18.05.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Loritz-Tage bringen das selten zu hörende "Marienleben" von Paul Hindemith zur Aufführung - ... "Ein Frauenleben vor dem Hintergrund der Marienlegenden"

von Stefan Zaruba Kontakt Profil

Wer Paul Hindemiths "Marienleben" im Konzertsaal hören will, muss in der Regel weit reisen. Zum Beispiel nach Berlin, wo vor gut einem Jahr Diana Schnürpel (Sopran) und Christian Seibert (Klavier) sich dieses selten aufgeführten Werkes annahmen.

Am 19. Mai sind die beiden Interpreten bei den Joseph-Loritz-Tagen in Nittenau zu Gast, wo sie den Liederzyklus nach Gedichten von Rainer Maria Rilke ein weiteres Mal zur Aufführung bringen. Wie auch in Berlin wird Bernhard Wallerius den Abend moderieren und die Gedichte rezitieren. Die Kulturredaktion führte ein Gespräch mit dem Musikredakteur beim WDR in Köln.

Herr Wallerius, was reizte Bürgerschreck Hindemith an der biblischen Marienfigur?

Bernhard Wallerius: Die Bürgerschreck-Attitüde ist nur eine Facette des Paul Hindemith, und zwar die des jungen Mannes. Eine andere Facette ist aber der ernsthafte Künstler, der offen die intellektuelle Szene seiner Zeit in sich aufnimmt. Und zu dieser Szene gehörte um 1920 ohne Zweifel der Dichter Rainer Maria Rilke. Im Übrigen darf man Rilkes "Marienleben" nicht als geistliche Texte missverstehen. Als was dann?

Wallerius: Rilke schildert ein Marienleben, so wie er ein Soldatenleben schildern könnte, eben ein Frauenleben vor dem Hintergrund der Marienlegenden. Dass er ausgerechnet die Figur Maria gewählt hat, hängt mit deren 2000-jährigen Tradition zusammen, die das Abendland geprägt hat, aber auch mit den großartigen künstlerischen Gestaltungen, die dieses Thema durch Großmeister wie Tizian und andere erfahren hat.

Wie hat Hindemith dieses Frauenleben vertont?

Wallerius: Das Ergebnis ist eine zarte und manchmal kraftvolle musikalische Poesie, die die Texte in sich aufnimmt - nicht, um sie zu vertonen, sondern, um aus der Mischung von Vokalem und Instrumentalem ein neues Stück absoluter Musik entstehen zu lassen. Mit diesem Verfahren ist er übrigens nicht weit weg von Reger.

Bevor es zu diesen Vermischungen kommt, werden Sie die einzelnen Gedichte rezitieren.

Wallerius: Ja, denn Rilkes Sprache ist von solch ungeheurer Musikalität, so meisterhaft im Aussprechen des Unaussprechlichen, das macht es schon wert, dass diese Text erst einmal pur erklingen. Glenn Gould rühmte "Das Marienleben" als einen der "großartigsten Liederzyklen aller Zeiten". Teilen Sie seine Begeisterung?

Wallerius: Glenn Gould bezog sich auf die erste Fassung, die ja selbst dem Komponisten als nahezu unausführbar erschien. Ich habe Gould im Verdacht, dass ihn vor allem dieses Unausführbare gereizt hat.

Welche Fassung werden wir in Nittenau hören?

Wallerius: Die zweite Fassung aus dem Jahr 1948. Darin hat Hindemith die Singstimme vereinfacht, in einem Prozess, der sich über fast 30 Jahre hinzog. Aber auch in dieser zweiten Fassung sind noch genügend Nüsse zu knacken, wenn das Ganze gut klingen soll.

In Nittenau ist es an Sopranistin Diana Schnürpel und Pianist Christian Seibert, diese Nüsse zu knacken. Was können Sie uns über die Interpreten sagen?

Wallerius: Diana Schnürpel ist in der Lage, ihre Stimme wie ein Instrument zu führen und bewältigt die melodischen Schwierigkeiten mühelos. Gerade daraus gewinnt sie eine sehr reizvolle Ausdruckskraft. Und Pianist Christian Seibert, dessen künstlerische Laufbahn sie schon seit Jahren verfolgen ...

Wallerius: ... der hat seine Aufnahmen vor vielen Jahren mit den Telemann-Variationen von Reger begonnen. Da braucht man über seine technische und musikalische Kompetenz nichts mehr hinzuzufügen. Und wer Christian Seiberts Einspielung von Hindemiths Klavierwerken kennt, der weiß um die Farbigkeit und Musikalität, mit der er diese schwierigen Stücke zeichnet.

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