1964 erkrankten 18 Menschen - Jauche fließt in eine Quelle - Bürgermeister und Bauer verurteilt
Typhus: Waldaus schreckliche Zeit

18 Menschen sind Anfang 1964 in Waldau an Typhus erkrankt, nachdem ein Kraftfahrer auf Weisung eines Altenstadter Landwirts 25 000 Liter Jauche aufs gefrorene Feld gekippt hatte und ein Teil davon in eine nicht geschützte Quelle versickert war. Die Typhus-Epidemie brachte das Dorf, damals noch selbstständige Gemeinde, bundesweit negativ in die Schlagzeilen.

Die Boulevardpresse schrieb: "Gemieden wie die Pest. Bürgermeister, Landwirt und Fahrer wurden ein Jahr später wegen Fahrlässigkeit verurteilt.

Am Freitag, 24. Januar 1964, hatte der 27-jährige Kraftfahrer aus dem Landkreis Lichtenfels die etwa 25 000 Liter Jauche, Fäkalien aus den Klärgruben der Baugenossenschaft Altenstadt, auf Anweisung des 42-jährigen Altenstadter Bauern auf dessen Grund ausgebracht. Zwei Bewohnerinnen - Mutter und Tochter - waren Typhusbakterien-Dauerausscheider. Das Staatliche Gesundheitsamt Vohenstrauß wusste ebenso wenig von dieser dauernden Gefahr der Ansteckung durch diese beiden Frauen wie die Opfer selbst. Nur etwa 30 Meter hangabwärts lag eine vollkommen ungeschützte Quelle der Waldauer Trinkwasserversorgung.

"Fäkalienbeseitigung"

Weil es so viel Jauche war - und weil sie offenbar nicht richtig verteilt worden war (ein Gutachter sprach später im Strafprozess von "Fäkalienbeseitigung" an Stelle von Düngung) -, geriet ein Teil davon in die Quelle. So etwas war zwei Jahre zuvor schon einmal passiert, und die Waldauer klagten über stinkendes Trinkwasser. Diesmal waren jedoch Typhusbakterien in der Brühe gewesen. Und diesmal ging es nicht nur mit Gestank aus der Leitung ab.

Zwei Tage lang floss das verseuchte Wasser aus den Leitungen, ganz Waldau trank davon, putzte damit, badete darin. In den folgenden Wochen erkrankten 18 Männer, Frauen und Kinder. Annähernd zwei Monate lang herrschte Wassernotstand im Dorf. Mit Kübeln und Kannen holten sich die Bewohner das Wasser aus der Schlossbrauerei, die ihr Wasser aus einem eigenen, sauberen Tiefbrunnen bezog. Am schlimmsten schien aber für viele Waldauer die Tatsache zu sein, dass sie regelrecht wie Aussätzige behandelt wurden und sich Gerüchten und Spekulationen ausgesetzt sahen. Dazu trugen auch die Schilder bei, die das Landratsamt aufstellte. Zwar sollten diese nur davor warnen, aus dem verschmutzten Bach und dem Schlossweiher Wasser zu holen. Sie wurden aber vielfach missverstanden und stellten das Dorf unter eine niemals verhängte Quarantäne.

Obwohl gleich nach dem Ausbruch der Typhusfälle alles desinfiziert worden war, wollte den Waldauer Metzgern und Bäckern niemand etwas abkaufen, das Bier der Schlossbrauerei wollte keiner mehr haben, auch wenn die Brauerei nie mit Wasser aus der Versorgungsanlage des Dorfes gebraut hatte. Sogar an ihren Arbeitsplätzen wurden Waldauer gemieden, machte man einen Bogen um sie. "Das Gerede ist zehnmal schlimmer als die ganze Krankheit", gaben die Befragten damals zu. Urlaubsgäste aus Offenbach und Füssen, die im Sommer nach Waldau kommen wollten, schrieben ab und legten nur Zeitungsausschnitte bei. Die katholische Kirche entband die 450 Katholiken unter den Dörflern bis auf weiteres von der Sonntagspflicht. Das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg hat diese Dispens offiziell bekanntgegeben. Es sollte schließlich niemand in Gewissensnot geraten, nur weil er aus Angst vor einer Ansteckung nicht zur Sonntagsmesse gegangen war.

An die Wasserversorgung

Am 14. April 1964 wurde ein offizieller Schlussstrich gezogen, die Schutzmaßnahmen aufgehoben. Nur die Schilder blieben noch geraume Zeit stehen. Trotz aller schlimmen Ereignisse hatte das Ganze auch Gutes: In Windeseile war plötzlich der schon lange notwendige Anschluss an die Wasserversorgungsanlage Altenstadt gebaut worden.

Für den Bürgermeister, den Landwirt und den Kraftfahrer hatte das Ganze ein Jahr später ein Nachspiel vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Weiden. Dem Gemeindechef und dem Altenstadter Bauern wurde zur Last gelegt, sie hätten nichts aus dem Fall von 1962 gelernt. Der Bürgermeister hätte für die Sicherung der Quelle Sorge tragen müssen und der Landwirt habe gar die Weisung nach dem ersten Vorfall ignoriert, wonach ihm die Gemeinde Waldau verbot, das Grundstück weiter zu düngen. Der Kraftfahrer hätte sich vorher erkundigen müssen, ob er die Brühe gefahrlos auf die Wiese kippen durfte, warf ihm die Staatsanwaltschaft vor.

Niemand wusste etwas

Alle drei Angeklagten beriefen sich auf Nichtwissen: Der Landwirt sagte, er habe nichts von einer Schutzzone gewusst, der Kraftfahrer, ihm sei nichts von einer solchen gesagt worden, und der Bürgermeister, der auch Wasserwart der Gemeinde war, sagte, er habe immer geglaubt, es sei alles in Ordnung mit der Quelle, zumal er von den Behörden nie gewarnt worden sei. Weiter habe er auch nicht gewusst, dass eine Schutzzone gekennzeichnet und eingezäunt werden müsse.

Der Bürgermeister und der Landwirt wurden wegen fahrlässiger Körperverletzung in 18 Fällen zu einer Geldstrafe von 1000 Mark beziehungsweise - im Fall des Bauern - zu fünf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der Kraftfahrer, der zusätzlich wegen fahrlässiger gemeingefährlicher Brunnenvergiftung verurteilt wurde, bekam sechs Wochen ohne Bewährung. Der Bundesgerichtshof verwarf ein Jahr später die Revision des Landwirts wie auch die des Bürgermeisters. Das Urteil gegen den Kraftfahrer wurde aufgehoben.
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