3190 "Multi-Jobber" im Landkreis Neustadt kommen mit ihrem Hauptverdienst nicht mehr aus
Wenn der Haupt-Job nicht mehr reicht

Neustadt/WN. Immer mehr Menschen im Landkreis brauchen einen Zweit-Job: 3190 Berufstätige waren im vergangenen Jahr auf einen Mini-Job als zusätzliche Einnahmequelle angewiesen. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Pestel-Institut in Hannover im Auftrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gemacht hat.

"Blickt man zehn Jahre zurück, so hat es eine Zunahme von rund 148 Prozent gegeben", sagt Studienleiter Matthias Günther. 2012 hätten sich nahezu acht Prozent der Beschäftigten im Kreis Neustadt mit einem 400-Euro-Job nebenher etwas dazuverdient.

"Wir haben das Phänomen der 'Multi-Jobber'. Das sind Menschen, die mit dem Geld, das sie in ihrem Hauptjob verdienen, nicht mehr auskommen. Deshalb müssen sie auf einen oder mehrere Nebenjobs ausweichen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Aus der puren Lust an einer 55- oder 60-Stunden-Woche macht das jedenfalls keiner", sagt Verdi-Geschäftsführer Alexander Gröbner.
Er macht für das "Multi-Jobben" vor allem Niedriglöhne verantwortlich. "Auf der einen Seite werden Stundenlöhne bezahlt, die im Keller sind. Auf der anderen Seite steigen die Lebenshaltungskosten. Das beste Beispiel ist das Wohnen. Hier dreht sich - nicht zuletzt wegen der Heiz- und Nebenkosten - die Preisspirale unaufhörlich nach oben." Da seien Niedrigverdiener gezwungen, nach Feierabend und an den Wochenenden noch einmal zur Zweit-Arbeit zu gehen, so Gröbner.

Abhilfe kann nur ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn schaffen, darin sind sich Verdi und NGG einig. Der Geschäftsführer der NGG-Region Oberpfalz, Rainer Reissfelder, macht deutlich, dass selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde gerade einmal für ein Leben reiche, das "haarscharf über dem Hartz-IV-Niveau" liege. Alles darunter bedeute erhebliche Abstriche beim Lebensstandard. "Altersarmut ist so programmiert", so Reissfelder.

Eine klare Absage erteilen Verdi und NGG regional unterschiedlichen Lohnuntergrenzen. Dann würde Deutschland zu einem "Lohn-Flickenteppich". Verdi-Geschäftsführer Gröbner warnt vor einer "Deutschlandkarte mit Dumpinglohn-Löchern", in die hinein dann "von skrupellosen Unternehmen die Aufträge vergeben" würden.

Abgesehen davon hält Gröbner regionale Mindestlohn-Tarifverhandlungen "schlichtweg für nicht machbar, da sich die Arbeitgeber von Lohndrücker-Branchen garantiert nicht an einen Verhandlungstisch setzen würden". Auch wirksame Kontrollen wären bei wechselnden Mindestlohngebieten in der Praxis nicht machbar.
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