13.10.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Romanische Dorfkirchen in Burgund Gemeißelter Glaube

Wer sich im französischen Burgund an Kunstwerken und Weinbergen satt gesehen und getrunken hat, der sollte einmal als Kontrast dazu im Südwesten, in der Landschaft Brionnais, die etwa zwanzig 900 Jahre alten romanischen Dorfkirchen besuchen. Diesen Rat gab uns in einem Café in Dijon, der burgundischen Hauptstadt, Père Jacques, der pensionierte Pfarrer aus Cotes d'Aurec.

Das Kirchlein von Cotes-d'Aurec ist eines von etwa zwanzig romanischen Gotteshäusern im Brionnais.
von Autor TAPProfil

Von Peter Tamme

Wir haben seinen Vorschlag befolgt und es nicht bereut. Er ermunterte uns sogar, einfach aufs Geratewohl zu starten und uns schon zu Beginn wegen der großen Zahl dieser alten Gotteshäuser einige von ihnen für eine zweite Tour "aufzuheben". Begonnen haben wir unseren Streifzug mit der Kirche von Père Jacques. Ihr einfaches Äußeres dokumentiert, wie gut sie die vergangenen Jahrhunderte überstanden hat. Im Inneren lasen wir schmunzelnd ein originelles Handy-Benutzungsverbot: "Es ist durchaus möglich, dass Sie beim Eintreten Gottes Appell an Sie hören. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ER Sie per Handy kontaktieren wird."

Ein bekannter Autor hat vom "unerschöpflichen Schatz romanischer Portale" gesprochen. Wir haben bewusst mit einem ganz einfachen Beispiel begonnen. Denn in Varenne-Arconces haben die Bauherren sich mit dem Lamm Gottes und einem Kreuz auf seinem Rücken als einzigem Türschmuck begnügt. Dieses Gotteshaus teilt jedoch mit allen prächtigeren Portalen die Ausrichtung nach Osten. Deshalb leuchten diese steinernen Kunstwerke am eindrucksvollsten in den Abendstunden.

___ Ausgewählte Bibelszenen
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Dies gilt auch für den Tympanon der Kirche von Notre Dame de Sémur-en-Auxois. Fast verblüfft stehen wir vor der Lebendigkeit der 900 Jahre alten Figuren. Wir gestehen offen unsere Ratlosigkeit bei der Frage nach der Bedeutung der vielen dargestellten Personen und der Schifffahrtsszene oben rechts. Damals konnten die meisten Menschen nicht lesen. Sie wussten jedoch um die Bedeutung dieser ausgewählten Bibelszenen und sie glaubten an die in Stein gemeißelten Botschaften. Wir aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts können alle lesen. Doch die Bedeutung der meisten Darstellungen bleibt uns verschlossen. Wer von uns glaubt heute noch an das Jüngste Gericht?

Im selben Portal dokumentiert eine Ausschnitts-Szene mit drei Männern die handwerkliche Kunstfertigkeit der damaligen Bildhauer. Doch auch ein Dorfbewohner konnte uns über die Bedeutung der Skulpturen nicht helfen. Er verhehlte jedoch nicht seinen Stolz über das Interesse der ausländischen Besucher an "seiner Kirche".

Das Portal der Benediktiner-Abtei in Charlieu war ein bildhauerisches Vorbild für viele Dorfkirchen im Brionnais. In der Mandorla (Aura um eine Figur) thront majestätisch ein von zwei Engeln getragener Christus. Außerdem erkennt man die Symbole der vier Evangelisten und die zwölf Apostel. Von jedem der von uns besuchten Portale blieb etwas Besonderes haften. Hier in Charlieu war es die Darstellung der "luxure" (Sinnlichkeit): Eine Frau kämpft mit zwei monströsen Reptilien.

___ Musizierender Zyklop
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Von St.-Julien-de-Jonzy blieb die Himmelfahrtsszene Christi in Erinnerung. In Anzy-le-Duc beeindruckte vor allem der prächtige, italienisch anmutende dreistöckige polygonale Kirchturm. Dem aus gelben Sandstein gehauenen Tympanon verleiht die Abendsonne einen goldenen Glanz und veredelte dieses Meisterwerk romanischer Bildhauerkunst. In Iguerande gab uns ein Kapitell mit einem musizierenden Zyklopen erneut Rätsel auf. Doch diese Unkenntnis regte unsre Fantasie an - wie bei so vielen Dorfkirchen.

Als Schlusspunkt hatten wir die Priorats-Kirche im entfernter gelegenen Perrecy-les Forges gewählt, nicht allein wegen der mit Elefanten verzierten Kapitelle, sondern auch wegen des bewegten Portals. Hier sah man Christus, den zwei mit sechs Flügeln ausgestattete Seraphim trugen. Ein Kind vor uns verwies staunend auf die Ähnlichkeit der Engelsflügel mit denen von Libellen.

Vor der Rückreise hatten wir uns mit Pere Jacques wieder in Dijon verabredet. Natürlich freute er sich über unser positives Resümee. Dabei beklagte er die während der Französischen Revolution an den Kirchen verursachten Zerstörungen und verglich sie mit der aktuellen Kultur-Barbarei der Taliban. Uns jedoch entließ er mit der Mahnung, dass Kirchen in erster Linie nicht als architektonische Schönheiten anzusehen seien, sondern einem höheren Zweck dienen. Zum Abschied empfahl er uns als Nachbereitung die Lektüre des Bernanos-Romans "Tagebuch eines Landpfarrers".

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