10.03.2005 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Mutmaßlicher Mörder gewann Waldmünchnerin als Vertraute - Am Montag Prozess-Auftakt Seelenqualen für Mareikes Mutter

(nt/az) "Ich werde nicht mit diesem bösen Verdacht fertig", weinte Jeanette Raab (36) aus Waldmünchen (Kreis Cham) an der Pforte der Nervenklinik und begehrte Einlass. "Ich bin psychisch am Ende. Seit mir die Polizei im Frühjahr 2004 vorgeworfen hat, ich solle endlich den Mord an meiner eigenen Tochter Mareike gestehen, finde ich keinen Schlaf mehr."

Jeannette Raab, Mutter der getöteten Mareike: "Ich finde keinen Schlaf mehr." (Bild: Archiv)
von Redaktion OnetzProfil

Die allein erziehende Mutter wurde aufgenommen, findet bis in den Januar 2005 medizinische Hilfe bei Psychologen. Neben den Vorwürfen an die Polizei belastet die 36-jährige Altenpflegerin noch etwas anderes: Als Wochen später der mutmaßliche Mörder verhaftet wurde, stellte sich heraus, dass der Textilarbeiter Stephan B. (31) nach dem Verschwinden der 20-jährigen Mareike ständig zum Trösten bei der Mutter war.

Er suchte mit ihr sogar die Umgebung der 7500 Einwohner zählenden Kleinstadt nach dem Mädchen ab, mit dem er seit langem befreundet war. "Hoffentlich lebt sie noch", sagte er zur Mutter und legte ihr trostspendend die Hand auf die Wange. Am Montag wird Stephan B. vor dem Regensburger Landgericht der Prozess gemacht.

Ort aus den Fugen

Am 13. Oktober 2003 erschien Mareike Goszczak nicht an ihrer Arbeitsstelle in einer Textilfabrik. Kurz darauf geriet Waldmünchen aus den Fugen, eine Selbstmordserie erschütterte die Bevölkerung. Zwei von Mareikes Freunden starben, zwei weitere konnten gerettet werden. Alle gehörten zur Clique des spurlos verschwundenen Mädchens. Von Drogen war die Rede. Gerüchte um osteuropäische Mädchenhändler geisterten durch den Ort. Immer wieder fiel Mareikes Name. Ihr Schicksal bewegte Deutschland.

Wenig Bewegung kam in die Ermittlungen der Polizei. Eine Belohnung von 50 000 Euro zeigte keinen Erfolg. Es war die Zeit, als ein Arbeitskollege von Mareike, Stephan B.(31), in der Wohnung der Mutter ein- und ausging. "Wir saßen im Wohnzimmer, tranken zusammen Kaffee. Wenn ich zu weinen anfing, rückte er näher, legte mir seine Hand auf den Arm oder streichelte meine Wange, tröstete mich", erzählt Jeanette Raab.

Sie entwarf mit B. Fahndungsplakate, die die beiden in der ganzen Stadt verteilten. Es verging kein Tag, an dem der Textilarbeiter nicht auf einen Sprung bei Mareikes Mutter reinschaute und sich erkundigte, ob's was neues gibt. Die Mutter: "Ich habe ihm alles haarklein erzählt. Das ich bei der Polizei Vermisstenanzeige erstattet hatte, die von den Beamten nicht ernst genommen wurde."

Über die Aktivitäten der Polizei hielt Jeanette Raab Mareikes Arbeitskollegen detailliert auf dem Laufenden. Mit dem Ergebnis, dass Stephan B. nach zwei Tagen die Tote in einen 16 Kilometer entfernten Wald bei Cham versteckte. Drei Wochen später befürchtete der Täter jedoch, dass die Polizei bei ihren mit großem Aufwand durchgeführten Suchaktionen das Opfer finden könnte.

Zum Kaffeetrinken

Er holte den Leichnam wieder aus dem Wald und fuhr in ein viel weiter entferntes Dickicht bei Sulzbach-Rosenberg. Im Unterholz an der Bundesstraße 85 auf der Gemarkung Siebeneichen legte er das Opfer ab. Anschließend verfolgte er von zu Hause aus in aller Seelenruhe die weiteren Aktionen der Fahnder, fuhr weiterhin zum Kaffeetrinken zu Mareikes Mutter. "Bei mir", erzählt Jeanette Raab, "gingen die Beamten rein und raus. Ich musste Angaben machen, ein Alibi für den Tattag abliefern."

Mareikes Wohnung sei wie ein Schlachtfeld hinterlassen worden. Beamte hätten Schränke ausgeräumt, Schubladen rausgerissen und den Inhalt ausgeschüttet. Die Mutter: "Ich durfte erst im Juni 2004 in die Wohnung." Sechs Monate nach dem Verschwinden präsentierten die Regensburger Kriminalpolizei, die Grenzpolizei Waldmünchen und die Staatsanwaltschaft den Ermittlungserfolg.

Der 31-jährige Stephan B., Textilmaschinenmechaniker im selben Betrieb, in dem auch Mareike als Schichtarbeiterin ihr Geld verdiente, gestand nach einer elfstündigen Vernehmung das Verbrechen. Er führte am 2. April die Ermittler in das Waldstück zum Leichnam des Mädchens. Die Obduktion ergab wegen des fortgeschrittenen Verwesungszustandes keine feststellbare Todesursache. Auffälligkeiten wurden nach Angaben des Leitenden Staatsanwalts Johann Plöd (58) am Kehlkopf entdeckt.

Annäherungsversuche des Arbeitskollegen wies die 20-Jährige stets zurück. Freundschaft ja, Sex nein, so stellte sie sich die Beziehung vor. Er wollte mehr, machte sich Hoffnung, wenn sie ihn in Diskotheken begleitete. In der Nacht des 12. Oktober 2003 ging er aufs Ganze, drückte ein nicht verschlossenes Fenster in Mareikes Parterrewohnung auf und kletterte ins Zimmer. Mareike schlief, wachte jedoch auf. Sie fuhr ihn an, wollte ihn aus der Wohnung jagen.

Da stürzte er sich auf sie, drückte ihren Hals zu. "Ich habe Mareike erwürgt", gestand er den Ermittlern. B. schleppte die tote Mareike aus der Wohnung und legte sie in den Kofferraum seines im Hof geparkten roten Audis. Er fuhr zur Textilfabrik, trug die Leiche in seine Wohnung im 1. Stock des Fabriktrakts. An den Wänden Fotos, Mareike in gold- und silberfarbenen Rahmen, Mareike in Herzform, Mareike lächelnd.

Ob er mal mit ihr geschlafen hat? Er schüttelt den Kopf: "Nein, das wollte sie nicht. Aber sie war sehr lieb. Sie hat mir Bekanntschaftsanzeigen aufgesetzt, damit ich ein anderes Mädchen finde und für ein Rendezvous sogar ein Hemd gebügelt. Sie war wie eine Schwester zu mir".

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