06.09.2017 - 15:42 Uhr
Deutschland & Welt

Nachruf auf Can-Bassist Holger Czukay Ein "universaler Dilettant" ist tot

Köln. Holger Czukay ist tot, er wurde am 5. September leblos im sogenannten "Can"-Studio, das er zuletzt als Wohnung genutzt hatte, im Kölner Stadtteil Weilerswist aufgefunden. Bereits am 28. Juli war seine Lebenspartnerin Ursula, die den Künstlernamen "U-She" trug, im Alter von gerade mal 55 Jahren verstorben. Der 79-jährige Czukay war das experimentelle Aushängeschild von Can. Einer Band, die schon als Kollektiv als außergewöhnliches Experimentierfeld wahrgenommen wurde. An seinem radikalen künstlerischen Anspruch hat sich bis zum Tod des Ausnahme-Künstlers nichts geändert.

Die Band Can (von links): Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit, Damo Suzuki, Michael Karoli, Ulli Gerlach und Bassist Holger Czukay. Letzterer starb nun im Alter von 79 Jahren. Bild: Jacques Breuer/dpa
von Autor MFGProfil

Bassist Czukay war zusammen mit Keyboarder Irmin Schmidt 1968 das treibende Element, das zur Gründung der Gruppe führte. 1977 verließ er die Formation und kehrte erst 1986 für ein abschließendes Album zurück. Ab 1979 war der in Danzig geborene, seit vielen Dekaden in Köln lebende Künstler mit seiner musikalischen Solo-Karriere beschäftigt. Immer wieder ging er zudem Kooperationen mit Koryphäen wie Jah Wobble, David Sylvian oder U2-Gitarrist "The Edge" ein, ebenso mit den frühen Can-Mitgliedern.

Kulturredaktion-Mitarbeiter Michael Fuchs-Gamböck hat Holger Czukay noch im vergangenen Jahr zum Interview getroffen. Im exklusiven Gespräch meinte der damals richtiggehend beschwingt: "Meine Kreativ-Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt." Doch wird aus einer Fortsetzung dieses Anspruchs nichts mehr werden. Hier weitere Exzerpte aus der Unterhaltung vom Sommer 2016:

Wenn man schon zu Lebzeiten als Legende bezeichnet wird ...

Czukay: ... darf ich den Satz fortführen? Schließlich habe ich ihn schon oft genug gehört.

Bitte sehr!

... dann fühlt man sich alt, gebrochen und verbraucht.

Ihre Lust am Experiment aber scheint ungebrochen.

Ist sie auch.

Dennoch scheint Sie der Legendenstatus zu belasten, oder?

Ich bereue nichts! Die Zeit bei Can waren meine Lehrjahre. Zuvor hatte ich ja Musik studiert, unter anderem bei Karlheinz Stockhausen, aber ich hatte keinerlei praktische Erfahrung. Can war dann die Praxis, in der ich alles, was ich gelernt hatte, vergessen musste.

Das war wirklich notwendig?

Na klar! So sahen wir das bei Can. Sonst hätten wir den Kopf nicht frei gehabt, um etwas radikal Neues zu kreieren. Auf Nachfrage haben wir uns stets als "universale Dilettanten" bezeichnet. Das tue ich bis heute.

Mitte der 1970er fingen Sie an, sich vom Kollektivgedanken, der Can ausmachte, zu lösen ...

Stimmt, in dieser Zeit konnte ich damit nicht besonders gut umgehen. Das führte dazu, dass ich die Band verließ. Bei Can bestand gelegentlich die Gefahr, dass Dinge zu Tode diskutiert wurden. So etwas hemmt die Kreativität.

Sehen Sie sich nach wie vor als "minimalistischen Sinfoniker"?

Ja, wie damals mit Can. Nur dass ich jetzt eben alleine vor mich hin werkel. Am Anfang war das schwer, da ich eigentlich ein schüchterner Typ bin. Doch ich bin viele Jahre permanent gereist, in entlegene Gegenden. Dadurch wurde ich unglaublich inspiriert und im Laufe der Zeit ziemlich selbstsicher.

Wie sind Ihre künstlerischen Zukunftspläne?

Ich mag 78 sein, doch ich habe eine relativ junge Partnerin, die ebenfalls kreativ ist, sie hält mich auf Trab. Sie lässt mir gar keine Chance, dass ich mich zur Ruhe setzen könnte. Gut so, ein Kauz wie ich kann gar nicht anders als weitermachen. Wenn das mal nicht mehr der Fall ist, bin ich ganz schnell tot.

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