12.01.2018 - 16:06 Uhr
Deutschland & Welt

Interview mit Udo Lindenberg und Tine Acke Panik überall!

Deutschlands "Panik-Präsident" liegt danieder, er hat zum Jahreswechsel Fieber und kann lediglich krächzen statt sprechen. Was konkret bedeutet, dass kein Interview mit ihm möglich ist, weder Auge in Auge noch am Telefon. Trotzdem möchte Udo Lindenberg sich gerne zum neuesten Projekt äußern

von Autor MFGProfil

Tine Acke ist Jahrgang 1977, Lindenberg 1946 geboren. Ein unterschiedlicheres Paar, unabhängig vom Alter, kann man sich kaum vorstellen. Da gibt es einerseits die legendäre Rampensau. Dort die eher introvertierte Frau mit der Kamera hinter den Kulissen. Und trotzdem oder gerade deshalb: "Läuft", wie der Jungspund zu sagen pflegt. Aber Udo liegt danieder. Kann nicht sprechen. Will sich dennoch äußern. Der Autor dieser Zeilen und die lebende Legende kennen sich seit den späten 80ern - und duzen sich auch. Der Konversation willen schreibt man sich eben eine Mail, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Es geht um den Bildband "Stärker als die Zeit - Die Stadiontour" (352 Seiten, Hardcover, Texte in Deutsch, 50 Euro, Verlag teNeues), in dem sich 150 Farb- und genauso viele Schwarz/Weiß-Fotografien von Tine Acke befinden, dazu Kommentare von alten und neuen musikalischen Weggefährten. Acke ist nicht nur eine renommierte Hamburger Fotografin, sondern seit 20 Jahren die Lebensgefährtin von Meister Lindenberg.

Wann kam es zur Idee für dieses Buch - gab es vielleicht gar einen "magischen Auslöser-Moment"?

Tine Acke: Udo hat sich das Buch zum 70. Geburtstag gewünscht, die Fotodokumentation seines großen Traums, einmal als Nachtigall durch die Stadien der "Bunten Republik" zu fliegen.

Udo, Du nennst Tine im Vorwort Deine "Fotojägerin" - fühlst Du Dich demnach von ihr verfolgt, bist Du ihre "Beute"?

Udo Lindenberg: Es ist toll zu sehen, mit was für einer Leidenschaft Tine ihren Job lebt. Sie ist ständig auf der Suche nach den Big Pictures und will sich dabei immer wieder selbst übertreffen. Dazu sucht sie sich extreme Perspektiven, klettert auf einen 60-Meter-Kran, unter die Stadiondecke oder krabbelt unters Schlagzeug. Ich glaube es gibt keinen Blickwinkel, den sie nicht ausprobiert hat. So sehe ich die Show aus allen Perspektiven und überhaupt mal alles, was hinter mir auf der Bühne passiert. Das sehe ich ja sonst nie, weil ich ja immer nach vorne, zum Publikum agiere.

Tine, Du schreibst im Nachwort: "Als ich dieses Buchprojekt vor vier Jahren startete, stand ich vor einem großen Fragezeichen" - wie ist das zu verstehen, wann verwandelte sich das Fragezeichen in ein Ausrufezeichen?

Tine Acke: Dieses Buchprojekt war eine riesige Herausforderung für mich! Es sollte ja nicht weniger als ein fotografisches Werk für die Ewigkeit werden. Einer Legende angemessen, eine Hommage an die Panikfamilie und das schönste Geschenk, das man sich vorstellen kann. Da steckt mein ganzes Herzblut drin. Oft trieb mich die Verantwortung an den Rand der Verzweiflung, Versagensängste und Panikattacken waren meine ständigen Begleiter. Es war eine Achterbahnfahrt zwischen Fragezeichen und Ausrufezeichen, Alptraum und Höhenflug. Das letzte Fragezeichen verschwand eigentlich erst als die Daten an die Druckerei verschickt wurden. BÄM - und da ist sie jetzt, die Panikbibel!

War es nicht gelegentlich nervig, vielleicht auch anstrengend, wenn man als Liebespaar ein solches Mammut-Projekt durchzieht, bei dem die Aufgabenteilung völlig unterschiedlich ist?

Tine Acke: Nein, nichts war nervig. Wir beide lieben unsere Berufe über alles und ergänzen uns perfekt. Udo macht den Lauten, ich bin die unsichtbare Schleichkatze im Hintergrund. Wir sind ein eingespieltes Dreamteam.

Wie habt ihr es organisiert, dass sich so ziemlich alle der an der Tour Beteiligten (derer es ja nicht wenige gibt ...) fotografieren lassen und den Meisten von ihnen auch noch einen Beitrag abgeluchst?

