senioren und eine hochschwangere Frau sitzen, ist mit Daunenbetten und Hausrat so beladen, dass sie Schutz vor den befürchteten Schüssen der Grenzpolizei haben. Die Hufe der Pferde sind lärmdämmend umwickelt. Am Wagen ist eine Leine festgebunden. An dieser halten sich die Teilnehmer des nächtlichen Trecks fest, damit in der Dunkelheit niemand verloren geht. Unbehelligt erreicht der Tross die Ortschaft Immingerode im Westen. An einem großen Wegkreuz halten die aus der katholischen Enklave Eichsfeld stammenden Böseckendorfer betend inne und danken Gott für den geglückten Grenzübertritt.

Die Massenflucht, die größte derartige Aktion an der innerdeutschen Grenze, war 2009 Stoff für einen Fernsehfilm. Eineinhalb Jahre nach den ersten Böseckendorfern entkamen 13 weitere über die nun sogar mit Minen gesicherte Grenze nach Niedersachsen. Der katholische Lagerpfarrer des Grenzdurchgangslagers Friedland, Monsignore Wilhelm Scheperjans, sammelte Spenden und kaufte davon in Angerstein nördlich von Göttingen Bauland. Auf diese Weise bekam ein Teil der Geflüchteten
30 Kilometer von der alten Heimat entfernt eine neue, eigene Siedlung und nannte sie Neu-Böseckendorf. Das Leben in Freiheit hatte begonnen.

Informationen

Grenzlandmuseum Eichsfeld Duderstädter Straße 5–7
37339 Teistungen
Telefon: (036071) 97-112
E-Mail: info[at]grenzlandmuseum[dot]de Internet: www.grenzlandmuseum.de

Grenzlandweg Nicht weit vom Museum entfernt beginnt der sechs Kilometer lange Grenzlandweg. Er verbindet 24 Informationspunkte, an denen zum Teil noch im Original erhaltene Beobachtungsbunker und Sperranlagen zu besichtigen sind. Erklärende Texttafeln lassen den Wanderer tief in dieses Kapitel der deutschen Geschichte eintauchen.

Touristisches Video der Agentur Studio1 über das Grenzlandmuseum Eichsfeld (1:15 min)

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