08.12.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Interview mit "Woodstock"-Legende David Crosby Sanfter Rebell

Das Haar ist schlohweiß, der Mann wirkt gebrechlich. Er ist gepeinigt von Diabetes und Hepatitis C. Und dennoch hat "Woodstock"-Legende David Crosby mit seinem aktuellen sechsten Solo-Werk "Sky Trails" einen leidenschaftlichen Meisterstreich aus Folk, Rock, Jazz und Pop vorgelegt.

von Autor MFGProfil

Irgendwo angesiedelt im weiten Land zwischen Steely Dan, Pete Seeger und den legendären Bands, an denen er selbst beteiligt war: The Byrds, Crosby, Stills & Nash sowie Crosby, Stills, Nash & Young. Crosby selbst nennt sich einen "sanften Rebell", fühlt sich auf ewig mit den Idealen der Gegenkultur verbunden, also "love and peace". Obwohl seit über 40 Jahren mit seiner Frau Jan nach eigener Aussage "glücklich verheiratet", hat er ein wildes Abenteuer-Leben hinter sich, basierend auf freier Liebe, irrwitziger Drogeneskapaden, mehrerer Knast-Aufenthalte und - für einen Pazifisten eher ungewöhnlich - illegalen Waffenbesitzes. Ein bunter Vogel. Ein Mann mit skurrilem Humor und spitzer Zunge. Was man ihm beim Gespräch gleich zu Beginn anhört.

Wer der Stimme auf Ihrem neuen Album "Sky Trails" lauscht, würde niemals auf die Idee kommen, dass sie einem 76 Jahre alten Mann gehört, so kraftvoll und gleichzeitig herrlich phrasiert klingt sie. Wie machen Sie das bloß?

David Crosby: Danke fürs Kompliment! (lacht) Aber mal ehrlich, seit rund 60 Jahren tue ich nichts anderes als Musik zu spielen und meine Stimme zu trainieren, beinahe Tag für Tag. Durch dieses disziplinierte Arbeiten ist mein Sangesorgan gewohnt, dass es zu funktionieren hat. Zumindest hat es mich bislang nicht im Stich gelassen. Der Rest meines Körpers mag ziemlich verbraucht sein. Aber die Stimme verlässt mich bislang nicht. Ich hoffe nur, dass dieser Zustand so lange als möglich erhalten bleibt.

Obwohl Sie eine mehrköpfige Band hinter sich geschart haben, klingen die zehn Lieder auf "Sky Trails" gerne mal verhalten, immer wieder blitzt pure Melancholie durch. Wie kommt's?

Tatsächlich ging es beim Komponieren um Atmosphäre, um eine Art Verklärtheit. Das ist es, was die Grundstimmung der Platte beherrscht. Ich wollte, dass die Songs ein bisschen wie nicht ganz von dieser Welt daher kommen. (lacht) Das ist wohl eine Frage des fortgeschrittenen Alters. An manchen Tagen weiß ich nicht, in welcher Welt ich mich gerade aufhalte.

"Sky Trails" ist das dritte Solo-Werk in knapp vier Jahren, zuvor hatten Sie 20 Jahre lang kein Album aufgenommen. Was führte zur plötzlichen Produktions-Wut?

Ich habe viel Mist gebaut, vor allem in den 80ern und 90ern. Habe mich über Jahre hinweg vollkommen zugedröhnt, saß eine Zeit lang im Gefängnis, habe meinen Körper systematisch ruiniert. In solchen Phasen schreibt zumindest ein Typ wie ich keine neuen Stücke. Nur wenn ich mich wohl und zuversichtlich fühle, knutschen mich die Musen. (lacht) Wenn ich mich wie ein Idiot verhalte, können sie mich nicht ausstehen.

Sie sind dem Tod in Ihrem bewegten Leben mehrfach von der Schippe gesprungen. Dramatischer Höhepunkt war 1994 die lebenserhaltende Leber-Transplantation. Wie fühlt man sich als "Überlebender"?

Man erhält dadurch eine wichtige Portion Fatalismus, nimmt sich selbst und sein Dasein nicht mehr allzu ernst. Das Wichtigste an der Transplantation war, dass sich mein Sohn James Raymond bei mir gemeldet hat. Er war damals 30, ich hatte ihn als Kleinkind zur Adoption frei gegeben, weil ich ein durchgeknalltes Leben bei seiner Geburt führte. Er hatte erst kurz zuvor erfahren, dass sein leiblicher Vater ein recht bekannter Musiker ist, während er selbst sein Leben gleichfalls der Profi-Musik gewidmet hat. Es war eine sehr bewegende Situation, als wir uns das erste Mal über den Weg liefen, endlich bewusst, denn an seine frühe Kindheit besaß er keinerlei Erinnerungen. Heute sind wir sehr eng miteinander.

