31.01.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Vier Wochen alte Tochter kurzzeitig in Kühltruhe gelegt: Kindesmisshandlung: Siebeneinhalb Jahre Haft

Der 39-Jährige versteckte sich unter einer schwarzen Kapuze. Bild: Steinbacher
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Seit Mittwoch verhandelt das Landgericht Weiden über eine schwere Kindesmisshandlung, die sich im Sommer 2013 im Landkreis Neustadt/WN zugetragen hat. Unter anderem legte der Vater sein vier Wochen altes Baby in eine Gefriertruhe. Wie konnte er das tun? An einer Antwort versuchen sich am Freitag eine Psychologin und eine Psychiaterin. Letztere spricht von einer "multifaktorellen Überforderungssituation, die sich gegenüber dem schwächsten Glied der Familie entladen hat".

Beide haben den 39-Jährigen begutachtet. Beide ziehen den gleichen Schluss. Es liegt eine weit unterdurchschnittliche Intelligenz vor. Der IQ beträgt etwa 71 (bei 70 beginnt geistige Behinderung). Sie wundern sich über den Beruf: Kraftfahrer. "Ich habe erhebliche Bedenken hinsichtlich des Führens eines Kraftfahrzeugs", so die Psychologin. Ansonsten: kein Schwachsinn, keine seelische Abartigkeit, kein Suchtproblem.

Schützt Dummheit vor Strafe? Das Urteil beantwortet dies eindeutig: Nein. Landgerichtspräsident Walter Leupold verkündet am Freitagmittag eine Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren. Er bleibt damit nur ein Jahr unter dem Antrag des Staatsanwalts. Verteidiger Rouven Colbatz hielt vier Jahre für ausreichend.
Für Leupold kommt zwar kein Tötungsdelikt infrage. Dafür "rohes Misshandeln eines Kindes" und gefährliche Körperverletzung. Als Beispiel führt er das Knebeln an. Harald S. schob dem Baby ein Spucktuch in den Hals, so dass ein Kinderarzt am Tag darauf verletzte Mandeln feststellte. Leupold: "Dass das auch zum Erstickungstod führen kann, das weiß jeder, egal, welchen IQ er hat."

"Niedere Gesinnung"

Der Vorsitzende Richter erspart dem gebückt vor ihm sitzenden Mann nichts. Auch eine detaillierte Erinnerung an den 22. Juli 2013 nicht. An diesem Tag kam es zu einem "zweistündigen Martyrium" für das Kind. Harald S. kam von einem anstrengenden Arbeitstag heim. Es war heiß. "Er war k. o., fertig." Zunächst schlief das Kind, wachte kurz auf, ließ sich wieder beruhigen. Harald S. sah fern, als die Tochter wieder schrie. Es folgten die bekannten Misshandlungen: unter kaltes Wasser halten, würgen, knebeln, schütteln. All diese Taten für sich allein "hätten den Tod bringen können". Alle andere Taten zeigen für Leupold die "niedere Gesinnung": "Er schmeißt's aufs Bett, legt's auf den kalten Boden, haut's auf den Hintern. Er lässt nichts aus." Mit der Kühltruhe offenbare sich die ganze "Gefühlskälte". Der Richter ist empört: "Ein Kind da reinlegen und den Deckel zumachen!"
Der Angeklagte hat eine Sprachstörung. Er ist lernbehindert. Leupold: "Er kam auf die Idee: Ich muss auch mal der Chef sein. Endlich bin ich mal der absolute Meister." Harald S. habe absurde Ernährungspläne für das Baby aufgestellt. "Es hat sich aber so verhalten, wie sich ein Kleinstkind verhält, wenn es Hunger hat und sich unwohl fühlt." Mit Schreien.

Die Nachbarin in der Wohnung darunter holte gegen 22 Uhr die Polizei. Das Geschrei gehe schon drei Tage, aber jetzt habe die Mutter geschrien: "Du bringst sie ja um!" Die Polizisten mussten lange klingeln, klopfen, rufen, bis der aufgebrachte Vater mit dem hochroten Baby auf dem Arm die Tür öffnete. Sie ließen die Mutter das Baby entkleiden, um nach oberflächlichen Verletzungen zu sehen. Sie sahen keine, informierten aber das Jugendamt. Die Maschinerie kam ins Rollen: Ein Kinderarzt sah die Verletzungen im Rachen. Ein Kripobeamter hakte nach. Die Mutter offenbarte sich, und der Vater gestand.

In U-Haft verprügelt

Oberstaatsanwalt Rainer Lehner fordert achteinhalb Jahre: "Der Angeklagte hat seine Tochter mehrfach in Todesgefahr gebracht." Verteidiger Rouven Colbatz warnt vor der "moralischen Keule": "Er wollte alles, aber sicher nicht, dass das Kind umkommt." Colbatz führt das Geständnis an. Die minimalen Verletzungen. Und die schlimme U-Haft.

Tatsächlich wird der 39-Jährige von Mithäftlingen grün und blau geprügelt. Das bestätigt die Psychiaterin, die bei ihren Terminen in der JVA die Verletzungen sah. Der 39-Jährige vertraute ihr an, dass er geschlagen, mit Wasser, Essensresten und Klopapier vollgeschüttet werde.

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