Rainhard Fendrich mit neuem Album auf Tour
Hellwacher Begleiter des Zeitgeists

Beim offiziellen Fotoshooting ist Rainhard Fendrich, wie seine Fans ihn lieben: locker, mit dem Schalk im Nacken. Gerade hat der 61-Jährige sein neues Album "Schwarzoderweiss" veröffentlicht. Doch mit näherrückendem Tourstart spürt der Liedermacher wieder das Kribbeln. Auf seiner im Februar beginnenden Tour durch 15 Städte in Deutschland und Österreich macht der Sänger auch Halt in Regensburg, Nürnberg, München und Passau. Bild: Sandra Ludewig/BMG/dpa
 
Rainhard Fendrich gibt den Ton an: Bei einem kleinen Pressekonzert in Wien stellte er kürzlich sein neues Album vor. Bild: privat

Nicht wenige sind überrascht, wenn sie in Rainhard Fendrichs neues Album reinhören. Vor allem diejenigen, die ihn über die Jahre etwas aus den Augen verloren haben. Die Songs klingen extrem emotional, die Texte ernst. Hat sich der Sänger plötzlich verändert, ist er ein anderer geworden? "Nein", sagt Fendrich über diesen Wandel: "Es ist die Ernsthaftigkeit der Zeit."



Wien. Eigentlich will der Österreicher beim gemütlichen Telefonplausch etwas über sein neues Album "Schwarzoderweiss" und seine im Februar beginnende Tour - unter anderem auch durch Deutschland - erzählen. Doch zunächst lässt ihn das Thema nicht los. Die Wechselwirkungen zwischen einem Liedermacher, seiner Musik und gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen zielen auf eine Frage ab, auf deren positive Antwort alle Musikfans von je her hoffen. Kann die Musik in extremen Zeiten, wie sie die Welt gerade wieder einmal durchlebt - Zeiten des Terrors, Populismus und der Flüchtlingsströme - etwas verändern?

Die Erkenntnis Fendrichs nach mehr als 35 Jahren auf der Bühne, 17 Alben, etlichen Touren und an die 250 geschriebenen Songs klingt im ersten Moment ernüchternd: "Ein Lied kann überhaupt nichts herbeiführen, nur Bewegungen begleiten", betont Fendrich. "Jimi Hendrix' verzerrt gespielte Nationalhymne beispielsweise hat ein Gefühl ausgedrückt und wurde zum Sprachrohr für die Friedensbewegung."

Die Musik könne verstärken, ja, meint Fendrich, "aber die Gedanken sind immer schon vorher da". "Das Gefühl fließt in den Text ein, der dann in den Mainstream eingeht, die Mehrheit der Leute erreicht. So war es immer." Rainhard Fendrich weiß, wovon er spricht und auch dass sich diese Wirkung nicht immer kontrollieren lässt.

Deutungen einer Hymne

Hat sich doch sein vielleicht bekanntester Song "I am from Austria" als inoffizielle Hymne der Alpenrepublik etabliert. Die Österreicher nahmen das eigentlich kritische Lied in einer unerwarteten Weise an. Zuletzt stellte der Sänger es Alexander van der Bellen für den Präsidentschaftswahlkampf zur Verfügung - nicht aber ohne auf den ursprünglichen Kontext hinzuweisen. Nämlich das Bild Österreichs während der Ära Kurt Waldheim. Heute wird der Song von den Leuten positiver, mit einem Wir-Gefühl interpretiert. In jeder Hinsicht vergleichbar mit Bruce Springsteens "Born in the USA". Vertonte Gedanken eines Komponisten, die aus dem Zeitgeist herausgerissen wurden.

Es war eine schöne Zeit, aber auch zur richtigen Zeit vorbei.Rainhard Fendrich über das Projekt "Austria 3"


Für den hat Fendrich unverändert ein feines Gespür. Und einen klaren Blick auf die Menschen, an die er trotz aller Krisen glaubt. So hat beispielsweise auch "Schwarzoderweiss", der Titelgebende Song von Album und Tour, jenes besondere Potenzial, eine gute Botschaft zu verstärken. Das eindringliche Plädoyer für Menschlichkeit tritt der Hetze gegen alles, was anders ist, entgegen.

"Jedes Album ist etwas Besonderes, erzählt Fendrich, "aber so bin ich noch nie an ein neues Projekt herangegangen. Ich habe mir viel Zeit genommen und förmlich mit der Gitarre gelebt." Das Ergebnis dieser zweieinhalbjährigen Entwicklung sind Songs am Puls der Befindlichkeiten der Menschen. Fendrich schreibt und singt über die Flüchtlingsproblematik, die Vorteile "offline" zu sein oder die Schönheit des Alter(n)s.

Auch wenn einige alte Fans den Liedermacher nun neu entdecken müssen oder vielmehr dürfen, ist Veränderung für den mittlerweile 61-Jährigen nach wie vor ein Grundbedürfnis. Wenn der Komponist über musikalische Strömungen oder technische Entwicklungen fachsimpelt, merkt man deutlich, wie sehr er Stillstand ablehnt. Und warum die künstlerische Weiterentwicklung ihm auch während seiner "Austria 3"-Jahre mit Georg Danzer und Wolfgang Ambros gefehlt hat.

Kein neues "Austria 3"

Ähnliche Projekte schließt er daher kategorisch aus. "Es wäre nur ein billiges Plagiat. Wir waren drei Künstler, jeder mit einem satten Lebenswerk", sagt Fendrich. "Es war eine schöne Zeit, aber auch zur richtigen Zeit vorüber." In einer solchen komplizierten Konstellation müsse man sich künstlerisch arrangieren, stets gemeinsame Nenner finden. "Ich kann dann nicht machen, was ich will."

Ein Lied kann überhaupt nichts herbeiführen, nur Bewegungen begleiten.Rainhard Fendrich über den Einfluss der Musik bei gesellschaftlichen Veränderungen


Kompromisse mag der Liedermacher nicht. Bei seinem neuen Album ist er keine eingegangen. Auch am Konzept für seine Tour, die im Februar beginnt, feilt er wenige Wochen davor noch eifrig weiter an den Arrangements. "Seit zwei Jahren habe ich darauf hingefiebert", so Fendrich, der auf den Tourstart brennt. "Natürlich spiele ich neben den neuen Titeln auch meine Hits, das bin ich meinem Publikum schuldig", verspricht der Sänger. "Es wird ein Schmankerl, ein Streifzug durch 30 Jahre meiner Songs." Teils klassisch, teils in neuer zeitgemäßer Bearbeitung. Seine Vorstellungen dazu sind klar, auch wenn er kurz vor seiner Tour nicht alles verraten will. Input von anderen nimmt der Liedermacher zwar auf. Doch letztlich zählt nur seine Sicht der Dinge. Einfach zu 100 Prozent Rainhard Fendrich.

Das klingt sicher eigensinnig, aber auch ungewöhnlich meinungsstark. Vielleicht ist ihm dadurch das wohl nachdenklichste und zugleich intensivste Album seiner Karriere gelungen - auf dessen Umsetzung auf den Konzertbühnen die Fans gespannt sein dürfen.

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