Afghanistan: Dr. Reinhard Erös berichtet in Eschenbach über seine Erfahrungen
Extrem - in jeder Beziehung

"Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen - eine bayerische Familie kämpft für die Kinder Afghanistans". Der Vortrag von Dr. Reinhard Erös bei der Volkshochschule stieß auf großes Interesses. Trotz gleichzeitiger Fußballübertragung lauschten gut 50 Interessierte im Malzhaus gebannt den Ausführungen des anerkannten Afghanistankenners, der bis 2002 Oberstarzt bei der Bundeswehr war.

Fünf Monate im Jahr verbringt Dr. Erös in Afghanistan. Seit über 30 Jahren steht Afghanistan im Mittelpunkt des Interesses. Warum ist das so? Das kleine Land hat keinen Zugang zum Meer, die besonderen geographischen Eigenheiten, extreme Höhenunterschiede und Temperaturunterschiede, erschweren das Leben dort, zumal nur etwa zehn Prozent der Fläche kultivierbar sind. Diese Gegebenheiten sind der Grund dafür, dass der Krieg in Afghanistan, bezogen auf die Größe des Landes, der teuerste Krieg in der Geschichte der Nato ist. 40 Liter Wasser stehen einem Soldaten der Nato pro Tag zu, das muss erst einmal herbeigeschafft werden.

In Afghanistan gibt es mehr als 20 Volksgruppen mit zirka 30 Sprachen und einer eigenen Schrift, auch die dort stationierten Soldaten sprechen unterschiedliche Sprachen, so dass im Moment mehr als 100 Sprachen gesprochen werden. Englischkenntnisse haben die wenigsten Afghanen. Ein Soldat der Nato, der den Menschen helfen soll, müsste eigentlich die Stammessprache können.

Hilfe als Arzt

Bindeglied zwischen diesen unterschiedlichen Stämmen ist der Islam, der seit 1300 Jahren Grundlage des geistigen Lebens ist. Im Gegensatz zum Islam in Saudi-Arabien ist der afghanische tolerant, war niemals expansiv oder missionarisch und hat mit Terrorismus nichts zu tun, betonte Erös. Während der sowjetischen Besatzung von 1979 und 1989 lag die Kindersterblichkeit bei 46 Prozent, auf 250 000 Menschen kam ein Arzt. Das war für Dr. Erös der Grund, dass er sich von der Bundeswehr beurlauben ließ und 1986 mit seiner Familie in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar ansiedelte. Dort gründete Frau Erös ihre erste Schule und er selbst versorgte, versteckt in den Höhlen von Tora Bora, tausende Kranke und Verletzte.

Dem Krieg mit den Sowjets folgte ein bis 1995 dauernder Bürgerkrieg, eine Zeit von Massenmord, Massenvergewaltigungen und Massenplünderungen, bis 1995 die Taliban an die Macht kamen. Wer sind die Taliban? Sie sind kein eigener Volksstamm, sondern ein Produkt von Saudi-Arabien, Pakistan und den USA. Ein Talib ist ein Schüler einer Koranschule in Pakistan. Stunden-, tage-, ja jahrelang lernen die Schüler den Koran auswendig, in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Der Islam wird ihnen als die einzig gültige Religion vermittelt, wer dagegen ist, muss bekämpft werden. Neun Millionen dieser Schüler gibt es mittlerweile, die völlig ungebildet die Schulen verlassen, und noch immer strömen massenweise Buben aus einfachsten Verhältnissen in diese Schulen.
Angehörige der Oberschicht hingegen schicken ihre Kinder auf Privatschulen in die Schweiz oder nach England.

In die Zeit der Taliban fällt die Zerstörung unwiederbringlicher Kulturgüter. Vernichtet wurde auch der religiöse Gegner, die Schiiten, 100 000 bis 150 000 Tote sind zu beklagen.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 lieferten dann der Nato den Grund zum Einmarsch. Die Terroristen waren jedoch keine Taliban, sondern intelligente, junge Akademiker, Techniker, die in Deutschland studiert hatten, sie sind Angehörige von Al Qaida, deren Wurzeln in Arabien zu finden sind. Gemeinsam mit den Taliban ist ihnen nur der Glaube.

Als der damalige Bundeskanzler Schröder 2001 dem amerikanischen Präsidenten Bush die "uneingeschränkte Solidarität Deutschlands" versicherte, entschloss sich Dr. Erös zum Austritt aus der Bundeswehr und ließ sich 2002 vorzeitig pensionieren.

Der Krieg gegen den Terror kostete bis heute 3280 Nato-Soldaten in Afghanistan das Leben, davon 53 Bundeswehrsoldaten, die im Norden des Landes stationiert sind. Mehr als die Hälfte der Bundeswehrsoldaten ist bei Unfällen ums Leben gekommen. Mehr als 25 000 Schwerstverletzte lässt der Krieg zurück. Was es heißt, einen Sprengstoffanschlag in einem Fahrzeug schwerstverletzt zu überleben, zeigte Dr. Erös mit eindrucksvollen Bildern.
Demgegenüber stehen 50 000 bis 100 000 tote Afghanen, allein 2010 starben 346 Kinder bei Kampfhandlungen. 700 Milliarden US-Dollar wurden für das Militär ausgegeben, 35 Milliarden für zivilen Aufbau.

Heute gehen in Afghanistan 45 Prozent der Buben und 35 Prozent der Mädchen auf Schulen, die Koranschulen haben enormen Zulauf. Da die Geburtenrate in Afghanistan sehr hoch ist, können gar nicht genug Schulen für alle Kinder gebaut werden. Eine schulische Ausbildung der Mädchen trüge auch zu einer Senkung der Geburtenrate bei.

Fundamentale Mängel

61 Prozent der Kinder sind unterernährt, die ärztliche Versorgung ist unzureichend, es gibt kein Trinkwasser. Laut dem "Afghanistan Human Development Report" von 2011 hat sich die "humanitäre Lage der Bevölkerung Afghanistans (...) gegenüber der Taliban-Herrschaft nicht verändert". Warum handelt die Politik nicht? Laut Erös ist die Ausstattung der Bundeswehr völlig unzureichend. Sie habe bestausgebildete Soldaten, einen sehr guten Sanitätsdienst, aber es fehlt ihr an fundamentalen Mitteln. Sie verfügt über keine eigenen Rettungs- und Transporthubschrauber in Afghanistan.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.