10.08.2007 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Mannheimer Wissenschaftlerin entdeckt: Oberpfälzer Dialekt auch in Zentralasien heimisch "Wou" klingt es in Sibirien

Die Franzosen haben ihre Inseln mitten im Pazifik - die Oberpfälzer in Sibirien. Besser gesagt in der Region Altai, die gar nicht so weit entfernt liegt von China und der Mongolei. Dort fühlen sich die Menschen zwar nicht an die Weisungen der Regierung am Regensburger Emmeramsplatz gebunden, aber sie benutzen Oberpfälzer Worte wie "wou", "dou" oder "hinte" und "vire".

Bewohner des Grenzgebietes zwischen Russland, China und der Mongolei bei der Jagd von Maral-Hirschen. Hier, im sibirischen Altaigebirge, gibt es eine Oberpfälzer Sprachinsel. Der Dialekt ist durch Auswanderer aus dem 18. Jahrhundert bis heute überliefert. Archivbild: WDR
von Uli Piehler Kontakt Profil

"In Zentralasien gibt es eine Oberpfälzer Sprachinsel", sagt Professorin Nina Berend vom Institut für deutsche Sprache (IDS) in Mannheim. Zur Feldforschung hielt sie sich wieder einmal in der Oberpfalz auf. Die Begriffe "affe" und "oine" sind auch im Altaigebirge die gebräuchlichen Ausdrücke für rauf und runter. Ein ganzes Dorf spricht dort wie die Menschen im Dreieck zwischen Amberg, Schwandorf und Weiden.

Typische Vorsilben

"Im 18. Jahrhundert ist eine ganze Reihe von Oberpfälzern nach Sibirien ausgewandert. Der Dialekt ist über Generationen weitergegeben worden", erklärt die Sprachforscherin. Über die Oberpfälzer Enklave im Altaigebirge schrieb sie 1981 an der Universität im ukrainischen Lwiw (Lemberg) ihre Dissertation. Im Laufe der Zeit habe sich die Oberpfälzer Sprache zwar mit der Russischen vermischt, doch besonders die typisch Oberpfälzer Vorsilben seien in der altaiisch-oberpfälzischen Mundart "eins zu eins" Umgangssprache.

Das Oberpfälzer Dorf im Süden von Sibirien heißt Jamburg, verfügt über drei langgezogene Straßen und zählt rund tausend Einwohner. Mit einem Mikrofon in der Tasche ist Nina Berend vor fast 25 Jahren von Haus zu Haus gegangen und an den meisten Türen auf oberpfälzisch begrüßt worden. "Ich habe schöne Aufnahmen davon."

Jetzt arbeitet die Sprachwissenschaftlerin an einem neuen Projekt. Zusammen mit mehreren Kollegen des IDS in Mannheim befragt sie hunderte Probanden für die Studie "Deutsch heute - Variation des gesprochenen Deutsch". An 80 Orten im gesamten deutschsprachigen Raum interviewt sie jeweils einen Mann und eine Frau. Sie nimmt auf, wie die Testpersonen ein Prosastück vortragen und auf hochdeutsch ein paar Bilder beschreiben. Bedingung: Die Probanden müssen mindestens 50 Jahre alt sein, die Hochschulreife erlangt haben und von Geburt an in dem Ort leben.

In der Nähe von Regensburg machte die Professorin Station, im Landkreis Cham und jetzt auch in Freudenberg im Landkreis Amberg-Sulzbach. Dort unterhielt sie sich für ihr Projekt ausführlich mit Ferdinand Schwarz, dem Vorsitzenden der örtlichen Vereinsgemeinschaft. Der 53-Jährige eingefleischte Oberpfälzer durfte dabei aber nicht reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sondern sollte sich eine dreiviertel Stunde "nach der Schrift" mit ihr unterhalten. Und zwar so, "wie es für ihn gegenüber einer hochdeutsch sprechenden Person angemessen erscheint". "Das wird keine Dialekterhebung", erklärt Berend, "sondern eine Zustandsbeschreibung des Hochdeutschen. So etwas gibt es bisher noch nicht."

Oberpfälzer bellen nicht

In der Oberpfalz sei dieser Zustand der deutschen Hochsprache nicht schlechter als anderswo und durchaus in Ordnung, entkräftet sie eine anderslautende Meldung des Magazins "Bunte", die in den vergangenen Wochen ziemlich viel Staub aufgewirbelt hat. Die "Bunte" hatte gehöhnt, der Oberpfälzer Dialekt erinnere eher an Hundegebell, als an deutsch. Das will Nina Berend überhört haben. Sie betrachtet Sprache ganz wertfrei und freut sich über jede Art von Akzent. Das typisch oberpfälzische "wou" oder "dou" - Wörter mit "gestürzten Diphthongen" - klingen der Wissenschaftlerin wie Musik in den Ohren. Nach ihrem x-ten Probanden-Interview sagt sie: "Die Oberpfalz ist meine sprachliche Lieblingsregion."

Hinweise zu den Publikationen von Dr. Nina Berend: www.ids-mannheim.de

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