30.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Der Natur überlassen

von Josef ForsterProfil

Dem östlichen Landkreis Neustadt/WN fehlt eine größere Wasserfläche gänzlich. Riesige Waldstücke sowie durchgehend landwirtschaftlich genutzte Wiesen und Äcker bestimmen diese stille Landschaft. Doch es gibt eine Ausnahme - ein kaum zwei Quadratkilometer große Areal, das stark an ein großes Flussdelta oder die russische Taiga erinnert: das Pfrentschweihergebiet.

Mit Humor nimmt Naturschützer Hubert Georg Schmid gestrandete Radfahrer, deren Navi immer wieder einmal den Weg nach Tschechien quer durch den Pfrentschweiher weist. Und noch heute erzählt er nicht ohne ein spitzbübisch anmutendes Grinsen im Gesicht von jenem Wanderer, der bis zum Bauchnabel im Schlamm feststeckte und sich nur mit Mühe befreien konnte. Jogger, Radfahrer, Spaziergänger mit Hunden und sogar Reiter "verirren" sich schon mal dorthin, sicher ohne zu ahnen oder gar zu wissen, was sie mit ihren Störungen anrichten.

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Nur gut, dass solche Begebenheiten in dem Naturrefugium zwischen Waidhaus und Eslarn eher selten sind. Wer genauer hinsieht, entdeckt hier ein unglaublich wertvolles Gebiet, dessen Rang nur durch einen ganzjährigen strikten Schutz zu gewährleisten ist.

Pfrentschweiherwiese und Torf-lohe sind zwar bestimmt nichts, wo man einfach mal so durchläuft und gleich etwas Spektakuläres entdeckt. Vor allem botanisch ist es dort eher uninteressant, weil es außer verschiedenen Gräsern nur recht wenige Blütenpflanzen gibt. Etwa Blutweiderich, Gilbweiderich, Mädesüß und Beinwell als Staudenfluren oder den Siebenstern im Frühjahr - aber beispielsweise keinerlei Orchideenarten. Durch die vor Jahrzehnten angestrebte Kultivierung vor allem mit Fichten wurde der Boden verletzt und offen. Auch war die Wiesenfläche einst fast doppelt so groß wie heute.

Erst 1987 kam der Schutzstatus, als die Forderungen der Kenner dieser wertvollen Flächen endlich Gehör fanden. "Weil sich dieser Zustand nicht mehr zurückholen lässt und es solche Gebiete kaum noch gibt," sagt Schmid. Er findet das Pfrentschweihergebiet so wertvoll wie ein Hochmoor im Alpenvorland.

"Wir sollten wenigstens ein paar solche ,Stückerl' der Natur überlassen. Es sind eh nur ganz wenige, die es noch gibt. Mehr wäre besser, um eine Vernetzung der naturbelassenen Flächen zu erreichen." Wenn Natur nicht direkt unter Schutz gestellt werde - und zwar auf Dauer - und wenn nicht Naturschutzverbände möglichst große Flächen erwerben können, sei bald alles weg, befürchtet Schmid: "Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit verlieren wir durch Bebauung und geänderte landwirtschaftliche Nutzung einen wertvollen Fleck nach dem anderen."

Seit 44 Jahren lebt der eher als Storchenbetreuer bekannte Naturliebhaber in Pleystein. In die Region geführt hat ihn der Beruf. Schmid kam als Geschäftsführer der damaligen Molkerei aus dem Allgäu nach Ostbayern und erzählt: "Ich bin bald nach meiner Ankunft hier in der Oberpfalz zu dieser Begeisterung für die heimische Natur gekommen und befasse mich seitdem immer mehr mit deren Erhaltung und deren Schutz." Leider zieht der Naturschützer ein eher düsteres Fazit: "Wir haben viel mehr verloren, als wir retten konnten. Deswegen ist gerade dieses Areal bei Pfrentsch heute so wichtig für die ganze Region."

