15.07.2008 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Dialekt in der Schule - Dr. Ludwig Schießl beleuchtet aktuelle Situation - "Regional polyglott" ... Appell: Mundart im Lehrplan verankern

von Autor SLUProfil

"Dialekt und Schule am Beginn des 21. Jahrhunderts - Anspruch und Wirklichkeit unter dem Aspekt neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse." So lautete der Titel des Vortrags, den der Leiter des Oberviechtacher Dialektforums, Dr. Ludwig Schießl, bei der Jahreshauptversammlung der Johann-Andreas-Schmeller-Gesellschaft Tirschenreuth hielt.

Sein Credo, dass Mundart in der Schule heute zeitgemäßer ist denn je verband er mit einem Aufruf an die zuständigen Stellen, diesem Umstand durch eine stärkere, verbindlichere und damit nachhaltigere Verankerung dialektaler Themen in den Lehrplänen Rechnung zu tragen.

Diskussion Sprachbarriere

Bevor er die aktuelle Situation beleuchtete und eigene Betrachtungen zum Thema anstellte, befasste sich Dr. Schießl in einem historischen Rückblick mit dem negativen Stellenwert des Dialekts im 20 Jahrhundert. Seinen Höhepunkt in Bezug auf den schulischen Sektor fand diese Entwicklung Ende der sechziger Jahre durch die so genannte Sprachbarrierendiskussion, ausgelöst durch die Theorien des Engländers Basil Berstein, der zwischen einem elaborierten Code (Hochsprache) und einem restringierten Code (Dialekt) unterschied und damit der Mundart den Status eines defizitären Systems zuschrieb, durch das Schüler benachteiligt würden.
Ausgehend von einem Paradigmenwechsel in den achtziger Jahren im Rahmen der Soziolinguistik bzw. Varietätenlinguistik beschrieb der Referent die aktuelle wissenschaftliche Position, die dem Dialekt als eigenem, in sich geschlossenem Sprachsystem einen gleichberechtigten Platz innerhalb eines sprachlichen Kontinuums einräumt. Anhand von Zitaten zeigte er auf, dass die schulische Realität mit diesem gewandelten Verständnis jedoch noch nicht Schritt hält. Dem gegenüber stellte er sehr positiv gehaltene Aussagen der Kultusminister Hohlmeier und Schneider. In diesem Spannungsfeld siedelte Dr. Schießl seine eigene Wahrnehmung und Sehweise an, wobei er vier Bereiche der Dialektverwendung in der Schule unterschied: Kommunikationsmittel; Unterrichtssprache (Metasprache); Unterrichtsgegenstand und als Hilfsmittel kontrastiver Sprachbetrachtung im Fremdsprachenunterricht. Bilanzierend stellte er fest, dass es zwar eine Reihe von verheißungsvollen Ansätzen gibt, wie etwa eine Lehrerhandreichung aus dem Jahr 2006, dass es aber insgesamt noch beträchtlicher Anstrengungen bedarf, um ein entsprechendes Bewusstsein für den Wert und Stellenwert der Mundart und die daraus resultierende Rolle im Schulalltag zu entwickeln. Mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog, der vor allem auch den extracurricularen Sektor mit einschloss, versuchte er, Anregungen und Dekanstöße zu geben.

Im Wandel

Dr. Schießl schloss seine Überlegungen, die in Gänze im Jahresband 2008 der Schmeller-Gesellschaft abgedruckt werden, mit einem Appell an die zuständigen Stellen im Kultusministerium und dem Institut für Schulqualität und Bildungsforschung. Dabei wies er mit Nachdruck darauf hin, das Potential einer lebendigen und ausdrucksstarken sich im Wandel befindlichen lokalen bzw. regionalen Sprachvarietät zu nutzen, um die Kinder angesichts einer übermächtigen Globalisierungsbewegung eingedenk ihrer sprachlichen und kulturellen Herkunft sozusagen "regional polyglott" zu erziehen.

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