Tine Acke: Da hab ich schon so manches Mal gezittert! Du musst immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, immer flexibel am Start, denn mit "Speedy Udo" kann man ja nicht so richtig planen. Für mein Traumfoto von der alten Hippie-WG Udo, Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen war der Fotogott aber irgendwie an meiner Seite. Es ist das erste und einzige Foto seit den 70ern, das die Drei zusammen zeigt. Die anderen Stargäste waren auch alle sofort für unser Buch am Start. Viele kennen und mögen meine Fotos und bringen mir von vornherein ein großes Vertrauen entgegen. Ich bin ja kein Paparazzo, der sie einfach so abknallt, sondern gehe verantwortungsbewusst mit meinen Backstage-Privilegien um. Die Beiträge haben alle gerne geschrieben, sie sind ja echte Panikfans!

Udo, Du schreibst am Ende des Buchs: "Wir sind Familie, sind ein Clan, wir sind ein Blut" - kann man nur unter solch innigen, Distanz-freien Umständen ein Monster-Projekt wie eine Stadiontour durchziehen?

Udo Lindenberg: Na klar. Die herzliche und liebevolle Connection innerhalb unserer Crew ist der Garant für den großen Spirit, der unser aller Zusammenwirken so lebendig und tief macht. Wir sind zwar alle coole Profis, aber wir verabscheuen kaltes Profitum. Jeder Auftritt ist eine Liebeserklärung an jeden von unserem wunderbaren Linden-Clan. Wir sind eine große bunte Panikfamilie. Jeder ist ein Teil des Ganzen, es gibt keine Hierarchien, wir haben so 'ne Art Basisdemokratie. Jeder, der 'ne Idee für die Gestaltung der Show hat, hat volle Mitsprache. Das beste Argument gewinnt. Jeder brennt für seinen Job und wenn wir am Ende einer Tour, die wie eine große Klassenfahrt ist, auseinandergehen, fließen die Krokodilstränen.

Haben sich Eure Erwartungen mit diesen beiden Stadiontouren erfüllt, diese vielleicht sogar übertroffen?

Udo Lindenberg: Man hat ja, bevor man so was macht, gar kein Gespür für die Riesen-Dimension eines solchen Stadiondings. Man fragt sich: Kann ich den Erwartungen der Zuschauer gerecht werden oder wird das 'n Tick zu anonym, das Publikum 'n Kilometer von der Bühne weg - und ich als kleiner Punkt da vorne auf dem Catwalk? Yeah, hab ich gedacht, wir bauen uns so'n Fluggerät, damit kann ich auch bis in die hintersten Ränge fliegen, Brille abnehmen und den Leuten direkt in die Herzen reinzwitschern. Und es hat hingehauen. Was für'n Mega-Flash!

"Geheimrat" und Projektmanager Arno Köster beschreibt in seinem Buch-Beitrag, dass Du, Udo, noch 2013 durchaus Zweifel am Gelingen einer Stadiontour hattest. Wann haben die sich beziehungsweise hast Du diese zerschlagen?

Udo Lindenberg: Eines Nachts, ich glaub November 2013, ich war joggen, kilometerweit in den Wald raus und tiefseetauchermäßig in meine Seele rein, mit der großen Frage: Worauf lasse ich mich da überhaupt ein? Hunderttausende in den Stadien... Plötzlich sah der Astro- beziehungsweise Udonaut den Mars und es durchfuhr ihn: Da will ich hin! I'm on a Mission, einer muss den Job ja machen. Schick deine Dämonen ins Unterholz, breite deine Flügel aus und hebe ab. Das ist dein Auftrag. Durchhängen und dich nicht trauen, kannst du immer noch genug, wenn du tot bist.

Wenn man vor 40 000, 50 000, gelegentlich 70 000 Menschen ein Konzert absolviert - kommt da beim "Panik-Präsident" nicht gelegentlich "Lampenfieber-Panik" auf?

Udo Lindenberg: Ja, das war schon'n Wagnis, Abenteuer und heavy Nerventest! Aber ich stelle mich gerne großen Herausforderungen im Rock'n'Roller-Leben. Wenns 'n bisschen eng wird, guck ich hoch durch die Wolken und ich weiß: Neben deiner Super-Panik-Band und der ganzen Zauber-Crew hast du noch einen weiteren Schub von ganz oben. Meine geliebten Eltern Hermine und Gustav sind voll bei mir - und dann noch die Geschwister, die auch schon oben wohnen. Zusammen sind wir dann schon mindestens stark wie fünf!

Angeblich gibt es Pläne in der Schublade für eine weitere Stadiontour in absehbarer Zeit - habt ihr demnach Blut geleckt, und: Was darf man von den zukünftigen Konzerten erwarten, wie will man den opulenten Vorgängern noch einen drauf setzen?

Udo Lindenberg: Hier bitte ich um sizilianische Verschwiegenheit. Der Abenteurer geht im schnellen Schleudergang durch die nexte Nebelwand. Wie die großen Entdecker. Die Spannung steigt, der Geiger geigt, es wird mit Musik und großen Bühnen zu tun haben. Wir sind unterwegs auf der Open Road. Die Zukunft beginnt immer wieder neu. Ich liebe das Leben als Expedition, immer wieder auf zu neuen Ufern.

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