Sie und der Filius haben mittlerweile einige Platten zusammen eingespielt, James hat auch "Sky Trails" produziert und etliche Lieder darauf co-komponiert. Wie ist die Kooperation mit ihm?

Einfach nur wundervoll! Vier der zehn neuen Stücke sind mit ihm entstanden. James ist wahrscheinlich derjenige, mit dem ich kreativ aktuell am Besten zusammen arbeite. Wir tauschen uns meist via Internet aus. Wir entwickeln auf diese Art Grund-Ideen weiter. Oder mein Junge nimmt sich irgendwelcher meiner Texte an, fabriziert dazu Demos. Es ist ein unglaublich reges kreatives Hin und Her. Einfach nur erstaunlich!

Neben Ihrem Sohn besteht Ihre momentane Crew im Kern aus drei Mitstreitern, allesamt um etliches jünger als Sie. Handelt es sich dabei um eine richtige Band?

Kann man so nicht sagen, weil im Zentrum des Ganzen meine Wenigkeit steht. Aber ohne diese Burschen würde es meine Musik in dieser Form nicht geben. Ich bin glücklich darüber, dass ich mit Abstand der Älteste im Boot bin. Dadurch bin ich gefordert, mich einer gewissen Dynamik anzupassen. Dieser Umstand lässt meinen Energiefluss heftig zirkulieren.

Auf Tour sind Sie weiterhin regelmäßig, richtig?

Ja - und auch dieser Umstand hält mich am Leben! Ab und an gehe ich mit einer Gruppe auf die Bühne, wir sind bis zu neun Leute. Dann habe ich noch eine kleinere Besetzung für Akustik-Shows. Und gelegentlich bucht man mich als One-Man-Show. Was die Veranstalter an mir zu schätzen wissen: Ich bin zumindest 2 1/2, auch mal 3 Stunden für mein Publikum präsent.

Sind solche langen Auftritte in Ihrem fortgeschrittenen Alter nicht anstrengend?

Die Gigs selbst sind es nicht, denn sobald ich loslege, katapultiere ich mich in eine andere, bessere Welt. Mühselig ist mittlerweile nur die An- und Abreise: Das stundenlange Sitzen im Tour-Bus oder in einem Flugzeug. So etwas schlaucht mich. Der Aufwand ist ziemlich groß. Daher bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich im nächsten Jahr Konzerte außerhalb von Amerika absolvieren werde. Aber ich denke ernsthaft darüber nach. Weil ich es nach wie vor extrem liebe, vor Publikum zu spielen. Das ist wie ein Rausch!

Wie sieht es mit Crosby, Stills & Nash-Konzerten aus?

Ich fürchte, das wird nichts mehr werden. Vor allem aus Altersgründen nicht. Wobei: Wenn Neil Young bereit wäre, dass wir CSN&Y nochmals live reaktivieren, würde ich mich vermutlich darauf einlassen.

Für viele Menschen sind Sie - spätestens seit Ihrem Auftritt mit CSN&Y beim legendären "Woodstock-Festival" 1969 - der Inbegriff des Hippies. Schmeichelt Ihnen das?

Wenn der Begriff "Hippie" für die Philosophie von Liebe, Friede und individuelle Freiheit steht, lasse ich mich sehr gerne als solchen bezeichnen. Man muss sich ja nur einen Großteil der "Sky Trails"-Texte zu Gemüte führen! Da geht es um Harmonie und respektvollen Umgang mit der Natur. Außerdem singe ich gegen Rassismus, Sexismus oder korrupte Politiker, die überall auf diesem Planeten mehr und mehr werden. Es ist wahr, ich bin der "ewige Hippie".

Vermutlich sind Sie bei solchen Einsichten mit dem aktuellen US-Präsidenten Donald Trump nicht kaum glücklich, nicht wahr?

Der Typ mit dem schlecht sitzenden Toupet?! Wir mögen beide einen amerikanischen Pass besitzen. Das ist aber auch das Einzige, was uns verbindet. Ich bin auf einer regelrechten Mission gegen diesen Kerl und seine Politik. Aktuell bin ich auf der Suche nach dem ultimativen Protestsong der Moderne. So etwas wie "We Shall Overcome" fürs 21. Jahrhundert, nur wütender. Ich bin mir sicher, ich finde noch das richtige Riff, die richtigen Worte dafür. Ich will all den ignoranten, korrupten Mächtigen von heute mit einem Vier-Minuten-Song gehörig in den Hintern treten.Bild: Henry Diltz

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.