02.03.2018 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Max-Reger wird in Südtirol verehrt "Fühle mich sehr elastisch"

Denkt man an Meran in Südtirol, kommen Wein und Berge in den Sinn. Aber Max Reger? Der avantgardistische Komponist aus der Oberpfalz wird gerade südlich des Alpenhauptkamms in einer Art "Erinnerungskultur" hoch geschätzt und verehrt.

Ein Zeitsprung von mehr als 100 Jahren: So "elastisch" wie sich damals Max Reger bei seiner Kur in Meran fühlte, ist auch dieses Kunstwerk auf dem wenige Kilometer entfernten "Südtiroler Skulpturen-Wanderweg" in Lana gestaltet. Bilder: Fütterer (4)
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Die Arbeitswut, aber auch maßlose Trinkfreude, hatten vor mehr als 100 Jahren gesundheitliche Spuren bei Max Reger hinterlassen. Physisch und psychisch. Nach einem Zusammenbruch suchte der Charakterkopf in der damals mondänen Kurstadt Meran Genesung und Entspannung: im noblen Sanatorium Martinsbrunn, einer lieblich gelegenen, riesigen Villa im klimatisch besonders bekömmlichen Stadtteil Gratsch.

Dem Aufenthalt (Spötter sprechen von einer "Entziehungskur") widmete das Meraner Stadtmuseum im Palais Mamming jüngst über ein Vierteljahr lang eine eigene Ausstellung. Die Touristen aus der Oberpfalz werden von der unerwarteten Begegnung mit Reger in Meran wohl etwas überrascht gewesen sein ...

Briefe und Partituren

"... fühle mich sehr elastisch", schrieb Max Reger im Frühling 1914 seiner Frau Elsa. 17 Briefe und Postkarten sind erhalten. Reger schildert seiner Gattin (geborene von Bagenski, 1870 bis 1951) detailliert und ausführlich die ihm auferlegten Behandlungen und Therapien. Die ambitioniert gemachte Ausstellung zeigte den Briefverkehr ebenso wie die Partituren der in Meran und in den letzten Lebensjahren entstandenen Kompositionen sowie Fotos und Plakate aus der damaligen Zeit im Original.

So listet Reger am 29. März 1914 seiner Frau penibel auf, dass er "jeden Tag früh 7 Uhr" ein Bad nehmen muss und danach "gymnastische Übungen" anstehen. Zwei mal in der Woche werde er mit (künstlicher) Höhensonne bestrahlt: "Je 3 Minuten; länger darf man das nicht machen, da sonst die Haut in Fetzen herunter hängt."

Amt gekündigt

Während der Kur im Sanatorium Martinsbrunn komponierte Reger mehrere Werke und konzipierte die Mozart-Variationen; sie gelten als eine seiner bedeutendsten Kompositionen. Unmittelbar nach seinem Meran-Aufenthalt kündigte er sein Amt als Hofkapellmeister von Sachsen-Meiningen. Darauf ging er in den Briefen ebenso ein wie auf den Kauf der Villa Fehr in Jena, wohin die Familie Reger 1915 umsiedelte.

Zu seinen Spätwerken, für die er in Meran die Grundlagen geschaffen hat, gehört ein "Lateinisches Requiem". Nach Meinung von Musikwissenschaftlern weisen die "Dies irae" mit expressivem Klang weit ins 21. Jahrhundert. Das mediterrane Flair der Thermenstadt - inmitten einer alpinen Szenerie - beflügelte auch Regers kompositorische Zeitgenossen wie Edvard Grieg (1893), Béla Bartók (1901), Paul Hindemith (1921), Giacomo Puccini (1923) oder Arnold Schönberg (1930), die ebenfalls in Meran Ruhe und Erholung suchten - und fanden. Richard Strauss gestaltete 1922 beim ersten "Meraner Musikfest" im Stadttheater ein eigenes Liedprogramm. Max Reger erheiterte bis zu seiner Abreise am 27. April 1914 die großteils adligen Gäste in der international renommierten Kuranstalt Martinsbrunn "durch seinen Humor und seine Späße". Nur zwei Jahre später, am 11. Mai 1916, starb Max Reger mit 43 Jahren völlig überraschend an Herzversagen in Leipzig, wo er bis zuletzt am Konservatorium unterrichtete.

Neue Schaffensperiode

Welches Ansehen Max Reger in Südtirol beziehungsweise Norditalien genießt, zeigten die zahlreichen Aktivitäten zum 100, Todestag. So verfassten die Autoren Ferruccio Delle Cave und Gerhard Fasolt das Buch "Max Reger. Von Meran nach Jena" (Athesia-Tappeiner-Verlag). Der Kuraufenthalt markiert nach ihrer Meinung den Beginn einer neuen Schaffensperiode, die "durch Abschied vom Althergebrachten und Aufbruch zu einem neuen Kompositionsstil gekennzeichnet ist". An seine Orgelspiele in der Meraner Pfarrkirche wird bis heute regelmäßig erinnert. Die ORF-Sendung "Südtirol heute" blickte auf Regers Zeit in Meran.

Der Max-Reger-Verein Meran und die Evangelische Gemeinde Meran richteten ihm zu Ehren 2017 ein Reger-Festival aus. Ein Liederabend mit Peter Schöne (Bariton), Moritz Egger (Klavier) mit Einführung durch Susanne Popp erinnerte 2014 an den Aufenthalt Max Regers in Meran. Bereits 2002 entstand der italienische Dokumentarfilm "Max Reger - Musik als Dauerzustand" in deutscher Sprache: in Zusammenarbeit mit dem Grimme-Preisträger Andreas Pichler und Ewald Kontschieder sowie in Koproduktion der RAI Südtirol. Er gilt als der einzige biografische Film mit Dokufiktions-Zügen über das Leben Max Regers.

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