Acht Kilo Erinnerungen

Wer sämtliche Literatur zur Situation in Deutschland 1932/33 aufeinanderstapelt, kommt auf gefühlte 3500 Kilometer. Eine so lange Strecke legten zwei Regensburger in jenen Jahren in einer wahnwitzigen Aktion zurück. Als das Land politisch auf die Katastrophe zusteuerte, schufen sie ganz nebenbei ein Zeitdokument, das so direkt und unvoreingenommen ist, wie es die bemühteste Historikerkommission nicht sein kann.

Jakob Schmid und Franz Perzl erging es damals wie vielen Mittzwanzigern: arbeitslos, perspektivlos und gelangweilt. So wie sich heute Millionen junger Spanier oder Griechen fühlen. Der gelernte Bäcker Schmid und der Hafenarbeiter Perzl bekamen die Folgen der Wirtschaftskrise in der Endphase der Weimarer Republik in einer schwer verträglichen Dosis ab.

Aus diesem Hamsterrad halfen nur eine zündende Idee und eine ordentliche Portion Fernweh. Beides ergab einen 600 Kilo schweren Ball aus Erlenholz mit 2,05 Metern Durchmesser, den zwei Eisenringe zusammenhielten. An dem Koloss befand sich eine Deichsel, an der Perzl und Schmid die Riesenkugel wie zwei Gäule hinter sich herschleppten.
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Ein befreundeter Wagnermeister baute das Ungetüm zusammen mit den beiden Sportfreunden, die es 10 000 Kilometer zu Fuß auf Landstraßen durch Deutschland rollen wollten. Am Ende schafften sie nur ein Drittel. In Baden-Württemberg fiel das kuriose Gefährt im August 1933 nahe Ellwangen auseinander. In der Zwischenzeit brach Franz Perzl die Reise ab, weil er in der Regensburger Zuckerfabrik eine Stelle gefunden hatte. Seinen Platz nahm der arbeitslose Schmied Georg Grau ein.

Übrig bleibt ein Kraftakt, in dem Hannibals Alpenüberquerung aufblitzt, doch jede Form von Ruhm blieb den Oberpfälzer Tramps versagt. Bis der Regensburger Journalist Hubertus Wiendl 2010 ihre Geschichte freischaufelte und in einem prächtigen Internetauftritt der Welt zugänglich machte. Erst jüngst war das Abenteuer dem spanischen Fußballmagazin "Panenka" eine mehrseitige Reportage wert.

Perzl und Schmid nannten sich Ballonauten. Sie kannten sich vom Fußball beim 1. FC Regensburg (heute RT), wollten Geld verdienen und in einer Zeit, als Reisen für Arbeiter eigentlich kaum in Frage kamen, etwas Neues, ihr Vaterland, kennenlernen. Also zogen sie auf der Steinernen Brücke am 10. Mai 1932 um 6 Uhr früh mit ihrem Holzball Richtung Norden los. Ihr Ziel war zunächst die Ostseeküste, ihr Schlafplatz meist das Innere des Balles, das aus einem Kruzifix und zwei Nischen für Matratzen bestand.
Die ersten fünf Wochen führen die beiden quer durch die Oberpfalz und Oberfranken bis Hof. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit dem Verkauf von Postkarten, auf denen die Ballonauten vor ihrer Attraktion posieren. Darunter steht: "Zwei Männer von dem Donaustrand rollen 12 Zentner durch das Land."

Die Tagesetappen sind 15 bis 20 Kilometer lang. Dann machen die Ballonauten auf Marktplätzen und an Fußballplätzen Station und lassen ihr kugelrundes Wohnmobil bestaunen. Die Reaktionen sind in einem über 8 Kilo schweren und 342 starken Tagebuch dokumentiert: Zeitungsausschnitte, handschriftliche Notizen und vor allem 900 Fotos.

Schmid hat damals das für einen Arbeiter ungewöhnliche Hobby Fotografie akribisch betrieben. Dank dessen hat Hubertus Wiendl heute eine genaue Vorstellung, wie die Route verlief und wie der Riesenball innen und außen aussah, den er zurzeit nachbaut.

Die schriftlichen Aufzeichnungen verraten, dass die Ballonauten in manchen Orten willkommen waren, in anderen nicht. Die oberpfälzischen Stationen haben fast alle die Gemeinsamkeit, dass Schmid und Perzl mit dem Postkartenverkauf nicht sonderlich vorankommen.
"Es war im Durchschnitt recht schlecht, denn es ist halt ein armes aber auch nicht freigebiges Volk", notiert Schmid am 27. Mai über seine Landsmannschaft kurz hinter Pechbrunn. In Oberfranken läuft es schon besser. Die Ballonauten schwärmen vor allem vom Menschenschlag zwischen Marktredwitz und Selb: "Unbeschreibliche Freude unsererseits, da wir tatsächlich in finanzieller Hinsicht gerettet waren. Die Selber Bevölkerung hat sehr mitgeholfen, das wir nicht mit Schande zurück mußten in unsere Vaterstadt. Die Karten waren bis auf 100 Stück weg. Wenn man bedenkt, das bei 12 000 Einwohnern ca. 3000 Arbeitslose sind und diese armen Leute hatten unsere Rettung bewerkstelligt. Behörden sowie Sportvereine haben uns anständig und zuvorkommend behandelt."

