12.11.2001 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Hintergründe zu Vorkommnissen in Auerbacher Realschule - Vieles weist auf das umstrittene ... "Untergrundbewegung" in der Kirche

Von Christoph Renzikowski, KNA

von Redaktion OnetzProfil

Auerbach. Die Vorkommnisse um die Schulschwestern in Auerbach (Landkreis Amberg-Sulzbach) haben zwei umstrittene Organisationen ins Blickfeld gerückt, die dem traditionalistischen Rand der Kirche zugeordnet werden: Das sogenannte "Engelwerk" und die Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE). Inwiefern beide organisatorisch oder über Personen in Verbindung stehen, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Über entsprechende in Auerbach zusammenlaufende Kontakte gibt es Mutmaßungen im Erzbistum Bamberg ebenso wie beim Katholischen Schulwerk in Bayern. Gemeinsamkeiten in der Weltsicht liegen dagegen auf der Hand.

Das "Engelwerk" geht auf Privatoffenbarungen der Tiroler Seherin Gabriele Bitterlich (1886 bis 1978) zurück. Im Zentrum der Sonderlehren steht die Vorstellung eines apokalyptischen Kampfes zwischen Engeln und Dämonen. Jeder Mensch habe seinen Schutzengel und einen satanischen Gegenspieler. Die Spiritualität ist durch rigide Moralvorstellungen und vielfache Sühneübungen gekennzeichnet.

Organisatorisch stellt sich das "Engelwerk" weniger als feste Formation dar, denn als ein Sammelbecken für verschiedene Gruppierungen mit unterschiedlichem kirchenrechtlichen Status. Die Zentrale ist in Rom, es gibt eine eigene Hochschule im brasilianischen Anapolis. Eine förmliche Mitgliedschaft im "Engelwerk" selbst existiert nicht. Die Zahl der Anhänger soll weltweit rund eine Million betragen.

Der frühere Münchner Weihbischof Heinrich Graf von Soden-Fraunhofen beschäftigte sich in den 80-er Jahren ausgiebig mit dem "Engelwerk". Er gelangte zum Urteil, dass es sich um eine "Untergrundbewegung in der Kirche" handele. Die Gemeinschaft gebe sich konservativ, sei aber tatsächlich von "wundersüchtigen, pseudomystischen, esoterischen und abergläubischen Elementen" geprägt. 1992 untersagte der Vatikan dem "Engelwerk" per Dekret weitgehend die Verwendung seiner Sonderlehren und verbot Praktiken wie die Schutzengelweihe. Die deutschen Diözesen haben dem "Engelwerk" Ansiedlung, Veranstaltungen wie Exerzitien und die Verbreitung von Schriften verboten. Im "Engelwerk" selbst zeichnet sich eine Spaltung ab.

Vergangenes Jahr gründete der Lippstadter Journalist Claus Peter Clausen ("Der schwarze Brief") einen eigenen "Engelbund", der für sich das wahre Erbe der "Engelwerk"-Inspiratorin Bitterlich beansprucht. Dem in Auerbach zeitweise seelsorglich tätigen Pater Heinrich Morscher werden kurzzeitige Kontakte zum "Engelwerk" nachgesagt. Mit seinem Bruder hat er wiederum selbst mehrere neue Gruppen gegründet. Aufsplitterungen sind für dieses Spektrum der Kirche typisch.

Die Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE) wurde 1976 als Abspaltung der Katholischen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) von Andreas Hönisch im hessischen Langen gegründet, wo sie heute noch ihr Bundessekretariat hat. Der zuständige Weltanschauungsbeauftragte des Bistums Limburg, Lutz Lemhöfer, spricht von einer "sektenähnlichen Gemeinschaft" mit etwa 2500 Mitgliedern in Deutschland. Zu kritisieren sei die "enge, strenge Bewahrungspädagogik" der Pfadfinder. In der Sexualerziehung werden laut Lemhöfer "ungute Ängste und Skrupel" geschürt. Mädchen in Hosen gelten als verpönt. Für den Umgang mit Aufklärungsmaterial wird empfohlen, nicht hinzusehen und ein Stoßgebet zu sprechen. Vereinzelt finden sich auch antisemitische Äußerungen in den Schriften der KPE.

Ex-Jesuit Hönisch scheiterte in den 90-er Jahren in mehreren bayerischen Bistümern mit dem Versuch einer kirchlichen Anerkennung und fand schließlich beim St. Pöltener Bischof Kurt Krenn in Österreich Unterschlupf, der im Auerbacher Kloster mehrfach zu Einkleidungsfeiern neuer Schwestern zu Besuch war. In KPE-eigenen Schriften wirbt Hönisch für die Realschule und das Mädcheninternat in Auerbach als "unsere guten katholischen Bildungseinrichtungen".

Nachweislich sieben ehemalige Pfadfinderinnen sind bei den Schulschwestern eingetreten. Zur Betreuung der KPE-Pfadfinder hat Hönisch den Orden "Diener Jesu und Mariens" (SJM) gegründet, der 1994 vom Vatikan anerkannt wurde. Das Dekret wurde von der päpstlichen Kommission unterzeichnet, die den Auftrag hat, traditionalistisch eingestellte Katholiken in die Kirche zu integrieren.

Offiziell hat der intern so bezeichnete Pfadfinderorden 1997 Bayern verlassen, nachdem ihm vom Bistum Augsburg und dem Erzbistum Bamberg die Tätigkeit untersagt worden war. In St. Pölten gibt es ein SJM-Priesterseminar. 1997 überließ Graf Bernhard von Galen der KPE das Wasserschloss "Haus Assen" im westfälischen Lippetal. Kenner des fundamentalistischen Flügels der katholischen Kirche sehen in den Vorgängen um die Auerbacher Schulschwestern weniger eine gezielte Unterwanderung eines traditionsreichen Klosters. Vielmehr handele es sich um ein Milieu, das sich zunehmend von jeder theologischen Rationalität abkoppele und in der Kirche in vielen Ausprägungen anzutreffen sei, etwa in nicht anerkannten, aber geduldeten Gebetsstätten. In den Ordinariaten wird eingeräumt, dass diese Szene nur schwer in den Griff zu kriegen sei.

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