27.10.2017 - 13:52 Uhr
Deutschland & Welt

Reportage zum Volkstrauertag: Stille Zeugen der Aussöhnung

Stalingrad, El Alamein, die Normandie - Namen, die man mit dem Zweiten Weltkrieg verbindet. Aber Dänemark? Der Nachbarstaat im Norden war neutral, strategisch bedeutend wegen seiner Lage zwischen Nord- und Ostsee und deshalb auch leichte Beute für Hitlers Armeen.

von Autor KMProfil

Im Zuge der Unternehmung "Weserübung" überrannten sie im April 1940 nahezu das Land und stießen bis nach Norwegen vor, um dort die Erzlieferungen aus Kiruna abzusichern. Dänemark hielt her als Rückzugsgebiet, als Urlaubsort, als Stützpunkt für die Flotte, bis sich die Situation mit Verlauf des Krieges dramatisch änderte und das Königreich zum Auffanglager für Zigtausende deutscher Flüchtlinge aus den Ostgebieten wurde.

Die Rote Armee war 1944 weit vorgerückt, Ostpreußen vom Rest des Reichsgebietes abgeschnitten. Es blieb nur die Flucht per Schiff über die Ostsee. Die Evakuierungsaktion brachte schließlich 2,4 Millionen Menschen in Sicherheit. Diese Zahl liest sich auf den ersten Blick respektabel, gerade im Hinblick auf das Zusammenbrechen militärischen Widerstandes an nahezu allen Fronten. Diese Zahl ist aber auch zu relativieren. Zigtausende kamen ums Leben, starben auf der Reise durch Luftangriffe oder Torpedo-Beschuss. Der historisch beschlagene Leser kennt die Namen: Auf der "Wilhelm Gustloff", am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot versenkt, starben bis zu 9000 Menschen. Die genaue Zahl ließ sich nie ermitteln. Ähnliches auf der "Goya" (6000 Opfer), der "Cap Arcona" (5594) oder der Steuben (3608).

___ Chaotische Verhältnisse
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Dr. Fritz Debus, Wehrmachts-Gräberoffizier in Dänemark und später für den Volksbund tätig, schreibt in seinen Erinnerungen: "Anfang 1945 begannen die Verhältnisse chaotisch zu werden. Vom März an häuften sich durch die vom Osten kommenden Schiffe die Todesfälle, so dass man bald in allen Orten mit Lazaretten Soldatenfriedhöfe einrichten musste ... Die vor Anker liegenden Lazarettschiffe, die großen Kriegslazarette und die Notlazarette in Schulen und Turnhallen waren bis in die Gänge und Keller überfüllt. Die Ärzte taten ihr Möglichstes, um die Verwundeten zu retten, und alle Sorgfalt des überlasteten und übermüdeten Personals galt den Lebenden. Jedoch waren die Verluste um diese Zeit sehr hoch ... Das erschütterndste war der Anblick der toten Kinder, die in so überaus hoher Zahl den Seetransport auf überfüllten Schiffen infolge der Ernährungs- und Trinkwasserschwierigkeiten und der Aufregung der Luftangriffe nicht überstanden hatten". Soweit der Augenzeugenbericht.

Wer es trotz aller Angriffe aus der Luft und zur See schaffte, landete in Dänemark. 240 000 Flüchtlinge kamen dort an, 15 00 sollten sterben, krank, am Ende ihrer Kräfte. Eines der Lager lag im Örtchen Oxböl, vorher von der Wehrmacht als Übungsplatz genutzt. 1946 vegetierten rund 35000 Flüchtlinge dort auf einer Fläche von vier Quadratkilometern. Das Aufnahmeland hatte selbst zu leiden, im Lager herrschte Hunger, Krankheiten griffen um sich.

Heute liefert ein park-ähnlich angelegter Friedhof eine erschütternde Bilanz dieser Zustände. Der Volksbund archiviert den Schriftverkehr mit Dr. Leo Sahm, damals als Militärarzt an der Front, der sich bis weit nach dem Krieg um die Grabstellen seiner Angehörigen dort kümmerte: Mutter, Tochter und die drei Kleinkinder sind in Oxböl bestattet. Erschütternd auch das Schicksal der Zwillinge Lothar und Manfred Rutkowski, geboren am 22. September 1945, der eine gestorben am 6. November, der andere am 12. November 1945. Der Friedhof birgt heute die sterblichen Überreste von 1675 Flüchtlingen und 121 Soldaten.

