23.09.2006 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Erinnerung an Gräfin von Schloss Neidstein: Ottilies Leben könnte Stoff für Hollywood sein

Wenn der frisch gebackene Schlossbesitzer Nicolas Cage einmal in der Chronik seiner Vorgänger blättert, dürfte die Geschichte der letzten Gräfin auf Neidstein den amerikanischen Filmstar nicht kalt lassen. Das Leben der Ottilie, Tochter einer superreichen Unternehmersfamilie, die aus ihrem "goldenen Käfig" ausbricht und das wahre Glück findet, könnte Drehbuch-Stoff für Hollywood liefern.

von Autor WSLProfil

Seit Jahr und Tag schmückt ein auffallendes Utensil die gute Stube von Margarete Speigl in der Holnsteiner Straße in Neukirchen - ein silberner Schuh. "Eleganz en miniature", würde ein Schuhexperte beipflichten. Kleiner als das Original, doch formvollendet und zeitlos im Design. So manches edle Accessoire könnte in der glänzenden Schatulle Platz finden.Be i ihr handelt es sich weder um ein Schnäppchen vom Trödelmarkt noch um ein Erbstück, sondern um ein Geschenk an die junge Margarete Aures, so der Mädchenname der Besitzerin. Die großzügige Gabe kam von Gräfin Ottilie, Ehefrau von Philipp Paul, Freiherr von Brand auf Neidstein.

Lesenswerter Roman

Die geborene Freiin von Faber und geschiedene Gräfin Faber-Castell war die zweite Frau des Vaters von Philipp von Brand, des letzten bis 1973 auf Neidstein ansässigen Schlossherrn. Asta Scheib hat ihre Geschichte in einem lesenswerten Roman thematisiert, benannt "Eine Zierde in ihrem Hause. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell".

Tilly und die Bleistifte

Hineingeboren in eine millionenschwere Unternehmensfamilie, erbt sie durch den frühen Tod des Vaters schon in jungen Jahren das weltbekannte Bleistiftimperium Faber mit Sitz in Stein bei Nürnberg. Tilly, so ihr Kosename, erfährt in einem Münchener Internat eine strenge Erziehung. Mit 21 Jahren heiratet die attraktive junge Frau mit dunklen Augen Alexander Graf zu Castell-Rüdenhausen, Nachfahre eines der ältesten deutschen Grafengeschlechter. Noch vor der Hochzeit erlaubt Prinzregent Luitpold die Führung des Familiennamens Graf und Gräfin von Faber-Castell. Er löst auch die bisherige Firmenbezeichnung A.W. Faber ab.

Ehemann Alexander erweist sich schnell als erfolgreicher und ehrgeiziger Manager im Hause Faber. Ottilie widmet sich den drei Töchtern und einem Sohn; ein weiterer Junge stirbt schon im Kindesalter. Obwohl sie ein Leben in Luxus und Überfluss führt, ist die vielseitig interessierte Frau nicht glücklich. Nach quälenden Jahren der Krise kommt es 1916, mitten im ersten Weltkrieg, zur Trennung.

Mit Verachtung gestraft

Ihr Glück sucht sie an der Seite eines Offizierskameraden ihres Mannes, Philipp Paul, Freiherr von Brand, der in erster Ehe mit Diana, Freiin von Hirsch, verheiratet war. Der verlassene Alexander, ihr Umfeld und die Gesellschaft reagieren größtenteils mit Empörung und Verachtung. Besonders schmerzhaft für Ottilie ist das Verbot jeglichen Umgangs mit ihren Kindern. 1918 folgt die Scheidung, und noch im gleichen Jahr gibt sie ihrem Geliebten in Dresden das Jawort. Ihr neuer Wohnsitz wird Neidstein, seit 1466 Stammsitz derer von Brand. Hier verbringt das Paar bis zum Tod Philipp Pauls im Jahre 1935 erfüllte und zufriedene Jahre.

Gräfin auf Einkaufstour

Die Freiin von Brand, ohne Dünkel und Vorurteile, pflegte gerne auch den Kontakt zur Bevölkerung, erzählt Margarete Speigl. Nicht selten kam sie, begleitet von ihrem Mann Philipp Paul oder dem Hausdiener Johann Maag, per Kutsche nach Neukirchen, um Besorgungen zu erledigen. Tochter Ella aus der damaligen Metzgerei Meyer erinnert sich noch gut an die noble Kundschaft. Margarete Speigl erwies der Gräfin gelegentlich den einen oder anderen kleinen Dienst und bekam zum Dank dafür von ihr eines Tages die silberne Schuhschatulle geschenkt.

Unerwartet starb Ottilie am 28. September 1944 im Alter von 67 Jahren. Nach einem eigentlich kleinen Eingriff in der Klinik Hallerwiese in Nürnberg hatte es Komplikationen gegeben. Beigesetzt wurde sie am 2. Oktober 1944 in der Familiengruft derer von Brand an der St. Nikolaus-Kirche in Etzelwang. Die Trauerfeier hielt der damalige evangelische Pfarrer Raum, und viele "einfache" Menschen nahmen Abschied von der Frau, die nach einer unglücklichen Ehe doch noch ihr Glück auf Schloss Neidstein gefunden hatte.

Beobachter der Auktion

Übrigens: Für die Versteigerung des Schlossinventars, die am Mittwoch in München über die Bühne ging (wir berichteten), interessierte sich dem Vernehmen auch die Familie Faber-Castell. Sie vermutete unter den angebotenen Objekten wohl noch persönliche Stücke von Ottilie. Die Suche soll allerdings ergebnislos verlaufen sein.

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