14.07.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Lovis-Corinth-Preisträger Timm Rautert zeigt Retrospektive im Regensburger Kunstforum ... "Man sieht nur, was man weiß"

von Susanne WolkeProfil

Regensburg. "No Photographing - Fotografieren verboten." Der Titel der Sonderausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie anlässlich der Verleihung des Lovis Corinth Preises 2008 am Sonntag an Timm Rautert ist nicht programmatisch für die Auszeichnung an sich.

Im Gegenteil: Zwar ist der Leipziger Künstler der erste Fotograf, der den seit 1974 durch das Regensburger Kunstforum und die KünstlerGilde Esslingen vergebenen Lovis Corinth Preis erhält. Dr. Ulrike Lorenz sieht die diesjährige Entscheidung für die Fotografie aber als wichtigen Meilenstein: "Der Gattungswechsel stellt das Medium Fotografie den traditionellen Kunstgattungen zur Seite und eröffnet neue Wege", betont die Leiterin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. Nicht zuletzt gilt dies für das Regensburger Museum an sich. Fotografie habe dort bisher leider kaum eine Rolle gespielt - "aber ich hoffe, dass wir nun damit weitermachen können", so Lorenz.

Mehr als Abbild

Die groß angelegte Retrospektive (bis 5. Oktober) mit rund 190 Werken Timm Rauterts macht hier jedenfalls einen guten Anfang. Und sie klärt gleichzeitig auf: Fotografie ist mehr als das Abbild der Wirklichkeit. "Fotografie ist subjektiv", findet Rautert, der lange Jahre im journalistischen Bereich für Hefte wie das ZEITmagazin oder für Geo gearbeitet hat. Nur weil das Medium mit der Außenwelt übereinstimme, werde die Wirklichkeit durch die Fotografie noch lange nicht wider gegeben, hält der 66-Jährige fest. Kurzum: "Es gibt keine Objektivität, da Beobachtungen immer durch den Beobachter gemacht werden."
In seinen Bildern zeigt Timm Rautert also die Welt aus seiner Sicht. Portraits von Künstlern wie Andy Warhol oder Neo Rauch, Menschen in der Fabrik, Contergankinder - Rautert hat in seinen oft sozialkritischen Arbeiten meist den Menschen im Fokus. Eine einzige Abbildung reicht ihm dabei in der Regel nicht aus. Ob er Deutsche in ihren Uniformen ablichtet oder die Arbeit im Porschewerk Zuffenhausen dokumentiert: Timm Rautert produziert meist Serien.

Immer wieder geht der Fotograf dabei der Frage nach dem Abbilden und dem schöpferischen Sehen nach. "Man sieht nur, was man weiß", sagt er. Dass dies bei ein und demselben Bild ganz unterschiedliche Eindrücke sein können, macht der Fotograf anhand einer schlichten Aufnahme von Himmel und Meer deutlich. Drei Abzüge dieses Fotos hat er mit verschiedenen Beschriftungen versehen: "Himmel und Meer", "blau und grau", "hellgrau und dunkelgrau".

Nahezu vollständig

Den Schritt zur Abstraktion fast überschritten hat Rautert mit seinen "Koordinaten", die im Kunstforum Ostdeutsche Galerie erstmals nahezu vollständig gezeigt sind. "Hier wollte ich es dem Betrachter besonders schwermachen", bemerkt Rautert. Seine Taktik: Entlang einer "Koordinationsachse" hat der Fotograf jeweils zwei Bilder aneinandergefügt, die thematisch nicht zusammenpassen. Das Foto eines Embryos nebst einem Parkplatz in Bangkok sorgt für Verwirrung.

Doch auch wenn es Timm Rautert dem Betrachter angeblich schwer machen will. So ganz gelungen ist ihm das bisher nicht. Zu ansprechend sind seine Fotografien, in denen er Menschen, Autos und Bordsteinkanten durch ungewöhnliche Perspektiven zu ästhetischen Kunstwerken erhebt.

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