05.09.2017 - 17:38 Uhr
Deutschland & Welt

Grass, Böll und Co.: Vor 70 Jahren wurde die Gruppe 47 gegründet Literarischer Wiederaufbau

Sie sorgte für einen literarischen Neuanfang in Deutschland. Um die "Gruppe 47" ranken sich viele Legenden. Günter Grass hat ihr mit seinem Roman "Das Treffen in Telgte" ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die "Gruppe 47" war die einflussreichste Vereinigung von Literaten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Begonnen hat alles vor 70 Jahren, im Jahr 1947. 20 Jahre lang prägte sie die deutsche Literatur und brachte zwei Nobelpreisträger hervor. Bilder: epd (3)
von Agentur KNAProfil

Bonn. Literarisches Quartett, Bestsellerlisten und Buchrezensionen in den Feuilletons: Wer sich über Lesenswertes informieren will, hat heutzutage viele Möglichkeiten. Es gab einen Vorläufer: Zwei Jahrzehnte lang hat die legendenumwobene "Gruppe 47" die Literatur der Bundesrepublik geprägt und dem geistigen Leben nach den Nazi-Jahren auf die Beine geholfen. Mit ihr verbinden sich prominente Namen: Martin Walser, Günter Grass, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann. Die deutsche Literatur lag am Boden: Vergiftet von brauner Ideologie, viele Schriftsteller ins Exil gezwungen, die in Deutschland verbliebenen isoliert von der literarischen Moderne und traumatisiert von Zerstörung und Gewalt: Der "Nullpunkt".

Kritik und Austausch

Vor 70 Jahren, am 6. und 7. September 1947, traf sich am Bannwaldsee im Allgäu eine Gruppe von 16 Autoren um Hans Werner Richter, um eine Zeitschrift für Literatur - "Der Skorpion" - zu gründen. Kurzgeschichten, Dramen und Gedichte. Man las sich Texte vor, lobte und stritt. "So hocken wir im Kreis herum auf dem Fußboden (...), manche mehr liegend als sitzend, hören zu ...", erinnerte sich Richter. Dann folgte Kritik: "Jedes vorgelesene Wort wird gewogen, ob es noch verwendbar ist, oder veraltet, verbraucht in den Jahren der Diktatur, der Zeit der großen Sprachabnutzung." Der Vorlesende musste schweigen; sein Stuhl wurde scherzhaft "elektrischer Stuhl" getauft. "Der Skorpion" sollte nie erscheinen; aber aus dem spontanen Treffen entwickelten sich regelmäßige Tagungen an wechselnden Orten. Richter war die zentrale Figur: Er lud ein, entschied, wer vortragen durfte, gab die Regeln vor: Nur das Schreibhandwerk sollte kritisiert, Grundsatzfragen und politische Debatten ausgeklammert werden.

Aus intimen Treffen wurden öffentliche Ereignisse: Der Kreis der Autoren vergrößerte sich. Die Medien berichteten, Verleger konkurrierten um Autoren und Werke. 1950 wurde der "Preis der Gruppe 47" ins Leben gerufen, ein Preis für unbekannte Autoren. Er wurde einer der begehrtesten Literaturpreise der Bundesrepublik. Zu einem der erfolgreichsten Teilnehmer wurde Günter Grass, der 1958 in Großholzleute im Allgäu das erste Kapitel der noch unveröffentlichten "Blechtrommel" vorlas. Das machte den noch unbekannten Autor schlagartig berühmt.

Doch Konflikte blieben nicht aus: Es wuchsen neue Generationen von Schriftstellern heran - mit anderen Themen, Schreibstilen und einer anderen Haltung zur NS-Vergangenheit. An die Stelle handwerklicher Kritik traten grundsätzliche Auseinandersetzungen über Literatur. Der Einfluss der Berufskritiker wie Marcel Reich-Ranicki, Hans Mayer oder Walter Jens wuchs; die Gruppe veränderte sich. Zudem geriet sie immer stärker in politisches Fahrwasser - auch weil Autoren wie Grass und Walser Wahlkampf für die SPD machten. Für die einen sei die "Gruppe 47" der Versammlungsort der Nachkriegsliteratur schlechthin gewesen, für andere habe sie neben dem Magazin "Spiegel" als einzige nennenswerte Opposition gegen die Restaurationspolitik Adenauers gegolten, erinnert sich der Literaturkritiker Heinz Ludwig Arnold. "Rechten war sie zu links, Linken zu rechts, und Kritiker aus beiden Lagern, die nie an ihren Treffen teilnahmen oder (...) ausgeschlossen wurden, beschimpften sie als mafiosen Medienfilz, der Meinungsterror ausübe."

Keine Einladungen mehr

Nicht nur Böll wurde der Rummel zu viel: Die "Gruppe 47" habe eine wichtige Funktion gehabt, schrieb er. "Aber sie ist ein bisschen in Gefahr, zur Institution zu werden." Und so fand 1967 in Oberfranken - nach mehr als 30 Treffen - die letzte echte Tagung statt. Das 1968 bei Prag geplante Treffen wurde vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts verhindert. Die "Gruppe 47" verschwand so ungeplant, wie sie entstanden war - einfach weil Richter keine Einladungen mehr verschickte.

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