Deutsche Realität abseits von Vorzeigeprojekten
Selbst sind die Eltern

Auch Eltern wollen, sollen oder müssen berufstätig sein. In dieser Zeit brauchen ihre Kinder aber Betreuung - und da wäre noch so einiges zu verbessern.Archivbild: dpa
 
Die Großfamilie ist in Deutschland vom Aussterben bedroht. Denn viele Kinder zu haben muss man sich auch leisten können. Archivbild: dpa
Kinder sind unsere Zukunft - wer möchte diesen Satz nicht unterschreiben? Und trotzdem, die Geburtenrate in Deutschland liegt seit Jahrzehnten statistisch bei rund 1,4 Kindern pro Frau. Egal, was sich die Politiker auch einfallen lassen, ob "Elternzeit" oder Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz - es wird einfach nicht besser.

Natürlich: Nicht jeder Erwachsene möchte Kinder haben. Die Zeiten, in denen Verhütung schwierig und eine große Kinderschar auch eine Altersvorsorge war, sind vorbei. Wir leben in einem aufgeklärten, reichen Land. Wahr ist auch, dass nicht wenige Paare sich wohl Kinder wünschen, aber keine bekommen. Es gibt viele medizinische Ursachen für ausbleibenden Nachwuchs und ebenso viele Gründe, warum Betroffene ihr Problem nicht publik machen.

Tropfen auf heißen Stein

Ebenso wahr ist aber: Eltern haben es nicht allzu leicht in Deutschland. Die Serie "Kinder sind unsere Zukunft" stellt löbliche regionale Projekte für Kinder und Eltern vor. "Bitte nachmachen!", möchte man bei der Lektüre jedoch laut ausrufen. Denn eine rührige Tagesmutter hier und ein Betriebskindergarten dort sind letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die großen Probleme bleiben.

Kaum eine Familie kann es sich noch leisten, auf ein zweites Einkommen zu verzichten. Auch wenn Ehen scheitern, sieht die moderne Rechtssprechung vor, dass fortan beide Partner selbst für ihr Auskommen sorgen - egal, ob es Kinder zu betreuen gibt oder nicht. Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, und alleinerziehende Berufstätige sind also keine Ausnahmen mehr, sondern die Regel. Trotzdem scheint sich unsere Politik, unsere Gesellschaft darauf nicht eingestellt zu haben. Vor allem abseits der Großstädte nicht.

Teils befremdlich

Eltern können noch manch andere befremdliche Erfahrung machen. So erwartet der Arbeitgeber natürlich, dass die junge Mutter pünktlich nach drei Jahren Erziehungsurlaub wieder ihren Dienst antritt. Die Kindergartenleitung im Heimatdorf allerdings findet, es wäre günstiger, den Nachwuchs erst ein Vierteljahr später in der Einrichtung unterzubringen. Dann beginne schließlich das neue Kindergartenjahr. Ob man die drei Monate bis dahin nicht noch überbrücken könne?



Doch das ist nur der erste Stresstest für die frischgebackene berufstätige Mutter. Der ländliche Kindergarten betrachtet es nämlich als selbstverständlich, den ganzen August und die zwei Wochen nach Weihnachten geschlossen zu bleiben. Damit wäre der Jahresurlaub ja schon mal verplant. Stehen die Oster- oder Pfingstferien an, sollen die Kinder besser auch zu Hause bleiben. Zwar bietet der Kindergarten eine sogenannte "Feriengruppe"; es wird jedoch betont, dass dafür nur jene Kinder anzumelden sind, bei denen es wirklich nicht anders geht.

Natürlich schließt die Einrichtung schon am Nachmittag. Am sehr frühen Nachmittag. Eine Vollzeitstelle ist da nicht drin, eine Teilzeitstelle auf die Vormittagsstunden zu beschränken, Schichtarbeit quasi unmöglich. Dass Teilzeitkräften in deutschen Unternehmen die große Förderung und Anerkennung winkt, lässt sich aber auch nicht behaupten. Doch noch 2013 zeigt eine kurze Recherche im Internet: Die meisten regionalen Kindergärten, sogar die in den größeren Städten, machen zwischen 15 und 17 Uhr "dicht".
Und doch sind solche Erfahrungen nur eine Vorbereitung auf das, was erst nach der Einschulung der Kinder kommt: satte 14 Wochen Ferien im Jahr, und jetzt gibt es keine "Feriengruppe" mehr! Ebenso bleibt die "gebundene Ganztagsschule" mit wechselnden Unterrichts- und Ruhephasen von früh bis spät ein "Sonderangebot", ja wird gar als besondere Leistung herausgestellt. In kleineren Gemeinden fehlt sie eh völlig.

