08.08.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Georg M. Oswalds Roman "Alle, die du liebst" hält in Atem Anwalts Albtraum

München. Es ist ein einziger Horror: Der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt Hartmut Wilke hat eigentlich alles, was man sich nur wünschen - und in atemberaubendem Tempo wieder verlieren kann. Stück für Stück schält Schriftsteller Georg M. Oswald in "Alle, die du liebst" die oberflächlichen Glanzschichten aus Familienidyll, beruflicher Reputation und Vermögen von seinem "Helden" ab und lässt einen Gescheiterten auf dem nackten, aber noch nicht verbitterten Boden des Versagens zurück.

Schnörkellose Erzählkunst zeichnet den Münchner Schriftsteller und Anwalt Georg M. Oswald aus. Bild: Peter von Felbert
von Anke SchäferProfil

Packend, aber nie reißerisch spannt Oswald einen fesselnden roten Faden durch Wilkes eher untaugliche Versuche, alles und insbesondere das Verhältnis zu seinem ältesten Sohn wieder ins Lot zu bringen. Und auch das vermeintliche afrikanische Urlaubsparadies erscheint nicht in Hochglanz, sondern in dem brutalen Zwielicht, das so oft die Realität auf diesem Kontinent prägt. Der Schriftsteller, Anwalt und zeitweilige Leiter des Berlin-Verlags lässt im Interview mit der Kulturredaktion hinter die Kulissen blicken.

Was hat für Sie den Reiz ausgemacht, in Ihrem Roman das vermeintliche Ideal vom beruflich und finanziell erfolgreichen, in jeder Hinsicht gut situierten Mann so gründlich in seine unschönen Einzelteile zu zerlegen?

Georg M. Oswald: Existenzkrisen sind immer ein guter Stoff für Literatur. Mein "Held", Hartmut Wilke, ist intelligent genug zu begreifen, dass er an einem Endpunkt angelangt ist: Seine Ehe ist gescheitert, seine berufliche Zukunft ungewiss, und er fragt sich in dieser Situation, was in seinem Leben wirklich zählt. Mich hat interessiert, ob und wie es ihm gelingt, in dieser Lage Antworten zu finden. Ich habe ihm beim Schreiben durchaus die Daumen gedrückt.

Ihr afrikanischer Insel-Schauplatz ist auch nicht arm an skurrilen Männer-Existenzen, die sich ihr Scheitern irgendwie schönreden. Ist diese Haltung Ihrer Meinung nach typisch männlich? Scheitern Frauen besser?

Wenn man so verallgemeinern will, glaube ich tatsächlich, dass Frauen besser darin sind, mit neuen Lebenssituationen zurecht zu kommen als Männer. Männer mögen eher keine Veränderungen und haben Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Viele Frauen gehen damit geschickter um.

Als Jurist sind Sie spezialisiert auf verklausulierte Formulierungen und trockene Sachverhaltsdarstellungen, als Schriftsteller arbeiten Sie mit Spannung und Dialogen. Unterscheidet sich aber letztlich die Konzeption eines Schriftsatzes vielleicht gar nicht so sehr von der eines Romans?

Mit einem Schriftsatz will man etwas anderes erreichen als mit einem Roman. Aber in beiden Fällen arbeitet man mit der Sprache und erzählt letztlich Geschichten. Aber die Regeln sind sehr unterschiedlich. So kommen nur sehr wenige Menschen auf die Idee, juristische Texte zu ihrer Unterhaltung zu lesen.

Sie sind Anwalt und Schriftsteller, waren aber auch schon Verlagsleiter: Geben Sie der Literatur mittlerweile den Vorzug oder haben Sie noch einen Fuß in der Kanzlei?

Das sind zwei sehr verschiedene Tätigkeiten. Für mich war das immer ein "Sowohl-als-auch", nie ein "Entweder-oder". Ich beschäftige mich mit beidem gerne.

Bilden Ihre langjährigen und vermutlich abwechslungsreichen Erfahrungen mit unterschiedlichsten Mandanten und Juristenkollegen einen Ideen-Fundus, aus dem Sie literarisch schöpfen können?

Vielleicht nicht so direkt, aber die Arbeit als Anwalt schärft den Blick dafür, wie groß die Welt außerhalb der Literatur ist, und das wiederum ist für das Schreiben sehr hilfreich.

Liegt in der Schublade Ihres Schreibtisches schon das nächste Manuskript?

Ja, ich schreibe gerade an einem Sachbuch über die Grundrechte. Eine Art Einführung für jedermann. Und es gibt auch schon konkrete Pläne für einen nächsten Roman, in dem, zum ersten Mal bei mir, eine Frau die Hauptrolle spielen wird.

___

Der Roman "Alle, die du liebst" (18 Euro), ist im Piper Verlag erschienen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.