Peter Härtling ist tot
Seine Kindheit ließ ihn nie los

Zahllose Schulen in Deutschland sind nach Peter Härtling benannt: Er hat sich gleichermaßen in das Herz von Kindern und Erwachsenen geschrieben - und sich sein eigenes Kämpferherz bis zuletzt bewahrt.

Frankfurt/Main. Der Junge heißt Djadi und kommt aus dem zerstörten syrischen Homs. Als unbegleiteter Flüchtling findet er den Weg nach Deutschland - und hier trotz aller Widrigkeiten auch eine neue Heimat. Auch mit Hilfe eines pensionierten Lehrers, den Djadi in einer Frankfurter WG kennenlernt.

Das im vergangenen September veröffentlichte Kinderbuch von Peter Härtling, der mit 83 Jahren am Montag in Rüsselsheim starb, war sein letztes. Jetzt ist es zu seinem besonderen Vermächtnis geworden. Denn auch Härtling war in jungen Jahren Flüchtling - und musste in der neuen schwäbischen Umgebung mit dem Trauma eines Krieges zurechtkommen. Auch Härtling fand einen Mentor, mit dessen Hilfe er den Weg zum Journalisten und Autor fand.

Mit mehr als 25 Kinder- und Jugendbüchern sowie rund 30 Romanbiografien und anderen Prosastücken hat er sich eine gewaltige Lesergemeinde erschlossen, die alle Generationen erfasst. Der vielfach ausgezeichnete Härtling gehörte damit zu den produktivsten Autoren der Nachkriegszeit. Seine größten Fans hatte Härtling aber unter Kindern, die den "Hirbel" (1975) oder das Buch "Ben liebt Anna" (1979) lieben. Rund 20 Schulen in Deutschland sind allein nach Peter Härtling benannt.

Die Bücher Härtlings sind ohne das Thema Erinnerung nicht vorstellbar. Es bedeutete für ihn die Auseinandersetzung mit der Geschichte und der politischen Vergangenheit. Der Zweifel an der Ehrlichkeit der Erwachsenen wurde für ihn zum "Grundschock", wie er es einmal genannt hat. Nach 1945 gaben sich dieselben Menschen plötzlich demokratisch, die vorher noch einen Diktator bejubelt hatten.

Der 1933 in Chemnitz geborene Härtling ist zum Leidwesen seines Vaters als Zehnjähriger im Jungvolk selbst ein kleiner Nazi gewesen, wie er freimütig eingeräumt hat. Mit der Familie nach Mähren übergesiedelt, flüchtet er nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Mutter vor der Roten Armee. Der Vater stirbt in russischer Gefangenschaft.

Schwere Schicksalsschläge

Über Österreich kommt die Familie ins schwäbische Nürtingen. Die Mutter nimmt sich dort 1946 das Leben. Ihre Vergewaltigung durch russische Soldaten hatte Härtling 1945 mit ansehen müssen. Er bleibt mit seiner jüngeren Schwester bei Verwandten. Neben dem Deutschlehrer und einem Pfarrer wird der frühere Kommunist und Maler Fritz Ruoff zur Vaterfigur für den Jugendlichen.

Härtling arbeitet zunächst als Journalist in seiner schwäbischen Wahlheimat, bevor er 1967 Cheflektor beim Fischer-Verlag in Frankfurt wird. 1974 lässt er sich als freier Schriftsteller nieder. In "Nachgetragene Liebe" (1980) versucht er, das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, die Aufarbeitung des Kriegs und der politischen Vergangenheit auch jungen Menschen nahezubringen. Seinen Ruf als Romanbiograf großer Künstler erwirbt er mit dem 1976 erschienenen Buch "Hölderlin". Seitdem hat Härtling über Schubert, Schumann, Mozart, E.T.A. Hoffmann und zuletzt Verdi (2015) geschrieben.

Über die vielen Briefe von Kindern, die Härtling erhielt, hat er sich immer sehr gefreut. Deren Optimismus und Leidenschaftlichkeit gab ihm, der sich selbst als Melancholiker bezeichnete, Kraft. Von der "geschwätzigen" Politik hatte sich der Autor, der sich lange im Kampf gegen die NATO-Nachrüstung und zugunsten der Ökologiebewegung engagierte, abgewendet.

Härtling, mit einer Psychologin verheiratet und Vater von vier Kindern, lebte in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt. Wie er zuletzt in "Djadi, der Flüchtlingsjunge" bewies, bewahrte er sich sein Kämpferherz. Die Parolen der Rechtspopulisten erinnerten ihn an seine eigenen Erfahrungen, wie er vor einem knappen Jahr der Zeitschrift "chrismon" sagte. "Da bin ich wieder fremd."

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