Für den im Landesbund für Vogelschutz (LBV) stark engagierten Hobbynaturkundler besteht kein Zweifel am Status dieses äußerst wertvollen Gebiets, das nur weiter existieren könne, wenn es möglichst unberührt bleibe. "Man stört eigentlich immer. Jeder, der sich hier bewegt, auch ich. Deshalb sollten es so wenige wie möglich sein und bleiben."

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Ruhig abwarten

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Während die meisten Naturschutzgebiete durch Wege erschlossen sind, fehlen diese im Pfrentschweihergebiet gänzlich. Hier ist Betreten tatsächlich verboten - und zwar ganzjährig. Die unmittelbare Grenznähe begleitet auf Schritt und Tritt, doch nach Tschechien geht es schon lange nirgends mehr hinüber. Es gibt keine durchgehenden Wege oder Pfade. "Das ist eine richtige Ecke, was sich auch auf der Landkarte betrachtet zeigt," erklärt Naturschützer Schmid. Trotzdem ist es notwendig, dass einige Leute die Entwicklung der Fauna und Flora im Gebiet dokumentieren, "um diesen Wert erhalten zu können".

Seine eigenen Erkundungsgänge reduziert der Naturkundler auf ganz wenige Tage im Jahr: "Ruhig bleiben, sich irgendwo hinhocken und abwarten, meist über mehrere Stunden hinweg, zum Beispiel in achteinhalb Metern Höhe auf einem extra errichteten Beobachtungsturm. Man muss da wirklich lange sitzen und aufmerksam Umschau halten." Das Gras ist teilweise so hoch, dass selbst ein aufgerichteter Kranich kaum mehr auszumachen ist. Alte, an den Enden zugeschüttete Gräben und der hohe Grundwasserstand ließen das Gebiet so verwildern, dass selbst ein Mensch im Gras und den Staudenfluren verschwinden würde: "Umso besser für die Natur."

Seit 1971 kennt sich der Pleysteiner hier dennoch recht gut aus. Soweit reicht auch die Zeit von Zählungen und Bestimmungen der hier vorkommenden Vogelarten zurück, deren Vielfalt bald erkannt war. Allein 104 Arten wurden im vergangenen Jahr gezählt, von denen 72 auch gebrütet haben. Die bislang über Jahre gesamte Anzahl der gezählten Arten reicht sogar bis 135.

Es gibt die streng geschützte Bekassine und Waldschnepfen. In den Randzonen leben sogar See-, Fisch- und Schlangenadler. Wohl weniger um zu brüten, sondern eher um sich hier in Ruhe aufzuhalten. Aufgrund der Entfernungen benötigt aber selbst Schmid eine gute Ausrüstung sowie gute Lichtverhältnisse, um diesen Tieren nachspüren zu können.

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Empfindliche Wiese

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"Viele können sich gar nicht vorstellen, dass es hier noch Arten gibt, die sich sonst draußen auf der Flur eigentlich gar nicht mehr halten könnten." Eher unauffällige Bodenbrüter, wie Braunkehlchen und Wiesenpieper, sind regelmäßige Brutvögel. Für einen Brutnachweis muss Schmid übrigens keine Nester finden. Es reichen verschiedene Hinweise wie Art und Dauer des Aufenthalts oder das Revierverhalten durch Gesang, das Tragen von Futter oder das tatsächliche Auffinden von Nachwuchs, beispielsweise über gerade ausgeflogene Jungvögel, die noch gefüttert werden. "So wird das dann auch an die Zählstelle gemeldet."

Wie empfindlich die Pfrentschweiherwiese auf jegliche Einflüsse von außen reagiert, weiß Schmid aus eigenen Erkundungen: "Es gab mal eine Zeit, da hat dieses Gebiet noch ein bisschen anders ausgesehen und es konnte das Gelege eines Flussregenpfeifers nachgewiesen werden." Auch der Flussuferläufer fühlte sich damals hier heimisch. Den Waldwasserläufer gibt es noch - das Birkhuhn ist allerdings verschwunden. Damals ließen sich ebenso Grün- und Rotschenkel sowie Kampfläufer als Durchzügler beobachten, obwohl das Areal noch gar nicht zum Naturschutzgebiet erhoben war.

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