24.11.2012 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Roger Willemsen liest bei Rupprecht in Weiden aus seinem neuen Buch "Momentum" vor großem ... Augenblicke eines Lebens wie ein Bilderbuch

von Rudolf BarroisProfil

Weiden."Und manchmal fließt dann alles zusammen, Anschauung und Empfindung, das exakte Wort ergreift den Moment, und die Welt leuchtet auf, nur für einen Augenblick." Einer jener wunderbaren Sätze aus dem neuen Buch "Momentum" von Roger Willemsen, das der Autor am Donnerstagabend in der Buchhandlung Rupprecht in Weiden vorstellte.

Er tat dies vor großem Publikum, und er nahm die vielen Zuhörer mit in sein Leben, das er in einer glänzenden Sprache wie ein Bilderbuch vor ihnen ausbreitete. "Momentum" ist keine Autobiografie, es ist aber der gelungene Versuch, Erlebtes in Augenblicken zusammenzufassen, die dann zu einer Geschichte werden.

Kühne, treffende Metaphern, die Überraschung exakter Beobachtung und ihre Ausformung in Sprachbildern nehmen die Zuhörer gefangen.Willemsen beginnt mit einer Geburts- und Kindheitsszene, die in wenigen Worten die Befindlichkeit des kleinen Buben und die seiner Mutter zeichnet: Die Mutter schreit unter den Presswehen. Die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit macht das Kind zum Beobachter. Er beschreibt den winzigen Hund mit den traurigen Augen, vergleicht ihn mit einem Trinker und mit Porträts des Franzosen Toulouse Lautrec. Und dazu der Geruch von verbranntem Laub, der sich mit dem Duft frisch gemahlenen Kaffees vermischt, eine typische Idylle wie sie Kinder in ihrer Eingeschränktheit wahrnehmen und nie vergessen.

"Übersprungenes Leben"

Und so setzt sich das Leben fort: Das "übersprungene Leben" des Fräulein Kaskel, das wenig schmeichelhafte Bild des Pfarrers, der "ein paar Anekdoten, Halbsätze und Pointen aus dem robusten Kinderleben schmarotzt", der Vikar, der seinen Talar trägt "wie ein Heiratsschwindler". Man kann sich den Mann vorstellen, die Beschreibung überrascht trotzdem, löst Lachen aus. Das Wort "Glauben" fällt, Postulat aus dem Religionsunterricht der Volksschule und aus dem Elternhaus. Am Ende ist alles doch nicht wahr, nicht das Erzählte, nicht das Ausgeschmückte. Roger Willemsen geht als Ich-Erzähler in die Welt immer auf der Suche nach dem besonderen Augenblick, als gäbe es nichts kostbareres als ihn. Und auf dem Weg trifft er dann die Menschen, die seine Aufmerksamkeit fesseln, wenn sie etwas urkomisches sagen, Situationswitz, an dem vielleicht ein ganzes unbekanntes Leben hängt. Manchmal sind die Menschen, die ihm über den Weg laufen, Karikaturen, manchmal geheimnisvoll und voller Geschichten.

Nicht immer freundlich

Willemsen hat sich offensichtlich diese besonders faszinierende Vorstellungswelt bewahrt, eben weil sie in der Überzeichnung auch wahrhaftig ist. Willemsens Blicke auf seine Figuren sind nicht immer freundlich. Es ist keine ausgewiesen schöne Welt, die er präsentiert und trifft vielleicht gerade deshalb Selbsterfahrungen seiner Zuhörer.

Willemsen ist vielgereist, auch im Fernen Osten, den er freilich anders sieht als durch die Brille seiner Meinung nach "militaristischer Nachrichten". Menschen in Afghanistan, Kinder in Thailand, bekommen, gerade weil man sie gewöhnlich nur im Rahmen eines Bildschirms kennt, eine eigene faszinierende Ausstrahlung: Momente, die das Leben verdichten auf diesen einen Punkt, der dann selbst zum Kern einer neuen Geschichte wird. Das Reisen ist dann eine Schule der Sinne.

Umarmung und Duft

Wer ihm folgt, und das tun wohl die meisten an diesem Abend, bereist mit ihm keine Kunstdenkmäler oder Monumente, sondern eine Umarmung, einen Duft, einen Konflikt vielleicht oder eine Situation, die sich so einprägt, dass wir sie nicht mehr verlieren. Kinder erinnern sich so und bauen aus dem einen oder anderen davon ein ganzes Leben.

Bei alledem ist der Autor charmant und eloquent, so dass Maria Rupprecht am Ende der Veranstaltung den Scherz wagt, eine Veranstaltung mit Willemsen sei auch dann ein Erlebnis, wenn er aus dem Telefonbuch lese. Das begeistert applaudierende Publikum sah das in Weiden wohl auch so.

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