Vielleicht gibt es dort wenigstens eine Hausaufgabenbetreuung. Nur: Das kostet die Kommunen Geld, und da kann die Qualität schon mal leiden. Das Personal muss also nicht unbedingt qualifiziert sein, die Beschäftigungsangebote für die Kinder fallen eher dürftig aus, das Essen ist zwar billig, aber auch nicht gut. Eigentlich, könnte man meinen, will diese Einrichtung gar niemand so recht. Wer nicht umhinkommt, seinen Nachwuchs dorthin zu schicken, den schauen familiär besser vernetzte oder sozial besser gestellte Eltern gern mal schief an - nach dem Motto: "Da kann ja nichts werden aus dem armen Kind! Gut, dass wir das nicht nötig haben!"
Tatsächlich setzt das deutsche Schulsystem noch im dritten Jahrtausend weitgehend darauf, dass Eltern einen großen Teil des Bildungsauftrags selbst erfüllen. Bildung ist wichtig, sie ist der Schlüssel zu einem guten Leben und unabdingbar in einem hochtechnisierten Land. Die Ansprüche gerade an Bayerns Schulen sind hoch, und dank des dreifach gegliederten Schulsystems wird schon Neunjährigen klar: Wer den Übertritt "ans Gymmi" oder an "die Real" nicht packt, der ist ein "Opfer".

Entsprechend agieren viele Eltern. Der Nachwuchs darf nach der 4. Klasse bloß nicht auf der als "Restschule" gebrandmarkten Hauptschule - Pardon, jetzt heißt es ja Mittelschule - landen! Und im Konkurrenzkampf um die besten Zukunftschancen fürs eigene Kind setzt man in deutschen Familien auf viel Eigeninitiative, statt gemeinsam den Staat, der solche Rahmenbedingungen schafft, in die Pflicht zu nehmen. Mütter und Väter pauken also selbst mit ihrem Nachwuchs oder bezahlen teure Nachhilfestunden. Und das durchaus schon für Grundschüler!
Von der Schule selbst ist meist wenig Hilfe zu erwarten. Das acht Jahre alte Kind kommt in Mathematik nicht mit? "Wir können hier niemanden besonders fördern", sagt dazu der Rektor: "Wir sind schließlich nicht in Skandinavien, wo sie zwei Lehrer in jeder Klasse haben." Und als wäre diese Aussage nicht schon beängstigend genug, heißt es anschließend noch: "Es reicht doch, wenn man nach neun Jahren die vier Grundrechenarten beherrscht. Mehr braucht man später eh nicht."

Eine Kostenfrage

Der Druck, der auf Müttern und Vätern lastet, ist groß. Die Klage, dass zu wenige Deutsche sich für Familien mit mehr als zwei Kindern entscheiden, ebenso. Was die Politiker dabei zu vergessen scheinen: Eine große Familie muss man sich hierzulande auch leisten können. Denn Kinder brauchen nicht nur fürsorgliche Eltern, Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Kleidung. Die Tagesmutter, der Kindergarten, der Hort, alles muss bezahlt werden. Der Schulbesuch ist zwar umsonst, aber Hefte, Lektüren, Schreibzeug, Ranzen, Turnschuhe, Taschenrechner, Schulatlas, Malkasten, Arbeitshefte, Lern-CDs, das alles kostet. Vom Computer mit Internetzugang, den inzwischen schon Grundschüler zu Hause zur Verfügung haben sollten, oder dem Skikurs ganz zu schweigen. Sogar "Kopiergeld" müssen die Eltern regelmäßig berappen, und das oft in Pauschalbeträgen.

Viele Aufgaben

Das Kind hat schiefe Zähne? Im Jahr 2013 schickt es sich nicht mehr, dies einfach hinzunehmen. Die kieferorthopädische Behandlung will aber teilweise vorfinanziert sein. Und Fußball spielt man schon lange nicht mehr mit den Kumpels auf dem Bolzplatz, sondern "richtig" im Verein. Trikots, Schuhe, Fahrten zum Training und zum Turnier sind aber nicht gratis zu haben. Ebenso wenig wie der Musikunterricht, wenn der Nachwuchs kulturell gefördert werden soll, oder der vielleicht lebensrettende Schwimmkurs. Förderung ist neben der Geld- aber auch eine Zeitfrage. Wer kann das ohne Großeltern, die mit eingreifen, oder Personal für mehrere Kinder noch leisten?

Kinder sind unsere Zukunft - in Deutschland aber wollen weder Staat noch Wirtschaft allzu viel in diese Zukunft investieren. Doch Hand aufs Herz: Solange Eltern das hinnehmen, die Mängel im System in Eigeninitiative ausgleichen und dabei doch nur das Fortkommen und Prestige des eigenen Nachwuchses im Auge haben, wird sich fürs Wohl aller wenig ändern. Familien werden keine "Lobby" haben - und die Geburtenrate in einem der reichsten Länder der Welt wird eine der niedrigsten der Welt bleiben.
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