Hätten Sie's gewusst? Der Hit der Randfichten ist ein altes Volkslied aus der Oberpfalz
Holzmichel heißt eigentlich Hausmichl

Die Geschwister Winterer singen das Lied vom "Hausmichl" schon immer: Die Oberpfälzer Bettelmusikanten aus Schwarzenfeld. (Bild: Piehler)
Kultur
Deutschland und die Welt
21.10.2004
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Evi Strehl, Leiterin der Abteilung Volksmusik des Bayerischen Rundfunks. (Bild: Hartl).

Totgesagte leben eben länger: Der sterbenskranke "Holzmichel" zum Beispiel lebt immer noch, ja er ist lebendiger denn je. Dank der sächsischen Musikgruppe "Randfichten" hat das uralte Volkslied "Lebt denn der alte Holzmichel noch?" den Sprung in die deutschen Hitparaden geschafft und der Halli-Galli-Fraktion unter den Jugendlichen zu einem neuen Idol verholfen.

Aus den Boxen eines tiefergelegten Autos am Amberger Kreisverkehr schrillt Akkordeon-Sound. "Er lebt noch, er lebt noch, stirbt nicht", singt der Fahrer lauthals mit. Bei aller Inbrunst sieht der junge Mann nicht wirklich aus, als ob er mit Volksmusik etwas am Hut hätte. Doch das ist ihm egal: "Das Lied ist einfach Kult. Da macht es mir nichts aus, dass das Volksmusik ist." Eine tolle Sache für Evi Strehl, die Leiterin der Abteilung Volksmusik des Bayerischen Rundfunks. "Dass der Holzmichel zu neuem Leben erwacht, ist natürlich wunderbar", sagt sie, auch wenn sie mit dem jungen Mann aus dem Auto nicht ganz einer Meinung ist.

"Volksmusik ist das nicht." Die ehemalige Heimatpflegerin im Landkreis Amberg- Sulzbach unterscheidet sehr genau zwischen volkstümlicher Musik und echter Volksmusik. "Volkstümliche Musik imitiert Volksmusik nur", sagt sie. "Tümlich" komme von "so tun, als ob". Die ursprüngliche Form des "Holzmichel" ist ein echtes Volkslied, das seit jeher in der Oberpfalz gesungen wird. Bei den "Oberpfälzer Bettelmusikanten" aus Schwarzenfeld gehört es zum Standardrepertoire.

"Das ist schon erstaunlich, was die Randfichten da geschafft haben", sagt Bettelmusikant Josef Lobenhofer, der seine Frau schon "hundert-, wenn nicht tausendmal" beim Singen dieses Liedes begleitet hat. Doch Lobenhofer hat nichts gegen den Höhenflug des Imitats. "Wir sind nicht darauf aus, so eine Karriere zu machen", sagt er und muss lachen. "Sonst wären die Bettelmusikanten ja nicht mehr die Bettelmusikanten." Die Oberpfälzer Version weist grundlegende Unterschiede zur Pop-Variante auf. Beim Titel fängt's schon an: Der "Holzmichel" heißt in der Oberpfalz "Hausmichl".

Beim Text geht's weiter: Der "Hausmichl" hackt kein Holz, sondern sitzt im Bett. Im Volksmusikarchiv der Oberpfalz ist der Text so niedergeschrieben: "Lebt denn der alte Hausmichl no? Hausmichl no? Hausmichl no? Ja, ja, er lebt no, er lebt no, er lebt no, er sitzt im Bett und fangt an Floh." Dr. Adolf Eichenseer, ehemaliger Bezirksheimatpfleger der Oberpfalz, hat das Lied vor etwa 20 Jahren zum ersten Mal gehört. "Das war in einem Wirtshaus in Schierling", erinnert er sich. Eine lustige Männerrunde saß dort zusammen. "Einer daraus, er hieß Ludwig Islinger, stimmte auf einmal den Hausmichl an und das ganze Wirtshaus sang mit."

Vollblut-Musiker Eichenseer war begeistert und schrieb gleich Text und Noten auf. Das Besondere an der Oberpfälzer Variante ist, dass die Lautstärke von Strophe zu Strophe zurückgenommen wird, bis man schließlich kaum noch etwas versteht. Nur die beiden Worte "Ja, ja" werden mit voller Lautstärke gesungen. "Der Hausmichl ist in der ganzen Oberpfalz daheim", erklärt Eichenseer. Als Beleg nennt er die Sänger und Musikanten Alois Demleitner und Sepp Ram aus Stein bei Pfreimd. Von ihnen ist wieder eine andere "Hausmichl"- Version überliefert: "Ja, ja, er lebt no, er lebt no, er lebt no, er liegt im Bett und graawlt scho!"

Der "Hausmichl", da ist sich Eichenseer sicher, ist allgemeines Volksgut. "Natürlich hat es irgendwann mal wer gedichtet, nur - wer das war, das lässt sich heute nicht mehr sagen." Der Heimatforscher findet es prima, dass die "Randfichten" ein so altes, fast vergessenes Volkslied wieder populär machen. "Was ein Volkslied ist, das entscheidet nicht ein Wissenschaftler, sondern das Volk", sagt er. Eichenseers Devise: "Volksmusik lebt vom Mitmachen." Und so freut er sich über die Turnübungen, die halb Deutschland zum "Holzmichel" anstellt und auch darüber, dass der sächsische "Holzmichel" schon wieder ins Oberpfälzische zurückübersetzt worden ist.

Auf den Kirchweihen rund um Amberg sind zurzeit die unterschiedlichsten Ausprägungen zu hören. Das gefällt Eichenseer, denn "Volksmusik ist lebendig und muss sich dazu ständig wandeln." Wenn nicht, drohe sie unterzugehen. Die Volksmusik in der Oberpfalz ist bereits Gefahr gelaufen, das zu tun. Evi Strehl kann im Funkhaus in München auf ganze Schränke voller Material aus Oberbayern zurückgreifen - aber nur auf ein kleines Regal für die Oberpfalz.

"Die Oberpfälzer haben lange gemeint, sie müssten den Oberbayern alles nachmachen", sagt sie. Auf einmal schwärmten dann Musikantengruppen im Naabtal von der schönen Isar und gingen Kirwaburschen auf der Oberpfälzer Alb zum "Gamsen- Schießen" und zur Sennerin. Den beiden Experten ist um die Oberpfälzer Volksmusik dennoch nicht bange. "Wir haben aufgeholt", sagt Strehl. Die Oberpfälzer hätten die Krise als Chance begriffen. Sie seien offen für Neues und sorgten so dafür, dass auch junge Leute den Zugang zur Volksmusik finden. Der "Holzmichel" ist der beste Beweis dafür.