01.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Dirndl selbst nähen - Trachtenmode do-it-yourself war früher nicht Mode "Früher wärst damit aufgefallen"

Weiden/Waldthurn. (ca) Ihre erste Nähmaschine bekam Erna Gollwitzer mit 14 Jahren von ihrer Mutter geschenkt. Die "Pfaff" benutzt sie heute noch gern. Ein Dirndl hat sie sich damals als junges Mädchen nicht genäht. "Früher wärst ja damit aufgefallen. Das war eigentlich out."

Erna Gollwitzer präsentiert eine Auswahl ihrer Dirndln. Bild: Götz
von Redaktion OnetzProfil

Heute ist es in. Ob auf dem Münchener Oktober-Fest oder bei der Flosser Kirwa, bei Hochzeiten und Geburtstagsfeiern: Tracht sieht gut aus und kommt gut an. Auch in Waldthurn und Umgebung. Dort können die Frauen ihre Dirndln sogar selbst schneidern. Daran ist Erna Gollwitzer nicht ganz unschuldig. Sie hat den Dirndl-Boom im Altlandkreis Vohenstrauß angezettelt.

Erna Gollwitzer organisierte 2011 einen ersten Dirndlnähkurs unter dem Dach der Siedlergemeinschaft, bezuschusst vom Bezirk. Vorbild waren die Trachtennähkurse der Neustädterin Maria Enslein. Als Kursleiterin konnte man Trachtenschneiderin Edeltraut Wild aus Gaisthal bei Schönsee gewinnen. Die zehn Plätze waren ruckzuck weg. "Ich hab's noch nicht mal in die Zeitung gesetzt. Es sprach sich einfach rum." Inzwischen laufen zwei Lehrgänge pro Jahr (25 Stunden an vier Samstagen). Alle voll. Erna Gollwitzer führt schon Listen für nächstes Jahr. Pi mal Daumen dürften in Waldthurn und Umgebung inzwischen einige Dutzend Frauen im Stande sein, sich ihre Oberpfälzer Tracht selbst zu nähen. Ganz ohne Vorwissen geht das nicht. "Man muss schon Grundkenntnisse im Nähen haben, damit man ein Dirndl zusammenbringt", sagt Erna Gollwitzer. Bis zu 40 Stunden Zeitaufwand sind nötig, bis Kleid, Schürze und Bluse fertig sind. Und viel, viel Geduld.

Stundenlange Handarbeit

Genäht wird die sogenannte "erneuerte Oberpfälzer Tracht" (Kasten). Eine der Regeln: Der Rock sollte gestiftelt sein. Es dauert einige Stunden, bis die Stehfältchen per Hand mit der Nadel aufgenommen und festgezurrt sind. "Ich mach' das immer abends beim Fernsehen. Wobei: Ich höre eigentlich nur hin, zuschauen kann ich ja nicht." Mit feiner Nadel bestickt Erna Gollwitzer ihre Kleider. Bei der Schnurstepperei näht sie eine Schnur mit einer Zwillingsnadel in den Stoff, die dann ein Ornament ergibt. An manchen Miedern bringt sie Ösen für die Schnürung an, durch die sie ein Satinband oder eine Kette führt.

Sie liebt gerade diese Geduldsarbeiten: "Das ist für mich Erholung. Das mache ich narrisch gerne." Die 63-Jährige hat in der Näherei jetzt im Ruhestand ein wunderbares Hobby gefunden. Während ihrer Berufstätigkeit: "undenkbar." Erna Gollwitzer war als Postzustellerin im ganzen Landkreis unterwegs und arbeitete bis zur Altersteilzeit 2009 in der Philatelie als Teamleiterin. Jetzt näht sie. "Nur" für sich selbst und die Frauen in ihrer Familie. Da kommt schon einiges zusammen: Neben mehreren eigenen Dirndln hat die Waldthurnerin ihre Tochter und Enkelin Luisa eingekleidet. Für Enkel Fabian hat sie eine Ausnahme gemacht: Er bekam ein Leiberl von der Oma. Aktuell wünscht sich die Schwiegertochter ein schwarzes Dirndl "mit kracherter Schürze".

Farblich ist auch aus historischer Warte alles erlaubt. Die 63-Jährige verwendet Wollstoffe für Spenzer und Rock sowie Seide für die Schürze. Für den Alltag werden leicht waschbare "Waschdirndl" aus Baumwolle gefertigt. Ihre Stoffe bezieht Erna Gollwitzer ausschließlich aus Deutschland (in Prien am Chiemsee sitzt ein Hersteller) oder aus Österreich. "Wenn man sich schon die Arbeit macht, dann soll es halten." Die Nachhaltigkeit ist es auch, die Erna Gollwitzer an ihrem Hobby überzeugt. Ein Dirndl ist fürs Leben - mögliche Gewichtsveränderungen einkalkuliert. "Zwei Kleidergrößen weiter oder enger sind drin."

Männerhemden als Futter

Ihr Mann Josef, in Waldthurn als der "Surer", bekannt, ist zum Dirndlexperten geworden. Bei Fernsehsendungen macht er sich einen Spaß daraus, zu schauen, ob die Schürze auf der richtigen Seite geschnürt ist: rechts verheiratet, links ledig. Als Beitrag zu den Dirndln seiner Frau stiftet er seine alten Baumwollhemden, die ein perfektes Innenfutter abgeben. Andere Kurskolleginnen "schlachteten" schon nostalgische Paradekissen vom Sofa aus. Die Jagd nach tollen Stoffen, schönen Borten und den richtigen Knöpfen ist ein Teil des Hobbys. "Dafür sind wir mit dem Bayernticket bis Regensburg und Rosenheim gefahren", erzählt Erna Gollwitzer. Das Ende jeden Kurses feiern die Teilnehmerinnen in geselliger Runde: mit "Abnahme" der Tracht durch stellvertretenden Bezirksheimatpfleger Hans Wax. Stich um Stich sind die Dirndlschneiderinnen im Altlandkreis zu einer Gemeinschaft gewachsen. "Es sind neue Freundschaften entstanden."

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