23.04.2010 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Marschkolonne III in Muschenried - Nacht auf kalter und nasser Wiese - KZ-Friedhof bis 1957: Todesmarsch durch die Oberpfalz

"In der Nacht vom 21. auf den 22. April 1945 wurden wir auf eine Weide getrieben, die unter Wasser stand. Dieser Sumpf lag nahe dem Dörfchen Muschenried. Hagel und feiner Schnee waren gefallen. Unsere Füße sanken tief in den sumpfigen Boden." Der Antwerpener Henk Verheyen, der vor 65 Jahren als zwanzigjähriger Häftling den Todesmarsch von Flossenbürg mitmachte, schreibt diese Zeilen in seinem neu herausgekommenen Buch "Bis ans Ende der Erinnerung".

von Georg LangProfil

Der heute 85-jährige Belgier, der der "Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg" angehört, hätte zum Gedenken der Todesmärsche vor 65 Jahren gerne noch einmal Stationen von Flossenbürg bis nach Untertraubenbach besucht, aber sein Gesundheitszustand erlaubt dies nicht. Nach seiner Befreiung durch amerikanische Truppen bei Thierlstein verbrachte der Zwanzigjährige einige Tage in Untertraubenbach bei Cham, bevor er in seine belgische Heimat zurückgebracht wurde.

Lager für die Nacht

Zum 50-jährigen Gedenken der Befreiung des Konzentrationslager Flossenbürg besuchte Henk Verheyen zusammen mit einer Gruppe ehemaliger Häftlinge und deren Angehörigen Muschenried, wo sie am Gedenkkreuz beim Ortseingang der ermordeten Mithäftlinge von 1945 gedachten. Das "Lettenhölzl" am Ortsrand wurde nach der Befreiung durch amerikanische Soldaten zu einem provisorischen Friedhof für 333 auf dem Todesmarsch erschlagener, erschossener und vor Ermattung und Krankheit gestorbener KZ-Häftlinge.
Am 20. April 1945 wurden die meisten Häftlinge des Konzentrationslagers Flossenbürg in vier Marschkolonnen nach Süden getrieben. Die Route der Kolonne III mit etwa 3 700 Häftlingen, zu denen Henk Verheyen gehörte, führte über Pleystein, Moosbach, Pullenried, Lind, Schneeberg nach Muschenried, wo am 21. April unterhalb des Kreuzberges auf freier Wiese das Lager für die Nacht eingerichtet wurde.

Neben dem aktuellen Buch von Henk Verheyen gibt auch die Facharbeit, die Tobias Bücherl 2006 im Leistungskurs Geschichte am Ortenburg-Gymnasium verfasste, Aufschluss über jene Aprilereignisse des Jahres 1945 in Muschenried. Am Morgen des 22. April 1945, es war Kirchweihsonntag in Muschenried, erlebten die Ortsbewohner beim Heimgang vom Gottesdienst, wie die Gefangenen in Sechserreihen auf der Dorfstraße durch den Ort getrieben wurden.

Die in der Nacht verstorbenen Häftlinge ließen die SS-Bewacher einfach auf der Wiese liegen. Beim Seeschmied wurde ein älterer Häftling, der nicht mehr mitkam, von einem Wachmann aus der Kolonne herausgerissen und mit Genickschuss getötet. "Oh Herrl, oh Herrl, wenn wir das einmal büßen müssen!", stieß eine Muschenriederin in ihrer Betroffenheit hervor, worauf ihr ein SS-Soldat drohte, sie könne gleich mitmarschieren, wenn sie nicht augenblicklich ruhig sei. Die Kolonne zog weiter Richtung Ostmarkstraße, wobei das "Beerdigungskommando", das aus etwa acht Häftlingen bestand, noch Dutzende von unterwegs Ermordeten notdürftig verscharrte.

Dauerhaft zu erhalten

Neben den 113 Toten von Muschenried und Umgebung wurden weitere 220 tote Häftlinge aus Einzelgräbern zwischen Tröbes und Muschenried im "Lettenhölzl" bestattet. "Hier ruhen 333 KZ-Häftlinge aus dem Lager Flossenbürg. April 1945" stand auf einer Steinplatte, zu der ein gepflasterter Weg durch den Friedhof führte. Im Rahmen einer Zentralisierung der KZ-Friedhöfe wurden 1957 die sterblichen Überreste in den KZ-Ehrenfriedhof von Flossenbürg überführt. 1958 verfügte das Innenministerium, dass die KZ-Gedenkstätte Muschenried dauernd zu erhalten sei.

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