31.07.2017 - 16:52 Uhr
Deutschland & Welt

"La clemenza di Tito" in Salzburg: Mozart völlig neu interpretiert

Mozart steht dieses Jahr nur einmal auf dem Programm der Salzburger Festspiele, dafür sensationell dirigiert und inszeniert. Schon nach den ersten Tönen eröffnen sich neue Welten.

Ein alter und ein junger Wilder - Russell Thomas (links, Tito Vespasiano) und Marianne Crebassa (Sestokata) - pultieren Mozarts "La Clemenza di Tito" ins Zeitalter von Migration und Terrorismus. Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis sorgen bei den Salzburger Festspielen für eine Sensation. Bild: Barbara Gindl/APA/dpa
von Autor MILProfil

Salzburg. Die Stadt erlebt eine deutlich wahrnehmbare Wiederbelebung. Unter der neuen Intendanz von Markus Hinterhäuser wird vieles neu: eine völlig neue "Jedermann"-Interpretation, einen erfrischend facettenreichen Schostakowitsch gespielt vom Salzburger Mozarteum-Orchester unter dem neu bestellten Dirigenten Riccardo Minasi, kombiniert mit einem geschliffenen Festvortrag Ferdinand von Schirachs über "Macht", dem diesjährigen Festivalthema.

Sein Orchester, die "musicAeterna" der Permer-Oper, und auch seinen "musicAeterna"-Chor hat Teodor Currentzis mit nach Salzburg gebracht. Klangtransparenz, Dynamik, Schwung, Pausenkultur sind sensationell. Teodor Currentzis, das hat er mit Riccardo Minasi gemeinsam, dirigiert nicht nur, er lebt die Musik mit seiner ganzen Körperlichkeit, ist Energiezentrum, reißt Musiker, Sänger und Publikum begeistert mit.

Es gelingt ein Hörgenuss der ganz besonderen Art, zumal "La clemenza di Tito" mutig um die Zusatzrezitative aus der Feder von Mozartschüler Xaver Süßmayr gekürzt, dafür um Stücke aus Mozarts "Großer Messe c-Moll" erweitert wurde, wodurch Currentzis auf grandiose Weise Mozarts musikalische Welten summiert und ihn überaus inspiriert in neuer Frische und Tiefe entdeckt.

Eine Versöhnungsoper

Dazu passt bestens Peter Sellars Regiekonzept, der das ursprüngliche langatmige Libretto um den Wandel des römischen Eroberers Tito zum milden Herrscher im Heute zwischen Gewalt, Terror und Flüchtlingsströmen verankert. Schon Mozart komponierte statt einer heroisierend devoten Huldigungsoper zur Inthronisation Kaisers Leopold II. eine Versöhnungsoper im Sinne der Aufklärung. Genau diese Botschaft packt Peter Sellars zusammen mit George Tsypin (Bühne), James F. Ingalls (Licht) und Robby Duiveman (Kostüme) in gesellschaftspolitische Spannungen der Gegenwart.

Ohne Bühnenbild weiß er die atmosphärische Kulisse der Felsenreitschule allein durch raffinierte Lichtspots und -bauten, die immer wieder, fast unbemerkt, aus dem Untergrund hochfahren, in großstädtisches Umfeld zu verwandeln. Lichttechnisch deutet er den Brand Roms, gleichzeitig den Terror unserer Tage, in grünen Schattierungen und Lichtsäulen für ein neues gesellschaftliches Miteinander an, sichtbar in den bunten, multikulturellen Kostümen des Chors und der Statisten.

Die Kraft der Versöhnung verstärkt Peters Sellars durch seine detaillierte, geradezu choreographisch angelegte Personenregie, mit der er die Flüchtlingsmassen bewegt, in Kreisen gruppiert und durch leitmotivische Gestik sich berührender Arme intensiviert, wodurch sich Duette und Chorszenen zu tief empfundenen Klang-Bildern voller Hoffnung verdichten. Die Begeisterung des Publikums bricht sich Bahn in einem frenetischen Zwischenapplaus für Sesto und den Solo-Klarinettisten an seiner Seite, indirekt für das wunderbare Zusammenspiel für Sellars und Currentzis Zusammenarbeit.

Nähe zu Mandela

Nicht minder großartig und klug ist die Besetzung der Gesangspartien. Mit Russell Thomas rückt Tito auch optisch in die beabsichtigte Nähe von Nelson Mandela und seiner Versöhnungspolitik mit den einstigen Widersachern, verstärkt durch die südafrikanische Koloratursopranistin Golda Schultz als eifersüchtige und intrigante Vitellia, den mächtigen Bassbariton Willard Whites als Publio und die vielseitige Sopranistin Jeanine De Bique aus Trinidad.

Sesto mit der famosen Mezzosopranistin Marianne Crebassa zu besetzen gibt der Rolle jugendlichen Charme. Dazu passt Christina Gansch strahlender lyrisch inniger Sopran mit wunderbaren Decrescendi. Mit großartiger Klangschönheit inszeniert der Chor die andächtigen Emotionen des Volkes. Mit Standing Ovations belohnt, macht dieser großartige Beginn eine Wende in den Festspielen sichtbar, die sich das Publikum zu honorieren weiß.

 

 

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