21.01.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Premiere im "Velodrom": Ein moderner "Menschenfeind" schmollt in Regensburg Brillante Umsetzung in Gegenwart

von Susanne WolkeProfil

Regensburg. "Der Menschenfeind" ist kein Kostümfilm. Das steht für Hans Magnus Enzensberger außer Frage. In seiner Übersetzung der Molière-Vorlage zog der Schriftsteller die nötige Konsequenz: Enzensberger schrieb den "Menschenfeind" skrupellos um und versetzte das Stück in die Gegenwart. Recht hat er. Denn herausgekommen ist endlich einmal ein Klassiker, der nicht so verstaubt daher kommt. Und schließlich ist Molières feinsinnige Charakterisierung menschlicher Schwächen wie Klatsch, Intrige, Snobismus und Missgunst zeitlos und heute genauso gültig wie zur Entstehungszeit des Originaltextes vor gut 340 Jahren.

Erfrischende Art und Weise

Mit begeistertem Applaus wurde "Der Menschenfeind" à la Enzensberger denn auch im Velodrom in Regensburg gefeiert. Dort hatte das Stück am Samstag Premiere. Auf erfrischende Weise ging die Inszenierung von Rüdiger Burbach ein Stück weit auf Enzensbergers Spuren. Denn auch dessen Version - mittlerweile immerhin mehr als 40 Jahre alt - wurde einer Aktualisierung unterzogen.
In einem Umfeld von partywütiger Großstadtschickeria, das der höfischen Welt Molières nicht unähnlich ist, geht es in dem Stück wie selbstverständlich um Dinge der Gegenwart. Der Möchtegernpoet Oronte (Martin Hofer) etwa schrieb sein zweifelhaftes Gedicht "als E-Mail im Büro", wie er behauptet - "in fünf Minuten, einfach so".

Ein Stück, in dem Phrasen vorkommen wie "Ich ließ mich lieber vom Finanzamt pfänden, als mich an so einen Frosch zu wenden", ist generell schon ein dankbarer Ausgangspunkt für einen unterhaltsamen Theaterabend.

In der Regensburger Inszenierung wurden die Rollen mit den passenden Schauspielern besetzt, und fertig war ein kurzweiliger Abend, im Laufe dessen sich "der Menschenfeind" Alceste trotz im Grunde durchaus geistreicher Ansichten zu einer Witzfigur entwickelt. Michael Haake spielt diesen Alceste so, wie ihn Molière wohl selbst sah: als Prinzipienreiter, der in der Wirklichkeit eine komische Figur abgibt.

Vor allem im Umgang mit seiner Geliebten, der leider allzu lasterhaften Célimène, wird Alceste zur bemitleidenswerten Gestalt. Nikola Norgauer, deren Blicke oft mehr sagen als Worte, gibt diese hinterlistige Intrigantin mit fast schon beängstigender Authentizität.

Witziges Duo

Umringt von ihren Verehrern entwickelt sich Célimène bald zum eigentlichen Mittelpunkt der Handlung. Ein Lob verdienen an dieser Stelle Roman Blumenschein als Acaste und Jochen Paletschek als Clitandre. In bewährter Form treten die beiden jungen Schauspieler als witziges Duo auf - in diesem Fall als hirnlose Lackaffen, bei deren Kostümierung wohl ein Griff in die aktuelle H&M-Kollektion getan wurde.

Auch Publikumsliebling Martin Hofer hat als Oronte wieder die Gelegenheit, seine komische Seite zu zeigen. Geistreich ist Hofers Interpretation des Textes: Obwohl Oronte den kritischen Alceste darüber belehrt, dass Reime in der heutigen Literatur völlig unmodern seien, leiert gerade Hofer seine Verse - in diesem Punkt blieb Enzensberger der traditionellen Form Molières treu - am offensichtlichsten herunter.

Überzeugend sind auch die übrigen weiblichen Rollen: Silvia Rhode als Lästerweib Arsinoé und Silke Heise als Célimènes Cousine Éliante. Steffen Casimir Roczek (Alcestes Freund Philinte) allerdings täte gut daran, seine Mimik und Gestensprache etwas zu erweitern.

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