Neue CD von Chris Rea: "Road Songs for Lovers"
Kreativ im Stau

 

2017 widmet Chris Rea wieder dem, was er am besten kann: Er veröffentlicht ein Album voller hinreißender Rockballaden, auf dem seine einzigartige Stimme und sein Songwriter-Talent in Bestform zu hören sind. "Road Songs For Lovers" kann getrost als sein bisher bestes Album bezeichnet werden.

Genauso relaxt wie seine Musik ist auch deren Erzeuger selbst - und das trotz herber gesundheitlicher Rückschläge in den vergangenen Jahren: Chris Rea, geboren am 4. März 1951 im englischen Middlesbrough als Sohn italienisch-irischer Einwanderer, ist die Gelassenheit in Person. Dass er mit seinem aktuellen Album "Road Songs For Lovers" (BMG) die stärkste Arbeit in seiner rund 40-jährigen Musikerkarriere seit längerem abgeliefert hat, macht den Mann beim Interview mit der Kulturredaktion noch entspannter und zufriedener, als er eh schon ist.

Sie haben sich in einem früheren Interview als "Buddhisten, der eigentlich kein Buddhist ist", bezeichnet - wie darf ich das verstehen?

Chris Rea: Ich glaube, ich habe das im Zusammenhang mit dem Verlauf meiner gesamten Karriere gemeint. Es ist für mich wie offensichtlich für eine Menge Medienmenschen ein Mysterium, dass ich ein ordentlicher Slide-Gitarrist bin, dass ich eine Menge Platten verkaufe - und dass ich dennoch zurückgezogen von der Welt lebe, mit meiner Familie, ohne Skandale, und nach wie vor im Supermarkt nebenan einkaufen gehen kann, ohne erkannt zu werden. Das hat was buddhistisches für mich, so absurd das klingen mag: Ich bin ein Star und doch keiner, da ich völlig relaxt seit Anbeginn meiner Karriere das tue, was ich tun will.

Meine Hauptbestimmung war es, Musiker zu werden. Und so bin ich einer geworden. Ich kann davon leben, meine Familie damit ernähren und wurstle so vor mich hin.

Das liegt bestimmt daran, dass ich mich jeglichen Marketing-Strategien seit jeher entzogen habe. Musik war für mich immer nur Musik - ich habe mich aus dem ganzen Zeug wie Imagepflege rausgehalten. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen relativ hässlichen, von Pasta wohlgenährten Mann, der seine Gitarre liebt. Der Lieder schreibt, die ihm Spaß machen. Der einfach nur präsent ist. Naja, vielleicht ist das wirklich der buddhistische Weg, um ein Leben so zu verbringen, wie man es will. Eines Tages werde ich nicht mehr da sein. Ich werde lächelnd abtreten von der Bühne der Welt. Und dann hoffentlich ein paar Songs hinterlassen haben, die eine Menge Leute positiv inspiriert haben.

Seit bei Ihnen vor über 15 Jahren Bauchspeicheldrüsen-Krebs attestiert wurde, haben Sie sich intensiv mit dem Dasein per Se beschäftigt ...

So eine Reaktion bleibt nicht aus, ganz richtig. Wobei ich vor dem Tod keine Angst habe. Ich entkomme ihm eh nicht, er ist die große Konstante unseres Daseins. Was soll ich demnach Panik vor ihm haben? Die ändert ja nichts an den Umständen. Letztes Jahr hatte ich einen Herzinfarkt, da war ich richtig nah an Gevatter Hein dran. Seitdem habe ich gelegentlich Probleme, die Motorik meiner Hände zu steuern. Ich hoffe, das passiert mir nicht ausgerechnet bei einem meiner Konzerte. Sagt nicht, ich habe niemanden meiner Besucher gewarnt. (lacht) Aber die Vergänglichkeit als solches? Schlimm ist der endgültige Abschied doch nur für die Hinterbliebenen.

Wie sehen Sie dir ziemlich frustrierende Situation der Musik-Industrie von heute - als jemand, der bis heute weltweit mehr als 30 Millionen Tonträger verkauft hat?

Ich erwarte nichts mehr, was Verkaufszahlen meiner Platten betrifft. Meine Frau hat neulich zu mir gesagt: "Lass uns froh sein, dass du in den 80ern ein Nummer-1-Album in den Charts hattest. Von den Tantiemen konnten wir unser Haus bezahlen. Wenn du heute eine Nummer 1 hättest, könntest du dir davon gerade mal die Miete für dieses Haus leisten." Wo sie recht hat - da hat sie leider recht.

Woher kommt eigentlich Ihre Begeisterung für Maschinen, Motoren, Autos, die Ihr Werk wie einen roten Faden durchziehen - auch Ihre neue Scheibe hat einen Straßen-Bezug nennt sich "Road Songs For Lovers"?

Nicht, weil ich ein Auto-Macho bin, das gleich vorweg! Ich glaube, die Idee von Fortbewegung, von-einem-Punkt-zum-anderen-kommen-mit- Hilfe-von-Maschinen - das ist eine ganz wichtige philosophische Angelegenheit der Moderne. Wir haben ja die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit von einem Ort zum anderen zu gelangen. Und während wir im Auto reisen - ein Platz, der eine Art privatester Wohnort ist, weil wir während des Reisens im Auto die Möglichkeit haben, ganz viel über uns und unsere Lebenssituation nachzudenken -, passiert unglaublich viel in uns selbst. Übrigens habe ich die kreativsten Ideen für neue Songs, wenn ich im Stau stecke.

Chris Rea spielt am Mittwoch, 1. November (20 Uhr), in der Münchner Philharmonie.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

Bild: Andy Earl

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