05.09.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Als die ersten DDR-Flüchtlinge mit dem Zug in die Oberpfalz kamen Jubel, Tränen - endlich in Freiheit!

Ein Tag, der in die Schwandorfer Stadtgeschichte einging: Auf dem Bahnhof begrüßte Oberbürgermeister Hans Kraus am 1. Oktober 1989 über Megafon die neuen Mitbürger aus der DDR. Archivbild: Götz
von Autor HOUProfil

Als sich die abgebremsten Räder des Reichsbahnzuges kreischend in die Schienen stemmten und wenige Augenblicke später aus den sich öffnenden Waggontüren Menschentrauben quollen, nahmen die Emotionen ihren freien Lauf. Nicht nur bei denen, die erste Schritte in die lang entbehrte Freiheit setzten. Auch bei Leuten, die auf den Bahnsteigen in Hof, Weiden, Nabburg und Schwandorf warteten, flossen Tränen. Denn sie ahnten: Eine der ersten Hürden auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands war in diesen historischen Momenten überwunden.

Ein Sonntag mit Nieselregen im Herbst 1989. Der 1. Oktober. Aus der Prager Botschaft durften DDR-Bürger ausreisen, die dort über längere Zeit hinweg im Schlamm und in der Nässe des Außenbereichs zugebracht hatten. Viele mit Schmutz an der Kleidung, ungewaschen, nur mit ein paar Habseligkeiten unterwegs - und doch in der Hoffnung, dem kommunistischen Schurkenregime entkommen zu können.

"Wir sind frei"

Der Zug, in dem die ersten Flüchtlinge mit Erich Honeckers Duldung ausreisten, musste über die DDR in die Bundesrepublik fahren. Plauen, Gutenfürst, vorbei an den unsäglichen Grenzeinrichtungen. In Feilitzsch nördlich von Hof waren alle Ängste, Nöte, das ganze Elend vorbei. Die Waggons standen in der Dunkelheit auf westlichem Gebiet. "Wir sind frei", hallte es durch die vollgepferchten Abteile. Um 6.14 Uhr erreichte der Transport in die Bundesrepublik den Hofer Bahnhof. Stadtvertreter warteten. Es gab Suppe, Brot, Begrüßungsworte. Alle 1200 Zuginsassen schöpften erstmals frische Luft. Jubel, Tränen, einer sang "Let it be." 300 DDR-Bürger blieben in Oberfranken. Die anderen fuhren weiter. Hinein in die Oberpfalz, wo alles vorbereitet war für ihren Empfang.

Der Bundesgrenzschutz hatte Großeinsatz, das BRK mobilisierte alle verfügbaren Kräfte. Später trafen Briefe und Dankadressen ein. "Es ist unglaublich, was Ihr da geleistet habt", wurde geschrieben. Auch nach Weiden, wo der bayerische Sozialminister Gebhard Glück am Bahnsteig stand. Einer von denen, die hier aufgenommen wurden, setzte seine Füße demonstrativ auf den Beton und sagte: "Jetzt bin ich endlich ein freier Bundesbürger!" Das war dann auch die Schlagzeile unserer Zeitung.

Während in der Weidener Ostmarkkaserne die Aufnahmeformalitäten begannen, sich Koffer, Seesäcke, Taschen, Plastikbeutel stapelten und Oberbürgermeister Hans Schröpf eine Begrüßungsrede hielt, war der Zug in Nabburg eingetroffen. Erst Schokolade, dann Schweinebraten für abermals rund 300, die hier vorerst bleiben wollten. In der Grenzschutzunterkunft warteten Landrat Hans Schuierer und Bürgermeister Rudolf Scharf. Duschen, warme Zimmer, Textilien aus einer eigens eingerichteten Kleiderkammer. "Wer damals vor 25 Jahren dabei war, wird das nie vergessen", sagt Schuierer heute. Um 13.59 Uhr hatte der erste Zug aus der Prager Botschaft, dem noch einige in Richtung Hof folgen sollten, sein Endziel Schwandorf erreicht.

"Ein Tag großer Freude für uns und unsere Stadt", ließ Oberbürgermeister Hans Kraus übers Megafon den Gefühlen freien Lauf. Sein Willkommensgruß ging danach buchstäblich im Freudentaumel der noch in den Waggons verbliebenen 300 Männer, Frauen und Kinder unter. Droben auf dem Weinberg servierte Küchenchef Willi Kelz in der BGS-Kaserne Braten mit Kartoffelsalat, gab es wie an allen Stationen 100 Mark als Begrüßungsgeld, strahlte BGS-Kommandeur Helmut Piper trotz harten Einsatzes. Auf der Banknote ein Bundesadler. Karl Marx, Lenin, Planerfüllung und Stasi waren gestern. Als der NT-Reporter zu Interviews ansetzte, fragte man ihn: "Weißt Du wie es ist, ungehindert seine Meinung sagen zu dürfen?" Er wusste es. Seine Eltern und alle Verwandten stammten aus Chemnitz.

Die Fürsorge ging tagelang weiter. Manche blieben in der Oberpfalz, andere reisten nach ein paar Übernachtungen in andere Bundesländer. Zu Verwandten, Bekannten, Freunden. Neue Ziele, neuer Anfang, neue Herausforderungen ohne die Bevormundung einer verbrecherischen Regierung. Die Mauer bröckelte bereits. Doch gefallen war sie in diesen Oktobertagen 1989 noch nicht. "Wir sind das Volk!", skandierten die Leute drüben. Hier bei uns stand ein Volk im Schulterschluss zusammen, um neuen Mitbürgern zu helfen.

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