15.03.2018 - 22:30 Uhr
Deutschland & Welt

Leipziger Buchmesse Vielleicht keine Bücher für jeden

Der Preis der Leipziger Buchmesse gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen für deutsche Literatur. In diesem Jahr geht die renommierte Auszeichnung an eine Berlinerin für ein Buch mit 300 Seiten - und ohne Handlung.

"Ich glaube, Kunst überhaupt kann trösten, weil sie etwas artikuliert, für das Menschen manchmal die Möglichkeit fehlt." Zitat: Esther Kinsky, Preisträgerin Belletristik der Leipziger Buchmesse
von Agentur DPAProfil

Leipzig. Es ist ein höchst ungewöhnliches Buch, mit dem die Autorin Esther Kinsky (61) in diesem Jahr den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Ihr Roman "Hain" hat keinen Plot, keine Handlung. "Was für ein stilles, kaum bewegtes, menschenarmes Buch", sagt Juror Gregor Dotzauer bei der Preisvergabe am Donnerstag selbst ganz verwundert - "vielleicht kein Buch für jeden".

Trotzdem war sich die Jury in ihrer Entscheidung offenbar sicher. In dem poetischen Requiem gelinge es der Ich-Erzählerin nach dem Tod ihres Mannes, die Tonlosigkeit zum "Gesang der Dinge" zu steigern. "Wenn es an 'Hain' etwas besonders zu rühmen gilt, dann ist es der Versuch, einen Weltzugang zu schaffen, der so keiner anderen Kunst und keiner Wissenschaft gelingt", lobt die Jury. Dabei gestanden die sieben Preisrichter unumwunden ein, dass es ihnen mit der Auswahl um alles andere als um einen Publikumsrenner ging. Leipzig hat damit erneut bewiesen, dass es - wohl ein wenig in Absetzung von der Buchmesse in Frankfurt - gern auf sperrige und unerwartete Bücher setzt.

Vor allem die diesjährigen fünf Nominierungen in der Sparte Belletristik hatten Überraschung ausgelöst. Der Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz, hatte von einer "Wundertüte" gesprochen, in die bewusst viel Überraschendes hineingeworfen worden sei. Ein Literaturkritiker, der namentlich nicht genannt werden wollte, weigerte sich gar, die Favoriten zu lesen - die Auswahl sei ihm zu esoterisch.

Schwere Stoffe

Nun also Kinsky mit "Hain". Verglichen etwa mit dem ebenfalls nominierten 500-Seiten-Deutschlandroman "Die Grüne Grenze" von Isabel Fargo Cole oder dem abgedreht hintersinnigen Computerspektakel in Matthias Senkels "Dunkle Zahlen" mag Kinsky ihren Lesern den Zugang erleichtern. Schwere Kost bleibt es hier wie da. Man müsse das Buch langsam lesen, sagt auch die Jury - "mit einer Geduld, die nichts erwartet, und gerade deshalb mit einem Staunen über die Fülle seiner Einzelheiten belohnt wird".

Der Preisträgerin selbst ist anzumerken, wie schwer sie noch an dem Thema ihres Buchs trägt. Sie nimmt die Auszeichnung sichtlich gerührt entgegen, spricht von "einem schwierigen Projekt" und sagt nur knapp: "Ich bin sehr überrascht, bewegt und freue mich natürlich unglaublich."

Kinskys Mann, der schottische Autor und Übersetzer Martin Chalmers, war 2014 gestorben. Zwei Monate später machte sie sich zu einer Reise nach Italien auf - der Ausgangspunkt des Buches. In kleinen Orten abseits der touristischen Zentren stößt sie bei ihren landschaftlichen Erkundungen immer wieder auf Spuren der eigenen Geschichte.

Auf die Frage, ob gute Literatur Trost für sie ist, antwortet die Preisträgerin: "So würde ich das nie sehen. Ich glaube, Kunst überhaupt kann trösten, weil sie etwas artikuliert, für das Menschen manchmal die Möglichkeit fehlt. Und die Konfrontation mit einer solchen Artikulation kann einfach tröstlich sein, weil sie auch ablenkt. Jede Form von Kunst ist auch eine Überwindung von irgendetwas, das einen an sich selbst haften lässt. Aber Trost als Funktion würde ich nie suchen oder auch geben wollen."

Nicht marktkonform

Jurypräsidentin Kristina Maidt-Zinke machte deutlich, dass sie die Aufgabe von Literaturpreisen auch darin sieht, "ganz und gar nicht marktkonforme Arbeit für ihre Qualität zu belohnen". Bestsellerlisten und die Nominierung für einen Buchpreis seien zwei getrennte Dinge.

Schwer zu sagen, ob dies so auch in der Kategorie Sachbuch/Essayistik gilt. Jedenfalls setzte sich der bekannte Osteuropa-Historiker Karl Schlögel (70) mit seinem Buch "Das sowjetische Jahrhundert" durch - "ein faszinierendes Werk voller Wunder und Schrecken", wie die Jury-Mitglieder befanden.

Der vielfach als Favorit gehandelte Soziologe Andreas Reckwitz hatte dagegen das Nachsehen. Seine Analyse "Die Gesellschaft der Singularitäten" über die neue Klassengesellschaft wurde auf den Bestsellerlisten hoch gehandelt.

Der Übersetzerpreis ging an Sabine Stöhr und Juri Durkot. Das Duo übertrug den Roman "Internat" von Serhij Zhadan (Suhrkamp) gelungen aus dem Ukrainischen ins Deutsche. "Lebendiger kann eine Übersetzung nicht sein", sagte Jurorin Maike Albath. Der Preis der Leipziger Buchmesse ist mit insgesamt 60 000 Euro dotiert.

Tschechien Gastland 2019

Leipzig. (dpa) Als Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 möchte Tschechien seine Literatur auf dem deutschen Buchmarkt stärker sichtbar machen. Dazu sollen Förderprogramme für Übersetzungen und für literarischen Austausch aufgelegt werden, teilten die Veranstalter am Donnerstag in Leipzig mit.

Von Herbst 2018 bis Herbst 2019 soll es ein Tschechisches Kulturjahr geben, das Auftritte tschechischer Autoren in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorsieht, außerdem Konzerte, Ausstellungen, Filmprogramme und ein Opern-Gastspiel des Nationaltheaters Brünn in Leipzig. "Tschechien hat eine ungemein reiche und vielfältige Literaturszene zu bieten, die viele deutschsprachige Leser verdient hat", sagte Buchmesse-Direktor Oliver Zille in einer Mitteilung.

Im Mittelpunkt des Auftritts stünden die Präsentation neuer tschechischer Bücher und ihrer deutschen Übersetzungen sowie die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, Geschichte und Politik des Landes, hieß es.

Ich glaube, Kunst überhaupt kann trösten, weil sie etwas artikuliert, für das Menschen manchmal die Möglichkeit fehlt.Esther Kinsky, Preisträgerin Belletristik der Leipziger Buchmesse
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