23.08.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Paulo Coelho wird 70 Auf dem Jakobsweg zum Welterfolg

Menschheitsfragen beschäftigen Schriftsteller immer wieder. Kaum einer war dabei so erfolgreich wie Paulo Coelho. Millionen Leser warten ungeduldig auf jedes neues Buch - während Kritiker ihre Klingen wetzen.

von Agentur DPAProfil

Zürich. Geliebt oder gehasst, verehrt oder verspottet: Selten hat ein Bestsellerautor so unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen wie Paulo Coelho. Millionen von Lesern verehren ihn als Magier des Wortes, gar als schreibenden Erlöser. Seine Bücher wie "Der Alchimist", "Der Zahir", "Aleph" oder "Die Schriften von Accra" gelten Menschen auf allen Kontinenten als Wegweiser bei der Suche nach nichts geringerem als dem Sinn des Lebens. Kritiker hingegen, gerade auch in Deutschland, haben Coelho oft verrissen. Dem sagenhaften Erfolg des Brasilianers, der am heutigen Donnerstag, 24. August, 70 Jahre alt wird, konnte das freilich kaum etwas anhaben.

Unter den lebenden Autoren hat allein "Harry Potter"-Schöpferin J.K. Rowlings deutlich mehr Bücher verkauft. Die Bilanz des 1947 in Rio de Janeiro geborenen Schriftstellers sieht laut seinem Verlag Diogenes so aus: 215 Millionen Bücher in 81 Sprachen. "Aber mir ging es nie um Geld oder Ruhm, sondern darum, Ideen, von denen ich denke, dass sie relevant sind, mit möglichst vielen Menschen teilen zu können", sagte Coelho dem Magazin "Focus" 2014. Früher gab er oft Interviews. Wohl auch, weil er hoffte, sich Journalisten und gnadenlosen Kritikern besser verständlich machen zu können.

Heute lehnt der Bestsellerautor, der mit "der Liebe meines Lebens", der brasilianischen Malerin Christina Oiticica (65) verheiratet ist und in Genf lebt, Interviews meist ab. Er setzt ganz auf die Kraft seines Werkes - und seiner Botschaften über Twitter und Facebook. Längst hat sich für Coelho ein Traum erfüllt, den er - nach eigenem Bekunden - als schwächlicher, unsportlicher 14-Jähriger hatte, als er sich hässlich fühlte und darunter litt, dass die Mädchen ihn ignorierten: Ein weltweit gelesener Autor zu sein. Und zwar gegen den Widerstand der Eltern.

Elektroschocks und Folter

Vater Pedro Coelho wollte, dass Paulo wie er Ingenieur wird. Die Flausen sollten ihm in einer psychiatrischen Anstalt ausgetrieben werden - mit Elektroschocks und Psychopharmaka. Später kamen andere schlimme Erfahrungen hinzu: Folter in der Zeit des brasilianischen Militärregimes, gegen das er mit Songtexten aufbegehrte, Drogen, bizarre Experimente mit schwarzer Magie und Satanismus sowie Zusammenbrüche begleiteten Coelhos Sinnsuche. Bis er eines Tages in der KZ-Gedenkstätte Dachau am Wendepunkt seines Lebens ankam.

"Obwohl er sein erstes Buch erst 1987 veröffentlicht, wird der Schriftsteller Paulo Coelho bereits am 23. Februar 1982 im Konzentrationslager von Dachau geboren", hielt sein Biograf Fernando Morais fest ("Der Magier", 2008 erschienen). Konfrontiert mit der Leidensgeschichte der Nazi-Opfer holen Coelho die Dämonen seiner psychiatrischen Schockbehandlung ein. Als flüchtige Erscheinung in Dachau und später auch real begegnet Coelho einem französischen Manager des Philips-Konzerns und "Meister" eines geheimnisvollen katholischen Ordens. Der Mann, den er nur Jean nennt, wird für den Brasilianer zum Mentor. Von Jean lässt er sich als Durchhalteübung sieben Monate ohne Sex und Selbstbefriedigung verordnen. Von ihm lässt er sich auf den Jakobsweg schicken. Das Tagebuch seiner Pilgerreise wird zu Coelhos erstem erfolgreichen Buch. Schon das nächste macht ihn weltberühmt. Mit "Der Alchimist", 1988 erschienen, avanciert er zum Kultautor der Sinnsuchenden.

Die Suche nach Sinnhaftigkeit, Erkenntnis, Lebensglück und Erfüllung zieht sich durch die meisten Werke Coelhos. Freilich nicht selten in Spruchweisheiten, die abgedroschen klingen. "Besiegt ist nur, wer aufgibt", lässt er einen Weisen in "Die Schriften von Accra" (2013) sagen. Und: "Wunder öffnen Türen, zu denen niemand einen Schlüssel hat." Das Bedürfnis nach Harmonie und Höherem ist weltweit offenkundig groß; und es wird in Zeiten von Krieg, Flucht und atomarer Bedrohung kaum kleiner. Mit seiner sanftmütigen, einfachen Sprache, mit Gleichnissen, Fabeln, Symbolik und Mystik schreibt sich Coelho immer wieder in die Herzen seiner Leser.

Seelenbalsam oder Schmalz

Doch was die einen als Seelenbalsam empfinden, wirkt auf andere wie das rote Tuch auf den Stier. Coelho mache Millionen mit "Erweckungsschmonzetten", wetterte 2005 die Süddeutsche Zeitung. Geradezu schamlos stelle er den Stolz auf eine Karriere als "Selfmademan des spirituell verbrämten Schundromans zu Schau". Als 2012 der autobiografisch geprägte Roman "Aleph" erschien, war in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu lesen, Coelhos Literatur habe "etwas Seelenpornografisches".

Doch können Millionen von Anhängern irren, die ungeduldig auf jedes neue Buch des Brasilianers warten? Eines scheint jedenfalls klar: Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird offen bleiben. Man müsse begreifen, lässt Coelho die Weisen in "Die Schriften von Accra" sagen, "dass diese Frage eine Falle ist, denn es gibt keine Antwort darauf".

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