Neue CD von Melissa Etheridge
Tief im Soul

Das Album ist eine Hommage an Stax-Records und die umfangreiche und aufregende Geschichte des klassischen Northern Soul. Melissa Etheridge interpretiert auf dem neuen Album eine Sammlung beeindruckender Soulklassiker des Labels Stax, darunter Songs, die ursprünglich von Musiklegenden wie Otis Redding, Rufus Thomas, The Staple Singers, William Bell aufgenommen wurden. Bild: Myriam Santos
 

"Erwähnen Sie selten oder am besten gar nicht seinen Namen", raunt Melissa Etheridge gleich zu Beginn des Telefon-Interviews in die Hörer-Muschel. Es soll charmant, vielleicht sogar schnippisch klingen, besitzt aber definitiv etwas von einer Drohung. "Sein" Name: Er beginnt mit "D" und hört mit "onald Trump" auf.

Aktuell scheint es in den USA kein anderes Thema zu geben, seit der Self-Made-Milliardär überraschend die Wahl zum US-Präsidenten gewann und mittlerweile mächtig polarisiert. Und da die bekennend lesbische Etheridge, die sich selbst als "hingebungsvolle Emanze" bezeichnet, seit jeher auf Seite der Liberalen zu Hause ist, außerdem mit Familie Clinton eng befreundet, kann man diese Aufforderung, den Namen dieses "grauenvollen Menschen", betont Etheridge über das nächste US-Staatsoberhaupt, im Gespräch möglichst außen vor zu lassen, gut verstehen.

Zwölf Coverversionen

Ist aber kein Problem mit der Namens-Vermeidung der "Hass-Person", wie Melissa Etheridge noch angeekelt hinterher schiebt, denn für Nicht-Amerikaner gibt es weitaus spannendere Dinge mit der 55-Jährigen aus Kansas zu besprechen, die seit Jahrzehnten in Kalifornien zu Hause ist. Schließlich existiert seit kurzem dieses aufregende Album "Memphis Rock And Soul" (Universal), bestehend aus zwölf Coverversionen von Soul-Klassikern, im Original intoniert von Legenden wie Otis Redding, Rufus Thomas oder den Staple Singers.

Klingt zunächst einfallslos, ist es aber im Ergebnis nicht - die Interpretin dieser Neuauflagen heißt Melissa Etheridge, gesegnet mit einer der ausdrucksstärksten weiblichen Stimmen im Rock-Zirkus. Und diese legt sich mit einer solchen Inbrunst in jene Kompositionen, suhlt sich richtiggehend darin, dass man glatt meinen könnte, sie wären aus ihrer eigenen Feder geflossen.



Was sämtliche Stücke verbindet: Sie wurden im Original für das legendäre Label "Stax" aufgenommen, vor allem in den 1960ern und 1970ern Inbegriff für R & B und Soul schlechthin. "Dieser Sound", seufzt Etheridge schmachtend, "darf als Herzstück meiner musikalischen Historie gesehen werden, nichts hat mich - außer vielleicht Janis Joplin oder Bruce Springsteen - mehr für die eigene Musik beeinflusst. Meine Eltern haben mich als Kind richtiggehend zugeballert mit 'Stax'-Liedern, wofür ich ihnen bis heute dankbar bin."

Erste Ideen für dieses besondere Werk hatte Etheridge "unmittelbar nach Erscheinen meiner letzten Studio-Scheibe "This Is M. E.", also vor gut zwei Jahren", erinnert sich die so freundliche wie schon mal resolute Künstlerin, "ich wollte eine Platte mit meinen ultimativen, höchst-persönlichen 'Stax'-Favoriten einspielen." Gesagt, getan. Und um möglichst viel Authentizität in die Aufnahmen zu bringen, mietete sie sich kurzerhand in Willie Mitchell's "Royal Studios" in Memphis ein - immerhin jahrelange Heimat von "Stax"-Zugpferden wie Al Green oder Ann Peebles -, um dort mit dem Sohn des 2010 verstorbenen Eigners, Boo Mitchell, zu produzieren.

Ein ganz heißes Ding

"Boo hat mich in eine wahre Zeitschleife katapultiert", lacht Etheridge, "von ihm erfuhr ich jede Menge wilder Anekdoten aus der Ära, als "Stax" ein ganz heißes Ding war. Als Höhepunkt dieser Sessions stellte sich heraus, dass ich Al Greens legendäres RCA-77DX-Ribbon-Mikrofon verwenden durfte während der Aufnahmen. Und dass mir die legendären Hodges Brothers aus Memphis als Begleitmusiker zur Seite standen. Mit einem Mal steckte ich voller Ekstase in einer Parallelwelt fest."

Etheridge hielt sich nach eigenen Angaben musikalisch wie textlich "weitgehend ans Original, ich habe allerdings versucht, diese überschwängliche Energie etwas zu kanalisieren und mir zu eigen zu machen", erklärt sie. "Außerdem habe ich an den Versen von "Respect Yourself" und "I'm A Lover" geschraubt, damit ihre Inhalte in der Moderne ankommen. Ich hoffe, man verzeiht mir diesen Eingriff."

Dass sich Melissa Etheridge für Covers von "Stax" und nicht deren ehemaliger schärfster Konkurrenz "Motown" entschieden hat, dafür gibt es in erster Linie politische Gründe: "Nichts gegen Marvin Gaye oder Michael Jackson, die für 'Motown' tolle Lieder eingesungen haben. Aber 'Stax' und seine Label-Philosophie war wilder und ehrlicher, man hatte sich voll und ganz der Bürgerrechtsbewegung verschrieben, was mir seit jeher imponiert. 'Stax' stand für Underground-Kultur. Und obwohl ich 50 Millionen Tonträger verkauft habe, fühle ich mich dieser bis ans Lebensende verbunden."
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