Die Oberpfalz kommt nicht immer so gut weg. Zum Beispiel Nabburg: "Konnten fast gar nichts verkaufen, so teilnahmslos sind dort die Leute." In Pfreimd gibt es richtig Ärger: "Beim Gasthof zum Wilden Mann abgestiegen. Waren ganz gute Leute. Mußten hier das Karten hausieren anfangen, da das Geld ausging. Es ist furchtbar, so von Tür zu Tür zu laufen, was das für eine Qual ist. Franz wurde bei einem Haus ausgeschaft als er Karten anbot. Ein Wirtssohn, welcher hier sein Gasthaus hat, drohte mit der Schaufel. Er wollte mich schlagen, da ich ihn einen Stoffel nannte. Habe es ihm aber ausgetrieben."
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Hilfe und Anfeindungen

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Weiden bleibt in besserer Erinnerung: "Angekommen um 7 Uhr abends, abgestiegen im Gasthaus Waldnaab, Besitzer Wilhelm Fritz. Hatten sehr gute Aufnahme gefunden, vor dem Gasthaus verkauften wir unsere Karten sogar Samstags. Haben wenigstens wieder etwas Mut bekommen, waren in Weiden zwei volle Tage."

Über Neustadt, Wurz und Mitteldorf rollt der Ball nach Tirschenreuth: "Unterwegs bekamen wir von einer Bauersfrau Geräuchertes, hat nicht schlecht geschmeckt. Sind im Gasthaus Goldener Löwe, Besitzer Höfinger abgestiegen. Dort verlebten wir schöne Stunden, da die Bevölkerung im allgemeinen nett war, sowie auch die Behörde. Das war wenigstens eine Entschädigung für die schlechte Behandlung welche wir in Schönficht bekamen als wir einen kleinen Imbiß dort einnahmen in dem größten Gasthof. Diese Wirtin behandelte uns direkt, wie man es mit einem Landstreicher nicht macht."

Die Ballonauten treffen auf ihrer 16 Monate langen Deutschlandreise Sympathisanten, Schläger, misstrauische Polizisten, interessierte Sportkameraden, hilfsbereite Lokalpolitiker, ideologisierte Eiferer, freundliche Wirte, neugierige Kinder und arrogante Geschäftsleute. Meist bleiben die beiden Arbeiter aber unter ihresgleichen. In Brockau im Vogtland notiert Schmid: "Wir können feststellen, dass wir von Regensburg bis hierher am besten vom schaffenden Volk, also der kleine Mann, unterstützt wurden."
Die Ballonauten waren Vagabunden und daher nicht mit Sozialprestige gesegnet. Das müssen sie gewusst haben. Perzl, Schmid und Grau beweisen ein Gespür dafür, wenn eine Situation zu heikel wird. Das kann bisweilen ganz drollig sein, etwa in Pechbrunn: "Abends als wir im Lokal saßen, hatten wir einen kleinen Streit mit dem Bürgermeister, wurde aber mit einigen Maß Bier wieder von Seiten des hohen Herrn geschlichtet, denn er hatte nämlich vollständig unrecht. Von Seiten der Landbevölkerung wurde uns erzählt, das ihr Bürgermeister ein guter Mensch ist, aber wenn er ein bisserl viel Bier hat, dann streitet er gerne."

Entsetzt sind die Provinzler dagegen in Chemnitz, wo sie im Juni 1932 Zeuge von Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten werden: "Alle Tage soll es so zugehen, ein paar Tote, nun das kann ja lustig werden. Ein Überfallkomando rast durch die Stadt. Als ich mich im Polizeirevier befragte wegen der Unruhen, sagte der Beamte es wäre nicht so gefährlich. Hier sind alle Tage Unruhen. Die Hauptsache ist, wir mischen uns nicht ein."

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Als Helden untauglich

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Nicht einmischen: Daran halten sich die Ballonauten eisern. Im Tagebuch sind zwar diverse Propagandazettel eingeklebt, Notizen über politische Sympathien oder Abneigungen sucht man aber vergebens.

Man mag es aus heutiger Sicht für naiv halten, aber Grau, Schmid und Perzl waren vor allem mit ihrem Lebensunterhalt beschäftigt. Sie beurteilten Menschen danach, ob sie ihnen wohlgesonnen waren oder nicht. Zwar jagten manche Nazi-Bürgermeister die zwei Exoten aus dem Dorf, ein andermal wurden sie indes von den Hakenkreuzlern großzügig verköstigt.

Über das Motiv ihrer Tour schreiben sie neutral, aber ganz im nationalen Duktus jener Tage: "Durch diese Leistung hoffen wir, dass man uns als echte deutsche Sportmenschen ansehen wird." Als Helden eines Regimes, das individuelle Lebensentwürfe verdammte, haben die Ballonauten aber nie getaugt.

Immerhin hat es für einige Zeitungsartikel zwischen Alpen und Küste gereicht. Die unheilvolle Entwicklung der Zeit überrollte die unkonventionellen Fußballer bald. Während Perzl 1965 in Regensburg starb, fiel Ober-Ballonaut Schmid kurz vor Kriegsende 1945 in Russland.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.ballonauten.de
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