10.02.2009 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Groteske Geisterbahnfahrt der Gefühle: Juli Zehs Drama "Spieltrieb" in der Nürnberger Tafelhalle: Nackte Niederträchtigkeit satanischer Schüler

von Redaktion OnetzProfil

Nürnberg. Die Kritiker stritten bereits 2004, als Juli Zehs Roman "Spieltrieb" erschien. Von "psychologischem Feingefühl" und "szenischem Witz" war die Rede. Im Gegensatz dazu ordnete die "Süddeutsche Zeitung" den 565-Seiten-Wälzer in die Sparte "Hanni und Nanni auf der Porno-Penne" ein.

Bei der Theaterfassung von Bernhard Studlar, die nun in der Nürnberger Tafelhalle als Premiere zu erleben war, ist es nicht anders: Man kann über sie lästern, als Streitfall oder Eklat eignet sie sich jedoch nicht. Christoph Mehler, der sich in der Frankenmetropole schon an dem Stück "Am Tag der jungen Talente" versuchte, bleibt sich auch diesmal treu. Bei seiner Regiearbeit konzentriert er sich auf das Wesentliche. Was bei der Hamburger Uraufführung 2006 noch fast drei Stunden dauerte, wird bei Mehler zu einer 105-minütigen, grotesken Geisterbahnfahrt zusammengeschnitten. Die Verkürzung hat zur Folge, dass keiner mehr den Roman erkennt, der eigentlich dahintersteckt.

Abgründige Charaktere


Ihre Charaktere können die Schauspieler aufgrund der gedrängten Zeit nur in kurzen Szenen-Spots zeichnen: Adas Mutter (Adeline Schebesch), die ihrer Tochter - bellend und hechelnd - einen Hund als Liebesersatz andrehen möchte; der Mitschüler Olaf (Thomas L. Dietz), der Ada vor allem Bösen bewahren will und dafür oral beglückt wird, sowie Lehrer Höfling (Rolf Kindermann), der philosophische Sätze aneinanderreiht und wegen seiner krebskranken Frau Suizid begeht. Zusammengehalten werden diese skurrilen Splitter nur durch Alev (Philipp Niedersen), den Neuen in der Klasse. Der satanische Schüler übernimmt in dieser tragischen Welt des Nihilismus das Kommando.

Ada, von Julia Bartolome überaus eindrücklich präsentiert, lässt sich auf sein Trieb-Spiel ein. Nachdem sie in die Intrige eingeführt wurde, verführt sie ihren Lehrkörper Smutek (Thomas Klenk). Wild kopulierend robbt dieser mit seiner Schülerin über die Bühne. Alev hält das Ganze mit Videokamera fest. Natürlich ist Smutek nun wegen des Films erpressbar.
Es gibt also keine Widerrede, als Ada und Alev ihn dazu "ermuntern", nur mit roter Clownsnase und Karnevalshut bekleidet auf und ab zu springen. Keine Frage: Die sieben Schauspieler bewegen sich bei diesem Stück an den Grenzen des Grauens und des Geschmacks. Doch das Publikum ist geduldig. Nur eine Zuschauerin verlässt frühzeitig den Raum. Der bittere Blick auf eine Gesellschaft, die nur noch auf Lustgewinn aus ist, ohne Rücksicht auf Verluste, kann aber nicht einfach als Zerrbild oder Fantasie abgetan werden.

"Das hier ist Normalität"

Durch Nehle Balkhausens Bühnenbild, eine Mischung aus Blackbox und Experimentierlabor, wird das Böse zu einem schwarzen, unentrinnbaren Kosmos. Niemand ist geschockt, als am Schluss die Mahnung ertönt: "Das hier ist Normalität." Respektvoller Beifall.

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