05.01.2018 - 14:30 Uhr
Deutschland & Welt

Musiker Eric Anderson beschäftigt sich mit Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll Und der Engel schwieg

Es sind mehr als interessante Autoren, deren Werk und Gedankenwelt sich Eric Andersen musikalisch immer wieder annimmt. 2014 beschäftigte er sich eingehend mit dem Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus. Zwei Jahre später befasste er sich mit Texten des exzentrisch-exzessiven britischen Dichters Lord Byron. Und jetzt widmet er sich dem Deutschen Autor Heinrich Böll.

von Autor MFGProfil

Alle drei Alben - "The Shadow and Light Of Albert Camus (2015), "Mingle With The Universe: The Worlds Of Lord Byron" (2017) und "Silent Angel: Fire And Ashes of Heinrich Böll" (2017) sind ein verwegener, zeitloser Ritt durch ein mal geheimnisvoll wirkendes, mal knorriges Land der ungewöhnlichen Poesie geworden. "Mein Hauptanliegen ist es ja, einer möglichst jungen Generation zum Teil beinahe vergessene Literaten und deren Arbeiten zugänglich zu machen. Heinrich Böll habe ich mir vorgenommen, weil für diesen individuellen Querdenker ,freiheitliche Demokratie' alles war. Mal ehrlich: Was kann man jungen Menschen für andere Leitbilder als solche Leuchttürme der Literatur ans Herz legen? Na eben."

Treffen mit Böll-Sohn

Eric Andersen, geboren 1943 in Pittsburgh, darf sich als Heroen einer lange vergangen geglaubten Ära sehen, die freilich niemals weg war und die schon gar nicht irgendwann untergehen wird. Wir sprechen vom Zeitalter des Folk, die ihren Höhepunkt in den 1960ern hatte, mit Speerspitzen wie Phil Ochs, Joan Baez, Pete Seeger oder Bob Dylan (übrigens auch Nobel-Preisträger). Eigentlich aber sprechen wir von der Kaste der singenden, gerne nur von einer Gitarre unterstützten Geschichtenerzähler, Troubadoure fürderhin, also Kreative, die der Menschheit Sinn und Unsinn ihres Daseins erklären.

Zum "Silent Angel"-Projekt kam es, als Eric Andersen an einem Februar-Tag mit René Böll, einem der Söhne des literarischen Großmeisters, in Köln einen Spaziergang machte. "Wir gingen etwa die Stufen hoch zum einstigen Gestapo-Hauptquartier, das heute von Touristen besichtigt werden kann", reflektiert Andersen den Ausflug. "Der schaurige Höhepunkt dieses Besuchs war der Exekutions-Saal, in dem Gefangene erschossen, erhängt und geköpft wurden - übrigens mit freiem Blick für die benachbarten Anwohner, denn die Vorhänge des Raums waren stets geöffnet.

Doch wir kamen während dieses kalten Winter-Tags auch an jenem Kirchhof vorbei, den der gläubige Christ Böll so gerne besucht hatte, um in sich zu gehen. Und schließlich marschierten wir zur Kölner Staatsbibliothek, wo mir Böll's Biograph und Archivar Jochen Schubert vorgestellt wurde. Ein beeindruckendes Treffen."

Es war letztlich René Böll, der Andersen auf die Idee brachte, seinem Vater ein akustisches Denkmal zu setzen, weil er von dem Albert Camus-Werk sehr angetan ist. Und es gibt einen aktuellen Anlass für ein solches Projekt: Am 21. Dezember 2017 jährte sich der 100. Geburtstag des am 1985 verstorbenen Idols. Zusammengebracht hatte Böll Junior und Andersen übrigens der bekannte gegenständliche Maler und gemeinsame Freund Oliver Jordan, der das Cover fürs Camus-Werk des US-Troubadours gestaltet hatte. Auch auf der aktuellen Produktion hat ein Bild des Künstlers Einzug gehalten.

Überzeugter Katholik

"An Böll hat mich fasziniert", erklärt Andersen seine Begeisterung, "dass er als überzeugter Katholik zähneknirschend als Soldat in den Krieg zog und bis 1945 seinen Dienst leistete, einige Monate in amerikanischer Gefangenschaft war - um daraus als überzeugter Pazifist und Mann mit eindeutigen links-liberalen Überzeugungen herauszugehen. Außerdem finde ich es grandios, dass ein Mann mit einer solchen Unbeugsamkeit 1972, als erster Deutscher überhaupt, mit dem Literatur-Nobelpreis gewürdigt wird."

Die intensive Lektüre von Bölls Oeuvre ermöglichte es Andersen, dem Amerikaner, einen anderen Blick auf die von seinen Landsleuten besiegte Nation zu bekommen. Speziell die Bücher, die während des Zweiten Weltkriegs oder unmittelbar danach spielen "eröffneten mir eine neue Perspektive, durchbrachen das alte Schwarz-Weiß-Denken", erklärt Andersen. "Weil die Charaktere einfach erst mal Menschen waren, ohne dass dabei die NS-Ideologie aufgeweicht worden wäre. Und auch in anderen Böll-Romanen, die nicht mit Krieg zu tun haben, fasziniert die Transparenz der Charaktere, das zutiefst Humane."

Den Titel seines aktuellen Albums entlehnte Andersen einem frühen Roman Heinrich Bölls, entstanden in den Jahren 1949 und 1950, der postum erschien und im Original den Titel "Der Engel schwieg" trägt. Das Buch ist eine Liebesgeschichte, die im düsteren Schatten der Nachkriegszeit spielt. Es ist auch eine Geschichte von (christlicher) Spiritualität. Böll selbst hat es als "Roman der verlorenen Generation" definiert. "Ein einzigartiges Werk", meint Andersen, "dass mich sehr berührt hat."

"Silent Angel: Fire And Ashes of Heinrich Böll" (Meyer Records) ist ein vielschichtiger Reigen, ein vom Folk inspiriertes literarisches Füllhorn geworden, das Eric Andersen über dem geneigten Hörer ausschüttet. Im Zentrum stehen Krieg und Nachkriegszeit. Gelebte Humanität. Die Stadt Köln. Und über allem thront, vermutlich ein wenig überrascht, der Genius Heinrich Böll.

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