Das Lager unterschied sich aber fundamental von denen unter der NS-Herrschaft. Bis zur Auflösung erst im Februar 1949 durften sich die Insassen selbst verwalten, demokratisch einen Bürgermeister und Abgeordnete aus jedem der 25 Unterkunftsblöcke wählen, es gab Theater, Kino und sogar ein Lagergericht und ein Altenheim. Auch 927 Kinder erblickten dort das Licht der Welt.

___ Marine-Ehrenmal
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85 Meter ragt der Turm des Marine-Ehrenmals bei Loboe an der Ostsee in den Himmel. Hier an der Kieler Außenförde liegt das monumentale Bauwerk, das sich seit der Grundsteinlegung 1927 von der Heldengedenkstätte zum internationalen Friedensmahnmal entwickelt hat. Seit 1996 empfängt die Besucher in der Eingangshalle unterhalb des Turms die neue Widmung: "Gedenkstätte für die auf See gebliebenen aller Nationen. Mahnmal für eine friedliche Seefahrt auf freien Meeren".

Der Turm prägt das knapp sechs Hektar große Gelände, auf dem Vorplatz eine Schiffsschraube der Prinz Eugen. Dieser Schwere Kreuzer der NS-Kriegsmarine wurde von der US-Navy 1946 im Pazifik bei Atomtests versenkt. US-Taucher bargen in den siebziger Jahren die mächtige Schraube und übergaben sie 1979 dem Marine-Ehrenmal als Zeichen der Freundschaft und Versöhnung.

In der Eingangshalle mit zahlreichen Plaketten und Erinnerungstafeln beeindruckt vor allem der Kranzschleifenraum. Hier reihen sich unzählige Bänder an einer Wand, die an deutsche und ausländische Kranzniederlegungen erinnern.

Von dort führt ein Gang in die unterirdische Gedenkhalle. In dem Flaggen-umkränzten Rondell legen Angehörige, Freunde und Kameraden Kränze und Blumengebinde für alle auf See gebliebenen nieder. Eine Treppe hinauf betritt der Besucher die Historische Halle mit Schiffsmodellen aus mehreren Jahrhunderten bis heute und der Kriegsmarine von 1848 bis in die Neuzeit. Vor dem Ehrenmal auf See-seite liegt seit 1972 das Original von U 995. Wer sich jemals eine Vorstellung von Enge und Bedrängnis machen will, der nehme sich eine Stunde Zeit, um durch dieses Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg mehr zu kriechen als zu gehen, vorbei an Torpedos, den beiden MAN-Dieseln (jeweils 1400 PS) und der Miniküche für die bis zu 50 Mann starke Besatzung. 663 U-Boote dieses Typs liefen bis 1944 von Stapel. U 995 war im Nordmeer gegen Geleitzüge eingesetzt, lag bei Kriegsende 1945 auf Werft in Trondheim. Norwegen übernahm das Boot und stellte es 1952 wieder in Dienst, um es 1965 als Zeichen der Aussöhnung zurückzugeben mit der Auflage, es als Friedensmahnmal zu verwenden.

Von den 40 000 U-Boot-Fahrern im Zweiten Weltkrieg kehrten nur 10 000 zurück. Ihnen ist ein eigenes Ehrenmal gewidmet, das nur wenige Kilometer von Laboe entfernt in dem früheren Fischerdorf Möltenort liegt. Die Planungen gehen auf Seeleute des Ersten Weltkrieges zurück. Erst 1938 entstand die Anlage mit einem 15,30 Meter hohem Turm, auf dem ein mächtiger Seeadler seine Flügel schwingt. Im Halbkreis gruppieren sich Bronzetafeln mit den Namen von mehr als 35 000 U-Boot-Fahrern beider Weltkriege. Die Anlage erinnert zugleich an alle Opfer des U-Boot-Krieges. Heute noch grüßen alle aus- und einfahrenden U-Boote der Bundesmarine das Ehrenmal mit Aufziehen der Flagge.

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