14.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Aus Guinea nach Luhe: Elsässer Ordensmann Stefan Stirnemann besucht Freunde und Gönner Oberpfälzer Hilfe für Straßenkinder

Gesellige Abendrunde im Nebenzimmer des Gasthauses "Zehentbartl" in Wernberg. Plötzlich Stille. Es erklingt mit klaren Kinderstimmen ein französisches Marienlied wie aus einem Lautsprecher. Es ist Pater Stefan Stirnemanns Handy. Er geht ran.

Antonia Rolf (rechts, mit Enkelin Johanna) und Pater Stefan Stirnemann zeigen Herz für Kinder - sei es wie hier in einem Oberpfälzer Garten, oder im westafrikanischen Guinea. Bild: mh
von Autor MHProfil

Vor kurzem war der Pater vom Orden der Spiritaner (Heiliger-Geist-Orden) ein paar Tage auf Heimaturlaub in Luhe bei seiner "Seelenschwester" Antonia Rolf. Die Katechetin hatte vor vielen Jahren über die Karmelitin Rudolfine, die Schwester des Paters, in Regensburg Kontakt zu ihm geknüpft. Seit vielen Jahrzehnten unterstützen nun die Luher und ein Freundeskreis den Missionar im westafrikanischen Guinea.

Beim Omelette-Essen berichtet er den Oberpfälzer Freunden über seine Arbeit in der Hauptstadt Conakry, wo er immer wieder tief in der Nacht unterwegs ist und Straßenkinder aufliest, die man am Tag oft nicht wahrnimmt.

Blass und dünn ist der Pater, die Strapazen des langen Flugs sind dem 71-Jährigen noch anzusehen. Er spricht leise, als er erzählt, dass er in einer Nacht schon einmal 21 Kinder von der Straße weggeholt hat. Ein Menschenfischer eben.

Verstoßene Kinder

Sehr oft sind es verstoßene Scheidungskinder - geschlagen und gedemütigt. Kürzlich sei ein völlig verängstigter Junge gekommen, weil sein Vater ihm angedroht hatte, ihm die Hand abzuhacken, mit der er gestohlen hatte.

Die Kinder bekommen in seiner Missionsstation zu essen, einen Schlafplatz und Unterricht. "Da in einer staatlichen Schulklasse oft 150 Kinder sitzen, können manche auch nach fünf Jahren noch nicht richtig schreiben und lesen." Einer guten schulischen Basis bei den Patres folgen aber oft gute Abschlüsse und Berufe sowie die Rückkehr ins Elternhaus. Neun Heime hat Pater Stefan mittlerweile in allen Landesteilen Guineas eröffnet. Sie entstanden mit Oberpfälzer Hilfe. Antonia Rolf stellte für Spenden den Kontakt zu Hochkarätern der Oberpfälzer Wirtschaft her. Unter den Gönnern sind Klaus Conrad, Walter Winkler und Christian Engel, denen Pater Stefan sehr dankbar ist.

Die Einrichtungen finanzieren sich aber auch über eine Näherei, eine Schreinerei, eine Schlosserei und nun bald schon auch über eine Bäckerei. "Unsere Betten und Stühle können wir jetzt auch schon selbst zimmern." Dennoch weiß der kleine Franzose am Monatsende oft nicht, wovon er seine 90 Mitarbeiter, oder seinen Reis bezahlen soll.

"Doch hier vertraue ich auf den heiligen Josef, der hilft uns immer wieder weiter", sagt er mit elsässischem Akzent. Jeden Monat bezahlen die Sankt-Josefs-Heime auch sechs bis sieben große Operationen im Krankenhaus. "Das könnten sich die Armen nie leisten."

Angst vor Ebola

Sehr am Herzen liegen dem Ordensmann die Kranken, wie die immer fröhliche Franziska, die die Eltern als Kleinkind ausgesetzt hatten, weil sie taubstumm war. Mittlerweile ist sie so groß, dass sie in eine Schule für Taubstumme gehen kann. Ein schweres Schicksal traf auch die junge Lilly, die man in einer Hütte mit Eisenketten angekettet fand. Wegen psychischer Probleme hatte man sie für verrückt erklärt und weggesperrt. Auch ihr konnte mit Medikamenten geholfen werden. "Sie kann nun mit ihrer kleinen Tochter ein weitgehend normales Leben führen, " ist Stefan erleichtert.

Viele Kranke werden in der eigenen Krankenstation behandelt. Darunter auch Fälle von Aids. Der gebürtige Colmarer hofft, dass seine Kinder und Mitarbeiter von dem in Westafrika grassierenden Ebola-Virus verschont bleiben.

Neben Kindern, Kranken, der sozialen Hilfe und der Hilfe zur Selbsthilfe - "Ein Sack Reis ist oft der Grundstein zur Selbstständigkeit" - ist das Gefängnis ein weiteres Betätigungsfeld. Für ein gestohlenes Handy gibt es schnell mal sechs Monate. "Die Gefangenen bekommen oft nur drei Löffel Reis am Tag und magern dann ab bis auf die Knochen." Seine Mitarbeiter bringen Lebensmittel und versuchen, die jungen Leute rauszuholen. "Manche werden nämlich ganz einfach vergessen, wenn sie nicht zahlen können".

Auch um die Bettler kümmert sich der Ordensmann. Hauptsächlich mit Medikamenten und Unterkunft. Essen ist hier nicht unbedingt das primäre Problem, da Muslime verpflichtet sind, vor den Moscheen Almosen zu geben. "Das reicht dann manchmal für ein bisschen Essen oder ein wenig Rauschgift. 80 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, etwa 15 Prozent Christen und der Rest andere Religionen."

Hauptsache Liebe

Über 200 Kinder gingen bisher durch seine Heime. Er lässt ihnen die Freiheit, ob sie in einer Moschee einer Kirche beten und dem lieben Gott danken wollen. "Die Hauptsache im Leben ist die Liebe". Und diese Liebe zu den Kindern scheint ihm Kraft zu geben. Trotz seiner kräftezehrenden Arbeit und seiner nur noch halben Lunge nimmt sich der Pater ab und an ein wenig Zeit, verkriecht sich in ein kleines Kämmerlein abseits und schreibt. Vier Bücher sind bereits erschienen. Neben seiner vielen anderen Arbeit soll auch die Theologie zu ihrem Recht kommen.

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